LiteraturBüro Gießen   Selbstdarstellung
1. Was sind die Aufgaben eines Literaturbüros?
2. Wie entstand das LiteraturBüro Gießen?
3. Welche Aufgaben hat sich das LiteraturBüro Gießen gesetzt?
4. Welche Rolle spielt die SHANGHAI Opera als Medium des LiteraturBüros Gießen?
5. Was haben das LiteraturBüro Gießen und die SHANGHAI Opera mit der Verleihung des Gießener Literaturpreises 1997 zu tun?

1. Was sind die Aufgaben eines Literaturbüros?

Literaturbüros und Literaturwerkstätten werden zwar meist in einem Atemzug genannt, dennoch handelt es sich dabei im Grunde um zwei getrennte Bereiche mit andersartiger Aufgabenstellung. Das Literaturbüro hat eine Vermittlerrolle: zwischen dem Autor auf der einen und der literarischen Öffentlichkeit (Verlage, Zeitschriften, Funk- und Fernsehanstalten) auf der anderen Seite. Es will den Schriftsteller auf alle nur erdenkliche Weise unters Volk bringen: durch Autorengespräche, durch Lesungen in Schulen, Kneipen, Gefängnissen, im Lyriktelefon, bei Kulturveranstaltungen, durch die Vermittlung von Publikationsmöglichkeiten bis hin zu Gedichtplakaten. Um einen Autor vermitteln zu können, muss dieser seine Arbeit aber schon getan haben. Abgesehen von dem Lektorats-Service, den einige Literaturbüros eingerichtet haben, geht man aber davon aus, dass der Autor mit einem mehr oder weniger fertigen Text, der möglicherweise auch schon publiziert worden ist, ankommt. Eingehende Textberatung, das intensive Gespräch über das Handwerkliche, ist im Einzelfall kaum möglich angesichts der Fülle von Autoren, die ein Büro betreuen und vermitteln soll.

Dem steht die Textarbeit, das Werkstattgespräch, als klassisches Terrain der Literaturwerkstatt gegenüber: hier geht es nicht ums Veröffentlichen, um das Publikum, um die 'Vermarktung', sondern um die literarische Auseinandersetzung, also das Ringen um eine eigene Sprache, eine angemessene Form, die das Prädikat "poetisch" verdient; um den Teufel im Detail - im eigenen Text und den Texten der anderen. Auch die Literaturwerkstatt vermittelt Literatur, aber nicht nach außen, sondern nach innen - den Schreibenden selbst.

Diese beiden an sich getrennten Bereiche sind dennoch organisatorisch häufig miteinander verknüpft. Literaturbüros (die mancherorts auch 'Literaturkontor' oder 'Autorengruppe' heißen) bieten in ihren Räumen Gelegenheit zu Werkstatt-Treffen oder Autorengesprächen; umgekehrt sind viele Literaturwerkstätten (vor allem in Nordrhein-Westfalen) personell mit Literaturbüros assoziiert (ein Mitarbeiter eines Literaturbüros leitet gleichzeitig eine Literaturwerkstatt).

Anlässlich seiner Lyriklesung am 26. Oktober 1997 im Netanya-Saal des Alten Schlosses in Gießen ist der Mitbegründer des Münchner Literaturbüros Michael Basse mit der Redaktion der SHANGHAI Opera in einen Briefwechsel eingetreten. Darin geht es u.a. um die Funktion des LiteraturBüros Gießen und seine Rolle als Herausgeber der Zeitschrift: "anbei lege ich nach einigem Zögern nun doch zwei Bändchen, die beide nicht mehr taufrisch sind bzw. von mir längst der finalen Vergruftung im hintersten Bücherregal zugeführt wurden. Aber nachdem Sie mir erzählt haben, dass Sie da in Gießen auch ein Literaturbüro machen, dachte ich mir, dass Sie unsere Anfänge hier in München interessieren könnten."

