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Inszenierungen von Heiligkeit im Kontext der konfessionellen Auseinandersetzungen
Schweizerische Heiligen- und Märtyrerspiele des 16. und frühen 17. Jahrhunderts
(2017-2020)

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'Schweizerische Heiligenspiele der Reformationszeit' erscheinen auf den ersten Blick als ein Ding der Unmöglichkeit. Unter dem Einfluss der vehementen Ablehnung des Heiligenkults durch Zwingli und Oekolampad war in den reformierten Regionen der Schweiz nicht an Heiligenspiele zu denken. Umso gewichtiger ist die identitätssichernde Funktion des Heiligenspiels in den katholisch gebliebenen Regionen der Schweiz. Das Projekt, das sich als eine Fortsetzung des Projekts "Inszenierungen von Heiligkeit im Kontext der konfessionellen Auseinandersetzungen. Protestantische und katholische Märtyrerdramen des 16. und frühen 17. Jahrhunderts" versteht, stellt das schweizerische Drama als eine deutlich stärker polarisierte Form des provokanten interkonfessionellen Dialogs neben die in den ersten drei Jahren der Projektlaufzeit untersuchten deutschen Spiele desselben Untersuchungszeitraums (ca. 1520-1620). Während das Märtyrerdrama im Heiligen Römischen Reich ein beliebtes Genre lutherisch-protestantischer Schulaufführungen war, das ein spezifisch protestantisches Verständnis von 'Heiligkeit' und 'Märtyrertum' kommunizierte und dazu die persuasive Kraft des Theaters nutzte, wird dem schweizerischen Heiligen- und Märtyrerspiel des 16. Jahrhunderts ein extremer Konservatismus vorgeworfen, was mit der Grund dafür ist, weshalb diese Texte in der Forschung kaum beachtet werden, obwohl manche von ihnen in neueren Editionen vorliegen. Ob die schweizerischen Spiele tatsächlich als (ostentativ) konservative und mittelalterliche Elemente der Spiele noch übersteigende Formen des Theaters gelten können und inwiefern sie damit einen wirkungsvollen Beitrag im interkonfessionellen Streit darstellen, ist eine der Kernfragen des Projekts. Der vergleichende Blick zwischen Deutschland und der Schweiz vermag umso besser die Frage nach der performativen Kraft des Massenmediums Theater zu beantworten, ebenso wie die Frage nach den Möglichkeiten einer Funktionalisierung und Instrumentalisierung dieses Mediums für religiöse und politische Zwecke. Neben literatur- und kulturwissenschaftlichen Analysekategorien wie Form, Rhetorik, Performanz, Raumregie, Akustik und Ästhetik werden auch die historischen, kulturellen und theologischen Kontexte der Spiele berücksichtigt. Zentral ist für die Analyse der Spiele und ihrer Aufführungen die Frage nach dem Begriff von 'Heiligkeit', der epochenübergreifend einerseits Gegenstand, andererseits Werkzeug interkonfessioneller und interreligiöser Auseinandersetzungen ist und ein Phänomen beschreibt, das Literatur und Kunst je unterschiedlich konstruieren können. Das Projekt zielt auf drei Editionen schwer zugänglicher, handschriftlich tradierter Dramen, die diese Texte erstmals erschließen, sowie auf eine Monographie, welche die schweizerischen Heiligen- und Märtyrerspiele umfassend beschreibt, im Vergleich mit den deutschen katholischen und protestantischen Märtyrerdramen.

Kooperationspartnerin: PD Dr. Heidy Greco-Kaufmann (Bern)
Projektmitarbeiterinnen: Dr. Julia Gold, Dr. Verena Linseis, Dr. Elke Huwiler
Hilfskräfte: Adrian Verscharen, Jasmin Windirsch, Anna-Verena Mencke, Argeta Avdyli

 

Vorgängerprojekt:

Inszenierungen von Heiligkeit im Kontext der konfessionellen Auseinandersetzungen
Protestantische und katholische Märtyrerdramen des 16. und frühen 17. Jahrhunderts
(2014-2017)

Die lateinischen Märtyrerdramen des Jakob Bidermann S.J. sowie die deutschsprachigen protestantischen Märtyrerdramen des Andreas Gryphius gelten in der Literaturgeschichtsschreibung als Paradigmen des Märtyrerdramas in Deutschland, welches eine für die Barockliteratur typische Performanz des Glaubens darstelle. Angesichts der Leistung dieser herausragenden Literaten ist bislang übersehen worden, dass bereits im 16. Jahrhundert die konfessionellen Auseinandersetzungen zu einer Aktualisierung des Märtyrerthemas auf der deutschen Bühne geführt hatten.
Im Forschungsprojekt werden erstmals die Hauptvertreter einer von der Forschung fast vergessenen Textsorte (des Märtyrerdramas) aus den verschiedenen konfessionellen Lagern einander gegenübergestellt. Gefragt wird nach den literarischen und theatralen Mitteln, mit welchen sie den konfessionellen Kampf auf der Bühne aufnehmen.
Die meisten deutschen Märtyrerdramen der Zeit sind von lutherischen Autoren (Lehrern oder Pfarrern) verfasst. Sie nähern sich dem Thema zunächst über die Darstellung zeitgenössischer Märtyrer wie Jan Hus und biblischer Protomärtyrer wie Johannes der Täufer. Bald aber wird der Märtyrer auf der lutherischen Bühne zu einem Spiegel für den im Reich bedrohten Vertreter der sog. wahren Lehre. Formal bildet für die lutherischen Dramen die humanistische Tragödie den Ausgangspunkt; häufig aber werden Aspekte der mittelalterlichen Bühne in die Spiele integriert, um den Effekt der Aufführung zu verstärken. Für die katholische Seite bleibt das Märtyrerdrama (außerhalb des Jesuitenordens) eine nicht sehr häufig vertretene Sonderform des Heiligenspiels, das sich aus der mittelalterlichen Tradition weiterentwickelt und einige humanistische Elemente in sich aufnimmt.
Wie schließlich beide Seiten ihre Protagonisten nicht nur als Vertreter ihrer eigenen Konfession, sondern v.a. auch als Heilige stilisieren und welches Ideal der Heiligkeit durch die Texte (und ihre Performanz, sofern diese rekonstruierbar ist) vertreten wird, ist Hauptgegenstand der Untersuchung. Dabei zu berücksichtigen sind neben regionalen theologischen Strömungen auch lokale Patrozinien und Frömmigkeitstraditionen. Beachtet werden auch die Positionen der anderen protestantischen Konfessionen im Reich, die das Märtyrerthema nur in anderen Textsorten thematisieren.

Projektmitarbeiterinnen: Dr. Karolin Freund, Dr. Julia Gold, Dr. Verena Linseis
Hilfskräfte: Adrian Verscharen, Jasmin Windirsch, Anna-Verena Mencke, Argeta Avdyli, Erik Paris

Pressemitteilung