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Société Internationale pour l'Étude du Théâtre Médiéval,
Giessen, Germany, 19th–24th July 2010

Press Report

Gießener Zeitung, 12.07.2010

von aus Stadt und Land am 12.07.2010

 

Gießen | Die Société Internationale pour l’Étude du Théâtre Médiéval (SITM), die führende wissenschaftliche Gesellschaft zur Erforschung des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Dramas, tagt erstmals seit ihrer Gründung in den 1970er Jahren in Deutschland, eingeladen von Frau Prof. Dr. Cora Dietl vom Institut für Germanistik, JLU Gießen.
Traditionell sind die Tagungen der Gesellschaft begleitet von einem Mittelalter-Theaterfestival, bei dem Studierende der verschiedenen an der Tagung beteiligten Universitäten unter wissenschaftlicher Anleitung und mit viel experimentellem Elan mittelalterliche Theaterstücke vortragen – öffentlich und jederzeit gespannt auf Nachfragen und auf eine Diskussion der Aufführungskonzepte mit den Zuschauern: Wissenschaft soll hier nicht im Elfenbeinturm bleiben, sondern offen für ein breites interessiertes Publikum.

Hessen war im Spätmittelalter eines der wichtigsten Zentren des geistlichen Spiels in Deutschland, mit so berühmten Spielen wie dem Frankfurter Passionsspiel, dem Alsfelder Passionsspiel oder dem Hessischen Weihnachtsspiel. Wir davon ausgehen, dass auch zahlreiche weltliche Spiele, Fastnachtspiele oder Frühjahrsspiele, hier aufgeführt wurden, auch wenn sie uns nicht überliefert sind. Das heißt, dass eigentlich nur in die Region zurückgeholt wird, was hier schon einmal da war.

Attraktive Aufführungsorte sind ausgewählt worden, um der Rekonstruktion der mittelalterlichen Spieltätigkeit ein entsprechendes Flair zu verleihen:

18. Juli, 19 Uhr, Botanischer Garten, Gießen:
"Mankind"
Eine mittelenglische Moralität aus dem 15. Jahrhundert, in deren Zentrum die lebhafte Demonstration der Laster steht, die das menschliche Leben begleiten. Das Spiel fragt nach der Rolle des freien Willens des Menschen und nach der Möglichkeit der Erlösung für diese Welt.
Aufgeführt von Studierenden der Universität Hull (GB) unter der Leitung des Anglisten Dr. Philip Crispin (Universität Hull).


19. Juli., 20 Uhr, Pankratiuskapelle, Gießen:
"Dies Irae"
Ein Totentanz-Singspiel, zusammengestellt aus spätmittelalterlichen lateinischen und deutschen Chorälen. Das Spiel setzt sich mit der Gewissheit des Todes, aber der Ungewissheit dessen, was und wie der Tod eigentlich ist, auseinander. Am Ende aber steht doch die Zuversicht auf das ewige Paradies, verfestigt durch Gottes Verheißung.
Aufgeführt von der Salzburger Virgilschola unter der Leitung des Musikwissenschaftlers Dr. Stefan Engels (Universität Graz).


20. Juli, 20 Uhr, Schloss Rauischholzhausen:
"Aucassin et Nicolette"
Ursprünglich ein altfranzösisches sangbares Märe aus dem 13. Jahrhundert, das von der Liebe eines jungen Adeligen zu einer heidnischen Prinzessin erzählt, hier in ein Schauspiel umgewandelt. Vielerlei Missgeschick trennt die Liebenden, aber die Klugheit Nicolettes und die Liebe finden neue Wege, um wieder zusammen zu kommen.
Bearbeitet von dem Anglisten Matouš Jaluška (Prag), aufgeführt von Studierenden der Universität bzw. der Kunstakademie von Prag und Brno, unter der Leitung der Theaterwissenschaftlerin Barbara Herz (Brno).


21. Juli, 20 Uhr, Schiffenberg:
"Fasnachtspil von Astrology und warsagren" / Zacharias Bletz: "Wunderdoktor"
Eine Kombination aus zwei Luzerner Fastnachtspielen aus dem 16. Jahrhundert. Erzählt wird von ganz besonderen Exemplaren der Quacksalber und dubiosen Wunderhelfer für Leib und Seele, die das Bild des frühneuzeitlichen Markttreibens prägen. Begleitet und kommentiert von einem Narrenpaar, versuchen sie arglosen Bürgern das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Aufgeführt von Studierenden der Universität Bern, unter der Leitung der Theaterhistorikerinnen PD Dr. Heidy Greco-Kaufmann und Franziska Franz.