Bei den beiden beigelegten Bändchen handelt es sich um eine vom Münchner Literaturbüro unter Mitarbeit Basses herausgegebene Anthologie mit dem Titel "Milchstraßen Atlas '86" (München 1986) und ein von ihm mitherausgegebenes Handbuch der Literaturförderung und der literarischen Einrichtungen der Bundesländer mit dem Titel "Literaturwerkstätten und Literaturbüros in der Bundesrepublik" aus dem Jahr 1987. Diesem Handbuch ("als eine Art Dokument aus der Hoch-Zeit der Schreibbewegung und der Poesiefestivals aller Orten ist das Handbuch vielleicht doch noch von einigem Wert"), genauer gesagt der von Basse verfassten Einleitung, ist die vorstehende Abgrenzung zwischen den Aufgabenbereichen von Literaturwerkstätten und Literaturbüros entnommen.

2. Wie entstand das LiteraturBüro Gießen?

Das LiteraturBüro Gießen besteht seit dem September 1996, feiert also in diesen Tagen sein einjähriges Bestehen. Damals hatten Rolf Haaser und Thomas Hauck die verstreuten und nebeneinanderher arbeitenden literarischen Gruppen und Literaturwerkstätten sowie verschiedene einzelne Autoren Gießens zu einem gemeinsamen Traffen im TiL eingeladen, um eine gemeinsame Initiative zur Bündelung und Abstimmung der bis dahin eher isolierten Aktivitäten zu entwickeln und die Wirksamkeit in der literarischen Öffentlichkeit der Stadt zu verbessern.

Zahlenmäßig am stärksten vertreten waren die AutorInnengruppen "linie acht" und "Textperimente" sowie das "literarische work-out" im MuK. Aus dieser Versammlung kristallisierte sich ein kleinerer Kreis von engagierten Teilnehmern heraus, der sich in der Folge LiteraturBüro Gießen nannte. Die häufige organisatorische Verknüpfung der an sich getrennten Aufgaben der Literaturvermittlung nach außen (Literaturbüro) und nach innen (Literaturwerkstatt), wie Basse sie beschrieben hat, ist daher in Gießen geradezu symptomatisch, weil unmittelbar mit der Entstehungsgeschichte des LiteraturBüros Gießen verbunden.

3. Welche Aufgaben hat sich das LiteraturBüro Gießen gesetzt?

Die erste große Aufgabe stellte sich dem LiteraturBüro gleich nach seiner Gründung in der Betreuung und Moderation der Lesungen des Gießener Literarischen Herbstes im November 1996, einer Veranstaltungsreihe des Kulturamtes der Stadt Gießen in Zusammenarbeit mit dem Bertelsmann Club. Das gemeinsam mit dem Kulturamt entworfene Modell, dass die heimischen Autoren die angereisten Repräsentanten der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, darunter so bekannte Namen wie Stefan Heym, Christoph Ransmayr, Rolf Hochhuth, Adolf Endler, Thomas Kling, Franzobel, Uwe Kolbe und Thomas Kling, während ihres Aufenthaltes in Gießen in ihre Obhut nehmen sollten, angefangen von der publizistischen Vorankündigung bis hin zur Konversation beim gemeinsamen Abendessen im Anschluss an die Lesung, erwies sich als äußerst erfolgreich und anregend. Dabei wurden auch persönliche Kontakte geknüpft, die noch heute von Bestand sind.

Ähnliche Aufgaben im Bereich der Pressearbeit und der organisatorischen Planung und Durchführung hat das LiteraturBüro im Zusammenhang mit der gemeinsam mit dem Institut für Neuere deutsche Literatur der Justus-Liebig-Universität und dem Kulturamt der Stadt Gießen durchgeführten Reihe der Matineelesungen mit Paulus Böhmer, Anne Duden, Ludwig Harig, Robert Gernhardt, Günter de Bruyn, Wilhelm Genazino, Michael Basse, Dieter Wellershoff, Ludvík Vaculík und Peter Kurzeck übernommen.

4. Welche Rolle spielt die SHANGHAI Opera als Medium des LiteraturBüros Gießen?

Den weitaus grössten Energieaufwand erbrachte das LiteraturBüro in seinem bisherigen Bestehen in dem Bemühen, ein geeignetes Medium zu entwickeln, das die verschiedenen literarischen Ereignisse und Organisationsstrukturen darstellen sollte. Dabei wurde das Prinzip verfolgt, die einzelnen Veranstalter bzw. Autoren möglichst umfassend und im Vorhinein selbst zu Wort kommen können. Ziel war es, das gesamte literarische Leben in und um Gießen darzustellen, und zwar unabhängig davon, ob es sich um den etablierten Literaturbetrieb handelte oder ob sich 'nur' um die unabhängige Literaturszene der Stadt abbildete.

