Hanns-Josef Ortheil: Faustinas Küsse. Roman. Luchterhand Literaturrverlag München 1998. 351 S. DM 42.-

Mit einer gewissen Reservation wird der einen Goethe-Roman in die Hand nehmen, der weiß, was auf diesem Feld in der Vergangenheit angestellt wurde, mit Schiller besonders, der von trivialem, sentimentalem Pathos nicht verschont blieb. Nun wird man diese Befürchtung nicht stark werden lassen, wenn man den Autor, seit seinem Aspekte-Literaturpreis von 1979 der literarischen Welt bekannt, schon einmal in einem seiner bislang fünf Romane getroffen hat.

Anlaß für die Entfaltung der poetischen Phantasie Ortheils könnte die von Goethe selbst geschilderte Episode vom Gardasee sein, wo er als Spion verdächtigt verhaftet wird. Ein bißchen gerät man in die Atmosphäre der IM: Giovanni Beri, ein römischer Lümmel, der gerade bei seinem Arbeitgeber, den Borgheses, geflogen ist, weil er im Weinkeller erwischt wurde, beobachtet die Ankunft eines Fremden auf der Piazza del Popolo und heftet sich an seine Fersen. Er wird ihn nicht mehr aus den Augen verlieren und dem Padre, einem Vertreter des päpstlichen Geheimdienstes berichten, was er konspirativ ermittelt: allmählich aufgebaut, Steinchen für Steinchen, wird er erfahren, daß es sich um den Geheimen Rat und Minister von Goethe im Dienst des Herzogs von Weimar handelt. Und, da weiß der Geheimdienst doch, warum er Beri bezahlt: dieser Goethe, der ein berühmter Dichter ist und sich in Rom anscheinend nur für Kunst interessiert, arbeitet gegen den Kaiser in Wien, da doch sein Herzog Carl August an einem norddeutschen Fürstenbund strickt, der nicht großdeutsch gesinnt ist.

Beri wird selbst zum Dichter werden, indem er die phantasievollsten Agentenberichte über den Gast aus dem Norden verfaßt.

Der Roman Ortheils ist voller immer frisch erzählter Details, Goethe als Protestant, der den Papst nachäfft, der den Apoll als Gott anbetet, der den verunglückten K. Ph. Moritz pflegt, ... Fragen darf man, ob der Leser ein bißchen betrogen wird vom Titel und dem verlockenden Bild auf dem Umschlag: mit Frauen und Küssen geht's langsam an, sagt doch Beri selbst zum Padre: Æer zeigt sich niemals in Gesellschaft einer Frau, sie kommen in seinem Leben einfach nicht vor."

Im dritten Teil steigert sich die Erzählung und aufs Ende zu erst wird Rosina, die Beri zunächst auf Goethe angesetzt hatte, ohne Erfolg zu haben, vom knarrenden Bett berichten, das der Goethe-Freund aus den Römischen Elegien des Meisters kennt. Daß Faustina die Geliebte Beris ist, die ihm Filippo Miller also ausspannt, macht Beri zum Werther, der sich bei Alberto, wenn schon nicht Pistolen, so doch Bücher ausleiht. Daß eine andere Überraschung mit dem Padre bevorsteht, macht diesen Roman zu einer spannenden einfallsreichen Geschichte, wo man ein Kapitel auch gern ein zweites Mal liest.

Der Stil Ortheils ist in glücklicher Weise ein Wechsel zwischen olympischem Erzähler und erlebter Rede, was den Lesers in hohem Maße fesselt und eine geheime Kraft der überzeugenden Wirkung dieses Romans ausmacht. ÆEh, Giovanni Beri, war das zu fassen? Ja, er spürte es, ihm rann eine einzelne Träne die rechte Wange herunter. Eine Träne, ihm eine Träne?"

Deutschland hat so einen Roman, der sich - vorsichtig umblickend, dann mutig dreinschauend - neben Thomas Manns Lotte in Weimar stellt. Goethe in Rom.

Prof. Dr. Erwin Leibfried, Univ. Gießen