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Inszenierungen von Heiligkeit im Kontext der konfessionellen Auseinandersetzungen
Protestantische und katholische Märtyrerdramen des 16. und frühen 17. Jahrhunderts

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Die lateinischen Märtyrerdramen des Jakob Bidermann S.J. sowie die deutschsprachigen protestantischen Märtyrerdramen des Andreas Gryphius gelten in der Literaturgeschichtsschreibung als Paradigmen des Märtyrerdramas in Deutschland, welches eine für die Barockliteratur typische Performanz des Glaubens darstelle. Angesichts der Leistung dieser herausragenden Literaten ist bislang übersehen worden, dass bereits im 16. Jahrhundert die konfessionellen Auseinandersetzungen zu einer Aktualisierung des Märtyrerthemas auf der deutschen Bühne geführt hatten.
Im Forschungsprojekt werden erstmals die Hauptvertreter einer von der Forschung fast vergessenen Textsorte (des Märtyrerdramas) aus den verschiedenen konfessionellen Lagern einander gegenübergestellt. Gefragt wird nach den literarischen und theatralen Mitteln, mit welchen sie den konfessionellen Kampf auf der Bühne aufnehmen.
Die meisten deutschen Märtyrerdramen der Zeit sind von lutherischen Autoren (Lehrern oder Pfarrern) verfasst. Sie nähern sich dem Thema zunächst über die Darstellung zeitgenössischer Märtyrer wie Jan Hus und biblischer Protomärtyrer wie Johannes der Täufer. Bald aber wird der Märtyrer auf der lutherischen Bühne zu einem Spiegel für den im Reich bedrohten Vertreter der sog. wahren Lehre. Formal bildet für die lutherischen Dramen die humanistische Tragödie den Ausgangspunkt; häufig aber werden Aspekte der mittelalterlichen Bühne in die Spiele integriert, um den Effekt der Aufführung zu verstärken. Für die katholische Seite bleibt das Märtyrerdrama (außerhalb des Jesuitenordens) eine nicht sehr häufig vertretene Sonderform des Heiligenspiels, das sich aus der mittelalterlichen Tradition weiterentwickelt und einige humanistische Elemente in sich aufnimmt.
Wie schließlich beide Seiten ihre Protagonisten nicht nur als Vertreter ihrer eigenen Konfession, sondern v.a. auch als Heilige stilisieren und welches Ideal der Heiligkeit durch die Texte (und ihre Performanz, sofern diese rekonstruierbar ist) vertreten wird, ist Hauptgegenstand der Untersuchung. Dabei zu berücksichtigen sind neben regionalen theologischen Strömungen auch lokale Patrozinien und Frömmigkeitstraditionen. Beachtet werden auch die Positionen der anderen protestantischen Konfessionen im Reich, die das Märtyrerthema nur in anderen Textsorten thematisieren.
Das Projekt zielt auf eine Reihe von Editionen bislang unbeachteter Texte, auf eine Monographie, welche aus literatur- und theaterhistorischer Sicht neues Licht auf das Zeitalter der konfessionellen Kulturen werfen wird, sowie auf einen Tagungsband, der das deutsche Märtyrerdrama international kontextualisiert. Eng bezogen wird das Projekt auf ein Parallelprojekt in der Schweiz, wo dem Märtyrer- und Heiligenspiel im Konflikt zwischen reformierter und katholischer Kirche im 16. und 17. Jh. eine deutlich andere Rolle zukam.

Pressemitteilung