So erschien, pünktlich zum Gießener literarischen Herbst '96, die sogenannte "Nullnummer" der SHANGHAI Opera, konzipert als Zeitschrift der Gießener Autoren und Literaturgruppen.
Die Zeitschrift sollte zweimonatlich erscheinen und sich, ohne jegliches kommerzielles Interesse und frei von finanziellem Gewinnstreben, einzig der Verbesserung der literarischen Strukturen der Stadt und damit der Produktionsbedingungen der hier ansässigen Schriftsteller widmen. Seit 1998 erscheint die Zeitschrift als eine Anthologie ein mal im Jahr.

Der Titel der Zeitschrift war schnell gefunden; er spielt mit der Überschrift eines groß aufgemachten Illustriertenartikel der "Quick" aus dem Jahr 1950, in dem Gießen wegen der starken Präsenz amerikanischer Soldaten und der damals höchsten Prostitutionsrate Europas als "das Shanghai an der Lahn" apostrophiert und in einer mehrere Seiten umfassenden Fotoserie dargestellt wurde. Indem die SHANGHAI Opera bei ihrer Namensgebung mit dieser Illustriertenüberschrift als Zitat spielte, wollte sie gleichzeitig ihre Zielsetzung verdeutlichen, nämlich die hochliterarischen Kultur- und die subkulturellen Literaraturveranstaltungen der Stadt miteinander in Beziehung zu setzen und gleichermaßen publik zu machen.

Mit den folgenden Ausgaben wandelten sich Konzeption und äußeres Erscheinungsbild der Zeitschrift, nicht zuletzt durch die inhaltlichen Anregungen und die eigenwillige graphische Gestaltung, für die Harald Schätzlein verantwortlich zeichnet. Mehr und mehr sollte sich die Zeitschrift, unter Beibehaltung ihrer bisherigen Aufgabenstellung, auch zur Plattform für die Publikation von literarischen Texten der in Gießen tätigen AutorInnen entwickeln und in der Tat sind im Laufe des Jahres einige durchaus beachtenswerte Texte von Gießener SchriftstellerInnen zum Abdruck gelangt.

Ohne großes Aufheben hat sich so die SHANGHAI Opera inzwischen zu einem bedeutenden Medium des mittelhessischen Literaturbetriebs gemausert. Die Zeitschrift zeichnet sich dadurch aus, dass sie von ihrer Konzeption nicht in Konkurrenz zu anderen bereits bestehenden Publikationsorgane tritt, sondern eine echte Bereicherung der mittelhessischen Presselandschaft darstellt. Einige der regelmäßigen Rubriken wie die Porträtierung der Kulturjournalisten der regionalen Kulturmagazine sowie der Feuilletonisten der lokalen Tagespresse durch die Gießener Autoren (unter dem Titel 'vice versa') oder die (z.T. zweisprachige) Präsentation des literarischen Lebens in den Partneruniversitäten und Partnerstädten Gießens dürften sogar einzigartig in der Landschaft der deutschen Literaturzeitschriften sein.

Literarisch aufgewertet wurde die Zeitschrift in ihren Anfangsnummern nicht zuletzt auch dadurch, dass einige der Autoren des literarischen Herbstes '96 der Redaktion verschiedene kürzere Texte zum Abdruck überließen, teilweise sogar in Erstveröffentlichung. Im einzelnen handelte es sich dabei um Gedichte von Franzobel und Lutz Rathenow, denen an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich für ihre Unterstützung gedankt sei. Später folgten Robert Gernhardt mit einem Gedicht und einer Zeichnung sowie Peter Kurzeck mit einem Essay (ein weiterer Essay von Kurzeck ist für die November/Dezember-Ausgabe vorgesehen). Auch ihnen gilt der Dank der Redaktion, die hofft, dass in der Zukunft noch weitere literarische Persönlichkeiten solchen Ranges ihrem Beispiel folgen werden.