21. Juli, ca. 20.30 Uhr (im Anschluss an das o.g. Spiel), Schiffenberg:
"Salomon und Markolf"
Ein Nürnberger Fastnachtspiel aus dem späten 15. Jahrhundert von Hans Folz, angereichert mit Passagen eines Fastnachtspiels von Hans Sachs aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Erzählt wird von dem Bauern Markolf, der den weisen König Salomon zu einem Redewettstreit provoziert und all die Weisheit Salomos in den Dreck zieht. Salomon aber will sich nicht geschlagen geben... Am Ende siegt die Gewalt – die wieder von der List übertrumpft wird.
Aufgeführt von Studierenden der JLU Gießen, unter der Leitung der Germanistin Prof. Dr. Cora Dietl.


22. Juli, 20 Uhr, Marburger Schloss, Fürstensaal:
"Neidhartspiel"
Ein schwankhaftes Spiel um den Bauernhasser Neidhart, basierend auf dem spätmittelalterlichen „Sterzinger Neidhartspiel“. Es geht um das erste Veilchen im Mai, das gefunden und der Erzherzogin gemeldet werden soll. Ritter Neidhart findet es, doch bis er die edle Dame benachrichtigt hat, haben ihm die Bauern einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt beginnt der immer wieder neue Versuch beider Parteien, der jeweils anderen etwas anzutun…
Aufgeführt von Studierenden der Universität Bamberg, unter der Leitung der Germanistin Dr. Andrea Grafetstätter (Bamberg) und der Theaterwissenschaftlerin Kristina Schippling (Berlin).
*** Eintritt frei***


23. Juli, 20 Uhr, Schloss Braunfels, Soldatengasse:
"The Life and Death of Saint Herring"
Ein schwankhaftes Heiligenspiel aus dem späten 15. Jahrhundert, ursprünglich in französischer Sprache, hier aber in englischer Übersetzung. Es geht um einen Pseudo-Heiligen, bei dem sich kulinarische Genüsse mit Märtyrertum verbinden – wenn eben die Fastenzeit die üppige Fastnachtszeit vertreibt.
Dargeboten als Zwei-Personen-Stück, von der Mediävistin Sharon King (University of Cali-fornia, Los Angeles) und ihrem Mann.

23. Juli, ca. 20.30 Uhr (im Anschluss an das o.g. Spiel), Schloss Braunfels, Soldatengasse:
Hans Sachs: "Der fahrend Schuler"
Ein Nürnberger Fastnachtspiel aus dem 16. Jahrhundert. Auf humorvolle Weise wird gezeigt, wie Studierende, die in der Frühen Neuzeit von einer Universität zur anderen wechselten, auf der Reise ihren Lebensunterhalt verdienten. Die Dummheit von Bauern kann nützlich sein…
Aufgeführt von der Mediävistischen Theatergruppe der Universität Tübingen, geleitet von Konrad Raab und betreut von dem Germanisten Prof. Dr. Klaus Ridder.


24. Juli, 19 Uhr, Burg Staufenberg (Oberburg):
"Mankind"
Eine mittelenglische Moralität aus dem 15. Jahrhundert, in deren Zentrum die lebhafte Demonstration der Laster steht, die das menschliche Leben begleiten. Das Spiel fragt nach dem freien Willen und nach der Möglichkeit der Erlösung für diese Welt.
Aufgeführt von Studierenden der Universität Hull (GB) unter der Leitung des Anglisten Dr. Philip Crispin (Universität Hull). [Wiederholung der Aufführung vom 18.7.]


Eintrittspreise (jeweils für den ganzen Abend):
Vollpreis: 6 Euro
ermäßigt: 4 Euro
Tagungsteilnehmer: Eintritt frei
Aufführung in Marburg: Eintritt frei

Vorverkauf (nur bis 16. Juli):
Mo–Fr, 8–12 Uhr: Tina Döring, Institut für Germanistik, Zi B135, Tel. 0641-9929081

Abendkasse:
Öffnet jeweils 1 Std. vor der Aufführung.

Die Tagung und das Festival werden unterstützt von der Stadt Gießen, der JLU Gießen, der Gießener Hochschulgesellschaft, dem DAAD, dem Reichert-Verlag Wiesbaden und dem Lite-rarischen Zentrum Gießen.

Weitere Informationen zur Tagung sowie die Volltexte der Vorträge können heruntergeladen werden unter http://www.uni-giessen.de/~g91159/sitm.htm.


