Ernst-Eckstein-Arbeitsstelle

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Eckstein-Bibliographie Bibliographie

"Ernst-Eckstein-Bibliographie" von Karola Rimmel
ein kleines Gedicht Ecksteins Gedicht

ein kleines Gedicht des Gießener Autors
Ecksteins Spuren
Wirkungsgeschichte

Spuren, die der Gießener hinterlassen hat
Ecksteins-Lese- und Bilderbuch Lesebuch

Ernst-Eckstein-Lese- und Bilderbuch
Ernst Eckstein Ernst-Eckstein-Arbeitsstelle

Prof. Dr. Erwin Leibfried Blumenstr. 26
D-35463 Fernwald

Institut Für Neuere Deutsche Literatur Justus-Liebig-Universität Giessen

Telefon & Telefax:
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Ein Straßenname in Gießen wird 150 Jahre alt

Ernst Eckstein - der Liebling unserer Urgroßmütter

Am 6. Februar 1845, also vor gerade 150 Jahren (1995), wurde Ernst Eckstein in Gießen als Sohn eines Rechtsanwalts geboren. Er wurde, wie noch Goethe, zunächst privat unterrichtet und ging erst mit neun Jahren aufs Landgraf-Ludwigs-Gymnasium. Wo er dann auch bald wg. Werfens von Knallerbsen Schwierigkeiten, d.h. drei Tage verschärften Karzer, bekam. Damals ging es noch etwas preußischer als heute zu: Er erhielt zugleich das gefürchtete consilium abeundi - alle konnten noch Latein - also den Rat, diesmal nur für ein halbes Jahr, die Schule zu verlassen. Ernst Eckstein war indes hoch begabt: Mit 17 bestand er als Primus das Abitur. Er kann es sich leisten, durch Europa zu reisen: Italien, Frankreich, und er bereitet sein Studium der romanischen Sprachen vor. In Marburg wird er 1866 mit einer französisch geschriebenen Arbeit über den "Geizigen" von Molière promoviert. Er erhält die venia legendi - die Berechtigung, als Privatdozent an der Universität zu lehren. Die akademische Laufbahn, freilich damals wohl wie heute eine schlaglochreiche Wegstrecke hätte ihm offengestanden; aber wie schon Goethe an einer Professur nicht interessiert war: Auch Ernst Eckstein wird Schriftsteller und bald zu den großen Bestseller-Autoren der Gründerzeit.

Er beginnt mit der Verarbeitung schulischer Erlebnisse: Berühmt wird er durch seinen "Besuch im Karzer". Hier dreht der Schüler den Spieß um; es gelingt, den Herrn Direktor in den Karzer zu bringen. Das ist eine ganz kurze, eigentlich recht platte Erzählung, die doch Auflage auf Auflage erlebte. Zu erklären ist dieser Erfolg nur, wenn man an den Druck denkt, den die damalige Schule ausübte. Ernst Eckstein rächt sich an den autoritären Lehrerfiguren und bereitet seinen Lesern den Genuß, den gefürchteten Schultyrannen einmal in mißlicher Lage zu sehen.

Wieder reist er, Spanien kommt hinzu; überall kann er sich fließend in der Landessprache verständigen, er ist zwei Jahre Zeitungskorrespondent in Paris: muß aber 1870, als der Krieg sich ankündigt, nach Deutschland zurück. Aus Italien, er war in Neapel, vertreibt ihn 1872 der Ausbruch des Vesuvs: so als habe er das Erdbeben in Japan erlebt.

Bald wird er Redakteur einer vielgelesenen Zeitschrift und heiratet: was eine Phase der Ruhe in Leipzig, dem damaligen literarischen Zentrum des neuen Reiches, einleitet. Er schreibt weiter humorististische Texte, Lyrik und Prosa und hat überall als wendiger Literat das Ohr am Wind: Er hängt sich an die damalige Mode des Geschichtsromans: der oft von gebildeten Professoren verfaßt wurde. Bekannt ist heute wohl noch Felix Dahns "Ein Kampf um Rom" (Ernst Eckstein steht im Briefwechsel mit ihm).

Eine Reihe von historischen, im Mittelmeerraum spielenden, umfangreichen Romane liefert Ernst Eckstein ab: Oft ist es die Situation des verrotteten, sittlich verkommenen Spätroms und des sich entwickelnden Frühchristentums, das ihm den Stoff liefert (man darf vermuten, daß der Pole Sienkiewics mit seinem berühmten, hollywoodverfilmten "Quo vadis" bei ihm abkupferte). Ernst Eckstein konnte in diese Romane - mit moralisch erhobenen Oberlehrer-Zeigerfinger, allerdings ironisch grinsend - ausgedehnte Schilderungen des römischen, ach so ausschweifenden Lebens einflechten. Es war die einzige Möglichkeit, unseren streng erzogenen, bis oben zugeknöpften Urgroßmüttern, die Ernst Eckstein in der einen und den Kochlöffel in der anderen Hand hielten, verbotene Lust zu bereiten.

Sein gesamtes literarisches Werk ist damit noch nicht erinnert:

Es gibt eine Fülle von Romanen und Erzählungen, von Lyrik, besonders humoristischer. Die Gründerzeit mit ihrem Plüsch und ihrer Prüderie, mit ihrer adligen Herrenschicht liefert den Stoff. Die jüngst erschienene Bibliographie von Karola Rimmel nennt fast hundert selbständig (als Buch) erschienene Werke (ohne die vielen Beiträge in Zeitschriften). Übersetzungen erscheinen ins Dänische, Englische, Holländische, Polnische, Schwedische, Ungarische, usw.; es gibt Ausgaben in stenografischer Schrift und vieles mehr. Seine Bücher werden mit Illustrationen geschmückt, die Jugendstileinbände sind heute besonders reizvoll.

Auch einen durchaus ernstzunehmenden naturalistischen Roman hat Eckstein geschrieben: Familie Hartwig (1894). Er schildert darin - nach dem Muster des Eisernen Gustav - den Niedergang eines Schneidermeisters: Er wird durch die moderne Konfektionskleidung, die man von der Stange kauft, arbeitslos. Sein blühender Betrieb, indem mehrere Schneidergesellen beschäftigt sind und wo es sonntags Braten gibt, macht bankrott. Die neue Zeit erfordert eine Umschulung. Als ob Ernst Eckstein damit nicht Strukturen auch noch unserer Tage träfe...

Ernst Eckstein heiratet nach dem Tod seiner Frau 1891 zum zweiten Mal. Eine Nierenerkrankung macht ihm zu schaffen, mehrere Schlaganfälle bereiten seinen recht frühen Tod im Jahre 1900 vor. Bald danach versinkt er in jene Vergessenheit, die so manchen einst Berühmten zudeckt.

© 2001 Prof. Dr. Erwin Leibfried