Auch was die geographische Ausbreitung betrifft, hat sich die 'Shanghai' inzwischen weit über den Horizont der Stadt und ihres näheren Umlandes hinaus ausgedehnt. Das SHANGHAI-Gebiet reicht mittlerweile von Bad Nauheim bis Marburg, von Lauterbach bis Herborn und Dillenburg, von Wetzlar bis Schotten, sogar Fulda mit seiner sich neu entwickelnden Literaturszene scheint sich zunehmend ins Blickfeld zu rücken. Zudem verfügt die Zeitschrift seit Sommer diesen Jahres über einen festen Sendetermin im Marburger 'Radio Unerhört', so dass die Weichen für ein zukünftiges medienübergreifendes Arbeiten bereits gestellt sind.

5. Was haben das LiteraturBüro Gießen und die SHANGHAI Opera mit der Verleihung des Gießener Literaturpreises 1997 zu tun?

Eine weitere Service-Leistung des LiteraturBüros Gießen für die einheimischen AutorInnen stellt die Ausschreibung und Ausrichtung eines von der Stadt Gießen gestifteten Literaturpreises (in Höhe von DM 1 000.-) dar.
Die erste Ausschreibung erfolgte 1997. Zwar wurde für die Teilnahme an dem Wettbewerb eine Ortsansässigkeit in Gießen oder Mittelhessen nicht vorausgesetzt, doch gewährte die Themenbindung des Preises, die sich hinter der Formulierung "Büchner in Gießen - Gießen und Büchner" verbarg, den mit den Gießener Verhältnissen vertrauten Bewerbern möglicherweise einen kleinen Heimvorteil.

Teilnehmen konnte jede/r, die/der sich mit der Rolle auseinandersetzen wollte, die Georg Büchner für die Stadt Gießen spielt oder spielen könnte. Hinsichtlich Genre und Gattung bestanden keine Einschränkungen. Von den BewerberInnen wurde erwartet, dass sie zur Entgegennahme des Preises anwesend sind.

In kulturpolitischer Hinsicht ist der Preis Ausdruck für das Interesse und Vertrauen, welches das LiteraturBüro als Herausgeber der SHANGHAI Opera seitens des Magistrats der Stadt Gießen und seiner MitarbeiterInnen in den zuständigen Ämtern geniesst. Die Preisverleihung fand im Rahmen der diesjährigen Jubiläumsfeierlichkeiten anlässlich der Ersterwähnung Gießens vor 800 Jahren in den Räumen des Zentrums für Interkulturelle Bildung und Begegnung in der Hannah-Arendt-Straße 10 (ehemals Pendleton Barracks) statt, und zwar just am Abend des 17. Oktobers, des Geburtstages Georg Büchners.

Die Übergabe des Preises nahm der Oberbürgermeister der Universitätsstadt Gießen Manfred Mutz als Schirmherr der Veranstaltung vor.

Ein weiterer, ebenfalls von der Stadt gestifteter Werkstatt-Preis (in Höhe von DM 500.-) sollte eine literarische Initiative, eine Projektgruppe, eine Autorenwerkstatt, eine Veranstaltungsreihe o.ä. auszeichnen, die sich im Laufe des Jahres in besonderem Maße um die literarische Kultur in Gießen verdient gemacht oder ihr besonders gelungene Anstöße gegeben hat. Der Preisträger wurde von den Kulturredaktionen der in Gießen ansässigen Magazinen und Tageszeitungen ermittelt.

Die öffentliche Geburtstagsfeier zum einjährigen Bestehen des LiteraturBüros Gießen, die gleichzeitig als Jahrespressefest der SHANGHAI Opera kulinarisch gefeiert wurde, gab mit einem bunten Programm aus musikalischen, exhibitorischen, szenischen und literarischen Darbietungen den Rahmen für die beiden Preisverleihungen ab. Gäste der veranstaltung waren u.a. Schriftsteller aus den Partneruniversitäten Kasan (Russische Föderation) und Lodz (Polen), sowohl eine Autorengruppe aus Fulda.

 


     
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