Multatuli

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Skizzen Skizzen aus dem Leben Multatulis

Dekkers und die Werbung;
Dekkers und die Juden
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Inhaltsangaben

Dekker und die Werbung

Die Geschichte einer fortschrittlichen Idee


Daß dieser Mann voller praktischer Ideen ist, weit seiner Zeit voraus zeigen immer wieder seine Einfälle.

Datiert vom 1. September 1873 verschickt er einen Rundbrief an gut 50 Tageszeitungen in Europa und einiges über 50 Regierungen (bis nach Ecuador und Brasilien, aber auch Sachsen Weimar: damals ein eigenes Großherzogtum). Er schlägt vor: die freien Flächen der "Billette" und "Tickets" für (zu bezahlende) Werbung zu benutzen. Zu diesem Zweck soll der Karton der Karten durch normales Papier ersetzt und auch die Größe verändert werden, damit mehr Platz gewonnen wird, weil jeder Zoll Fläche typographisch wichtig sei. Zudem werde es dann nur Karten geben für die Fahrt von Station zu Station: "Die Reisenden mit entfernteren Zielen sollen ein Heftchen erhalten,das aus perforierten Blättern besteht, auf denen jeweils nur die eine bestimmte Station erwähnt wird."

Er selbst (oder sein Nachfolger) soll auf 25 Jahre die Hälfte der Einnahmen erhalten. Aber, wie er an den Verleger Funke halb resigniert schreibt: "was man mir geben wird, ist eine andere Frage."

Man gab ihm weithin noch nicht mal eine Empfangsbestätigung, geschweige denn eine Antwort. Immerhin: das "Departement of the Interior" der Vereinigten Staaten bestätigt am 16. September (so schnell ging das schon mit der Post) den Empfang und teilt mit, daß die Regierung der United States "keine Beziehungen hat zu Eisenbahnen, auch keine Kontrolle ausübt, also nicht eingreifen kann". "With thanks, therefore, for your suggestion, I must decline taking any action thereon. Very respectfully" usw. Er ist bei der falschen Adresse gelandet.

Ebenso in Sachsen Weimar, wo man ihm - Goethe könnte es geschrieben haben - en français mitteilt, daß man keine "chemin de fer" besitze. Die "Societé Autrichienne des chemins de Fer" gibt sich die Ehre, ihm mitzuteilen, daß man "dans la conference directoriale" über seinen Vorschlag beraten habe, aber "en raison des circonstances actuelles" seiner Idee nicht nähertreten könne

Seine Selbsteinschätzung der verfolgten Idee: "Ich glaube, eine Sache von sehr großer wirtschaftlicher Bedeutung gefunden zu haben." - In der Tat: es ist das Schicksal großer Meister, zu Lebzeiten verkannt zu werden. Erst unsere Zeit hat Deks Idee (modifiziert) realisiert.



Dek und die Vorurteile gegen Juden

Gustavsburg! Gustavsburg! ...
aber auch:
Mainz-Bischofsheim und Mainz-Kostheim

Dekkers Freundin Mimi erzählt vom Aufenthalt im Wirtshaus "Zur Gustavsburg" eine sehr schöne Geschichte:

"Es war gegen Sonnenuntergang, und wir saßen auf einer Bank vor dem Wirtshaus, als ein paar polnische Juden ankamen in ihren langen Mänteln und mit ihren charakteristischen steifen Löckchen in den langen Haaren, so daß jeder sogleich erkannte, wer sie waren. Sie trugen ein Bundelchen in der Hand und gingen ins Haus hinein.

Bald hörten wir die Wirtin in lautem Ton sprechen. Dek sprang auf und lief hinein: 'Was gibts hier, was wollen die Leute?'

'Nun, sie verlangten ein Nachtquartier, aber es wurde ihnen verweigert!'

'Warum?' frug Dek. 'Warum können die Leute hier nicht schlafen?' 'Es ist nicht möglich, es geht nicht.'

'Nur eine Matratze im Schankraum hingelegt, das ist uns schon genug, wir sind müde', sagte einer der Leute.

Im Nu war die ganze Familie des Wirts dazugekommen. 'Bitte macht das doch', sagte Dek. 'Sie sind müde, und wenn euch angst ist um die Bezahlung, das nehm ich auf meine Rechnung.' Aber es war nichts zu machen. Wir begriffen nicht, was dahintersteckte. denn es war Platz genug.

Dek bot den Menschen an, etwas zu sich zu nehmen, aber bescheiden wie sie waren, lehnten sie dankend ab. Sie hatten Brot in ihrem Bündelchen und wollten lieber weiter. Es begann schon dunkel zu werden, und so eilten sie zum nächsten Dorf: Bischofsheim.

Als sie ein gut Stück weg waren, lachte die Familie, und der Wirt sagte: 'Auch in Bischofsheim werden sie kein Nachtquartier finden!"

'Warum nicht? Woher wißt ihr das?' frug Dek.

'Ja, weil sie Juden sind. Die nimmt man nicht auf, weder hier noch in Kostheim.'

'Und im nächsten Dorf?' 'Auch da nicht.'

'Was sollten die Leute denn dann tun?' Dek wurde zornig über so viel dümmliche Grausamkeit, und er äußerte das in kräftigen Worten. Der Wirt erkannte, daß Dek recht hatte, und bedauerte es, sich den geltenden Sitten gefügt zu haben."

...

Als Dek und Tine 1870 aus Den Haag wegziehen - er zunächst nach Mainz, sie für immer nach Italien - schreibt Multatuli: "die Möbel und andere Sachen hatten 3.000 fl. [ Gulden ] gekostet. Sie sind verkauft worden an einen Juden für 600 fl. - und er bezahlt nicht!"

Freilich verkennt Dekkers Charakter gründlich, wer nun meint, er habe sich fortan reserviert gegenüber Juden verhalten. Der kosmopolitisch eingestellte Dekker verlor bei allem feinen Gespür für kulturelle Andersartigkeit, die er zugleich in hohem Maße zu respektieren wußte, doch nie den Blick für den einzelnen, jeweils individuellen Menschen.
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© 2001 Prof. Dr. Erwin Leibfried