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Theatrale Gegenstände
Regionaltagung der Société internationale pour l'étude du théâtre médiéval (SiTM), D-A-CH
Wienhausen, 7.–9. März 2018

Programm [pdf]

Nachdem seit wenigen Jahrzehnten die kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft einerseits unter dem Blickwinkel des ›pictorial turn‹ Dingbeschreibungen und Ekphrasis, andererseits im Zusammenhang mit der Wiederentdeckung soziologischer und ethnologischer Ansätze und mit dem ›New Materialism‹ das Thema der ›Gabe‹ und des ›Gabentausches‹ (wieder)entdeckt hat, richtet sich in neuester Zeit der Blick der Forschung vermehrt auf ›Dinge‹, denen eine gewisse eigene Handlungsgewalt zugeschrieben werden kann, oder, um mit Valentin Christ zu sprechen, die »im Spannungsfeld von bloßem Zuhandensein und eigener Wirkung« stehen. Mit ›Dingen‹ hatte die Theaterwissenschaft schon immer zu tun: mit Requisiten, Kostümen, Bühnenmaschinen und Kulissen oder auch mit Bildern und Figuren, deren Aussagewert für die Konstruktion von Aufführungen seit Panofsky diskutiert wird. Bei unserer Tagung der deutschsprachigen Sektion der Société Internationale pour l'étude du théâtre médiéval wollen wir diese zwei Ansätze von Gegenstandsorientierung miteinander verbinden – und das an einem Ort, der berühmt ist für seinen reichen Schatz an materiellen Zeugnissen mittelalterlicher Frömmigkeit. Im Kloster Wienhausen werden unermessliche Reichtümer an mittelalterlichen Bildteppichen, Figuren, Truhen, liturgischen und privaten Gegenständen aufbewahrt. Sie zeugen ebenso wie die reich ausgemalte Kapelle von der Bildlichkeit und Materialität einer Kultur, in der auch die mittelalterlichen Spiele anzusiedeln sind. Sie mögen als Anregungen für die Vorträge dienen.

Bei der Tagung möchten wir fragen, welche Rolle Gegenstände im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Spiel und in der theatralen Kultur des Mittelalters spielten: als Requisiten, Kulissen oder Bühnenmaschinen, als Motive (etwa bei Heiligkreuz-Spielen), als Akteure (etwa beim Einsatz von Monstranzen oder Reliquiaren) in Spiel oder Prozession, aber auch als einmalig aktiv werdende Hindernisse (etwa bei Erzählungen von brechenden Bohlen), zudem als Inspiration für Spiele oder Spielszenen, als deren Zeugnisse oder als Parallelen zu einer bestimmten Spielkultur. Wir möchten dabei die Begriffe ›Spiel‹ und ›Theater‹ so offen verstehen wie in der SITM üblich: Inbegriffen werden alle Formen der Theatralität und Semi-Theatralität, vom Ritus und der musikalischen Präsentation über das ›eigentliche‹ oder das in einer individuell-beschaulichen Lektüre ›imaginierte‹ Schauspiel bis hin zur weltlichen Präsentation, zu Schauprozessen und Turnieren. Wir begrüßen insbesondere auch Vorträge, die sich theoretisch mit dem Verhältnis von mittelalterlicher/frühneuzeitlicher Theatralität und Dinglichkeit auseinandersetzen. Die zeitliche Grenze unseres Betrachtungsrahmens liegt ca. beim Jahr 1600. Aber wir begrüßen auch Vorträge zur zeitgenössischen Rezeption mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Theatralität.

Die Vorträge werden anders als bei den internationalen Tagungen der SITM nicht vorab veröffentlicht, sondern in voller Länge gehalten (25–30 Min. Vortragszeit). Eine Veröffentlichung im Organ der SITM, in European Medieval Drama, ist nach der Tagung vorgesehen. Die Veröffentlichung darf in deutscher, englischer oder französischer Sprache erfolgen; die Tagungssprache aber ist Deutsch. In Einzelfällen sind aber auch Vorträge auf Englisch möglich.

Jörn Bockmann (joern.bockmann.uni-flensburg.de)
Carla Dauven-van Knippenberg (carla.dauven-vanknippenberg@uva.nl)
Cora Dietl (cora.dietl@germanistik.uni-giessen.de)