 

Gießener Anzeiger, 14.07.2010

Gießener Allgemeine, 17.7.2010

Gießener Allgemeine Online, 20.7.2010

http://www.giessener-allgemeine.de/Home/Mediathek/Video/Video,-Versuchung-Suendenfall-und-Reue-_regid,1_vid,438_puid,1_pageid,225.html

Gießener Allgemeine, 20.7.2010

Gießener Anzeiger, 20.7.2010

Gießener Zeitung, 21.7.2010

Express. Gießener Magazin, 23.7.2010
Gießener Anzeiger, 23.7.2010
Gießener Allgemeine, 23.7.2010
Wetzlarer Neue Zeitung, 25.7.2010

Braunfels/Gießen

Die Qualen eines Herings

Mittelalter-Theaterfestival gastiert auf Schloss Braunfels

Braunfels/Gießen. Seit 1974 gibt es die Internationale Gesellschaft für Studien des Mittelalter-Theaters (SITM). Alle drei Jahre treffen sich die Mitglieder zu einer wissenschaftlichen Tagung. Zum ersten Mal tagte die SITM in dieser Woche in Deutschland an der Gießener Universität. Den Abschluss machte ein Mittelalter-Theaterfestival auf Schloss Braunfels.


Sharon King im Amtstalar (l.) hält eine Predigt über die verschiedenen Zubereitungsarten von Hering (Curt Steindler, r.). Foto: Dagmar Klein. | mittelhessen.de

Die Wetterbedingungen für das Theaterfestival am Freitagabend waren hart. Doch alle Beteiligten, die Darsteller und die treuen Zuschauer, schlugen sich bis zum Ende wacker.


Regencapes flattern während des aufziehenden Gewitters im Wind

Amüsant waren beiden Stücke: "Life and Death of St. Herring", eine Pseudo-Predigt dargeboten von Sharon King (University of Californien, Los Angeles) und Curt Steindler, sowie "Der fahrende Schuler", ein Nürnberger Fastnachtspiel, dargeboten von Studierenden der Mediävistik (Anm. der Redaktion: Wissenschaft vom europäischen Mittelalter) an der Universität Tübingen. Organisiert hat die erste Tagung in Deutschland Professor Cora Dietl, die seit 2006 in Gießen Literaturgeschichte lehrt. Die SITM-Tagungen werden begleitet von Theateraufführungen, um die Theorien zum mittelalterlichen Theater in der Praxis zu überprüfen.
Dietl hat für jeden Abend einen anderen Ort gewählt: In Gießen waren es der Botanische Garten und das Klosterareal Schiffenberg, nach den Schlössern Rauischholzhausen und Marburg folgte am Freitagabend Schloss Braunfels. Zum ersten Mal kamen Regencapes zum Einsatz, die während des beginnenden Gewitters kräftig im Wind flatterten und knatterten. Doch das hartgesottene Publikum ließ sich nicht abschrecken, im Gegenteil, wie ein Besucher meinte: "Es geht um einen Hering im ersten Stück, da kann es ruhig nass und etwas kühler zugehen." Damit war ein Teil der Pointe schon aufgedeckt. Die nur vermeintlich strenge Predigt, die Sharon King im Amtstalar vortrug, hatte letztlich die unterschiedlichen Arten der Zubereitung von Hering zum Inhalt. Allerdings aus der Sicht eines Märtyrers, der alle Qualen der Zubereitung erleiden muss. Dieser St. Herring kommentierte die Rede im farbenfrohen Fischgewand mit Mimik, Gestik und Sprache.
Auch wenn die deutschen Zuhörer nicht alle Gags verstanden, die von den Engländern durch Lachen und Kommentaren goutiert wurden, so war es doch eine höchst vergnügliche Präsentation.
Das zweite Kurzstück des Abends zeigte die Theatergruppe der Mediävistik an der Universität Tübingen im angrenzenden Burggarten.
Entstanden ist die Gruppe aus einem Seminar von Professor Klaus Ridder. Es beschäftigt sich mit dem Nürnberger Stückeschreiber Hans Sachs. Dieser hatte Mitte des 16. Jahrhunderts die Erlaubnis, regelmäßig Stücke aufzuführen, weswegen darüber mehr bekannt ist als über andere Aufführungen.
Das aufgeführte Stück "Der fahrende Schuler" erzählt davon, wie ein mittelloser Student auf clevere Weise seine Reisen finanziert. Er nutzt die Naivität und Gutgläubigkeit von Bauersleuten aus, ein amüsantes Verwirrspiel nahm seinen Lauf.

Gießener Anzeiger, 16.7.2010

Gießener Anzeiger, 17.8.2010
uniforum, 7.10.2010