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Bettina Schmitt

Stipendiaten

         

Schweizer Landschaften im Werk von
Philipp Hieronymus Brinckmann (1709 1760).
Ein Beitrag zur Archäologie der Romantik

(Kunstgeschichte)



 

Geb. 1969, Studium der Kunstgeschichte, Romanistik und Archäologie in Tübingen, Pisa und Frankfurt a.M., wissenschaftliches Volontariat am Liebieghaus - Museum alter Plastik, Frankfurt a.M..

 

 

Bettina Schmitt

 

:: Projektskizze

 

Landschaft im 18. Jahrhundert
Voraussetzung dafür, daß etwa ab 1750 die Natur zentraler Gegenstand des bildnerischen Interesses und so zur Landschaft im emphatischen Sinn eines gedeuteten Zusammenhangs werden konnte, ist die "Entfernung der Joseph Anton Koch (1768–1839) Wasserfall im Berner Oberland, 1796. Öl/Leinwand, 99 x 75 cm, Hamburger Kunsthalle (Foto: Elke Walford)Natur" (Oskar Bätschmann), jene Distanz also, die die natürliche Umgebung erst zu einem Gegenüber werden ließ. Diese Distanz zeigt sich einerseits in einer Verlusterfahrung und einer Kritik an den entfremdeten Lebensformen, so wie sie um die Jahrhundertmitte von Salomon Gessner und Jean-Jacques Rousseau thematisiert wird. Andererseits artikuliert sie sich in der Neugierde, mit der im Zuge der Aufklärung die wissenschaftliche Erkundung vermeintlich unzivilisierter Regionen vorangetrieben wird. Besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang der Schweiz zu. Wurden die Schweizer Alpen noch um 1700 als grauenerregendes Zeugnis des Gotteszorns gedeutet, als Trümmer der infolge der Sintflut aufgebrochenen Erdkruste, so erweckten sie bereits 1704 in dem Reisenden Barthold Hinrich Brockes 'gemischte Gefühle' und wurden, nicht zuletzt durch Albrecht von Hallers europaweit rezipiertes Alexandrinergedicht "Die Alpen" (1732), in dem das Berner Oberland als letzte Enklave unverdorbener Lebensart gefeiert wird, etwa ab 1760 Ziel einer bis ins 19. Jahrhundert hinein nicht mehr abreißenden Reisewelle.

Philipp Hieronymus Brinckmann
Als einer der ersten deutschen Maler brach Philipp Hieronymus Brinckmann (1709 1760) im Jahr 1745 in die Schweiz auf. Diese Reise wird von Christian Ludwig von Hagedorn als eine Art Erweckungserlebnis geschildert: Dem Maler öffnen sich angesichts der Bergwelt die Augen für die Natur, während sein Blick vorher von der Autorität der Vorbilder, nach denen er malte, verstellt war. Brinckmanns Schweizbilder können als diskurseröffnend für die folgende Malergenerationen gedeutet werden.

Philipp Hieronymus Brinckmann (1709–1760) Der Rheinfall bei Schaffhausen, 1745 - Öl auf Leinwand, 58 x 79 cm. Deutsche Barockgalerie Augsburg im Schaetzler-Palais, Inv.-Nr. L 715.

Sein gesteigertes Interesse an Oberflächenqualitäten, das in einigen seiner Bilder offenbar keiner Absicherung durch konventionelle Deutungsmuster bedarf, soll nicht rundheraus mit der Romantik identifiziert und damit pathetisch mißverstanden werden. Es geht vielmehr darum zu zeigen, daß Teile einer kunstgeschichtlichen Formation, die sich um 1800 in bestimmter Oppositionsbildung zum Klassizismus herausbildet und schließlich institutionalisiert, sich gleichsam subkutan bereits über ein halbes Jahrhundert zuvor nachweisen lassen – hier allerdings als spezifische Antwort auf die problematische Stellung des individuierten Künstlers bei Hof, der sich nicht länger als Vollstrecker eines vorgegebenen Programms verstehen kann. Sichtbar werden soll beides: die Verbindlichkeiten gegenüber dem aufgeklärten Absolutismus wie auch die Suche nach einem anderen, noch ungedeuteten Gegenüber, das Brinckmann in den Schweizer Landschaften findet und gestaltet, ohne allerdings den Prozeß der Aneignung zu verheimlichen.

Wasserfälle
Ziel der Arbeit ist es nun, das Werk Brinckmanns in einen größeren Rahmen einzubetten. Für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts wird die Ästhetik des Erhabenen zu dem Paradigma der Naturdarstellung, zumal für die Wiedergabe von Naturschauspielen wie den Wasserfällen der Schweiz und Italiens (Rheinfall bei Schaffhausen, Schmadribachfall, Staubbachfall, Wasserfälle von Terni und Tivoli).

Salomon Gessner (1730–1788) Badende Nymphen beim Felstor am Wasserfall (Detail), 1781. Gouache auf Papier, 35,5 x 27,8 cm, Kunstsammlungen zu Weimar, Schloßmuseum, Inv.-Nr. KK 734 (Abb.: Martin Bircher und Bruno Weber: Salomon Gessner. Zürich 1982, S. 120)Die Kunstgeschichte der Wasserfälle im 18. Jahrhundert kann als eine permanente Krise der Darstellung gelesen werden, die sich an dem Problem der angemessenen Abbildung eines bewegten, auf alle Sinne wirkenden Phänomens entzündet. Salomon Gessner, entrückt das Phänomen in eine arkadische Phantasielandschaft, erzeugt allerdings durch kompositorische Mittel den Eindruck großer Nähe. Durch die kleinteilige, flimmernden Behandlung der Oberflächen (Laub, bewegtes Wasser) verlieren die Gegenstände ihre dreidimensionale Gestalt und ihren Halt im Raum, während eine atmosphärische Verdichtung die Gouachen Gessners bestimmt. Zu einer völlig entgegengesetzten Lösung gelangt Joseph Anton Koch, der die Gegenstände ins unermeßlich Große überhöht, dabei aber den einen, festgelegten Betrachterstandpunkt aufgibt. Beiden Konzepten, die letztlich das Potential einer Auflösung des Subjekts in sich tragen, ist die Moderne verpflichtet.

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:: Veröffentlichungen


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  Bettina Schmitt
bschmitt@stud.uni-frankfurt.de

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