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Klassizismus und Romantik
im europäischen Kontext

Forschungsprogramm

         
Die ästhetische Erfindung der Moderne
in Literatur, bildender Kunst,
Musik und Alltagskultur

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Forschungsprogramm
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Die ästhetischen Konzepte 'Klassizismus' und 'Romantik' treten in den europäischen Literaturen und in den Künsten in verschiedenen nationalen Ausprägungen und mit historischen Verschiebungen auf.

In den Literatur- und Kunstwissenschaften werden ihre Erscheinungsformen zumeist isoliert untersucht; außerdem werden 'Klassizismus' und 'Romantik' gemeinhin als divergierende und konkurrierende Modelle betrachtet. Während der Romantik - als Basis der ästhetischen Moderne - in jüngster Zeit ein vermehrtes Interesse gilt, gerät die Kunstauffassung des Klassizismus - nicht zuletzt wegen der fälschlichen Identifikation mit dem ideologisch besetzten 'Klassik'-Begriff - zunehmend in den Hintergrund. Das GK verfolgt ein doppeltes Anliegen:

a.) Zum einen werden die Kunstbewegungen 'Klassizismus' und 'Romantik' als komplementäre Systeme betrachtet, die in Zeiten von Umbruchskrisen als Bewältigungsmodelle entwickelt werden und der bürgerlichen, nationalen und europäischen Identitätssicherung dienen. Beide Systeme werden als Erscheinungsformen der Moderne bzw. als Antworten auf Modernisierungsschübe analysiert. In zeitgenössischen Debatten um 1800 dienen Oppositionsbildungen und Abgrenzungsstrategien zwischen den Gruppierungen zuallererst der Konturierung; dabei kommt es zunehmend zu Verwebungen, Umschriften und wechselseitigen Überbietungen. Diese Zusammenhänge gilt es in einer komparatistischen Perspektive neu zu bestimmen, wobei die ästhetischen Kontroversen nicht isoliert behandelt, sondern in mentalitätshistorische und wissenschaftsgeschichtliche Kontexte gestellt werden. Es geht um die Frage, in welcher Weise die 'ästhetische Erfindung der Moderne' mit der Veränderung von Wissensordnungen, mit dem strukturellen Wandel um 1800 und mit neuen sozialen Praktiken einhergeht bzw. wie sich diese Bereiche wechselseitig durchdringen. Die funktionale Bestimmung und historische Verortung des Klassizismus-Romantik-Komplexes konzentriert sich auf die Kernphase der 'Sattelzeit' zwischen 1750 und 1830, berücksichtigt aber auch die Vorgeschichte (Ästhetik-Konzepte in Frankreich, Italien und England während des 17. und 18. Jh.) sowie Spätformen (Neoklassizismus und Neoromantik um 1900 oder in der Postmoderne).

Für die dritte Förderperiode ergibt sich eine Neuperspektivierung, die sich stärker auf die Bedeutung, die Umschreibungen und Neukodierungen der Diskursformationen von Klassizismus und Romantik (bzw. von Teilbereichen daraus) im Prozess der Modernisierung konzentrieren soll. Mit der neuen Akzentuierung sollen vor allem zwei Arbeitsbereiche des Forschungsprogramms vertieft werden, die nach der Präsenz, der Reaktualisierung und den Funktionalisierungen der Diskursformationen Klassizismus und Romantik in der Krise um die und nach der Wende zum 20. Jh. fragen. Sie verbinden die Ebene der ästhetischen Produktion und Diskussion mit einer vor allem wissenschaftsgeschichtlich konturierten Diskursordnung, in der die Möglichkeiten des Rückgriffs auf oder der Abwendung von romantischen und klassizistischen Konzepten in spezifischer Weise kodiert und präformiert wird.

b.) Die systematische Beleuchtung des komplementären Verhältnisses von 'Klassizismus' und 'Romantik' erfordert zum zweiten eine historische Differenzierung. Das Forschungsprogramm des GK richtet sich daher ausdrücklich auf die vielfältige Verwendung der Begriffe, die verschiedenen Zeiträume und Objektbereiche, auf die sie im europäischen Kontext bezogen sind. Gefragt wird nach spezifischen nationalen Konstellationen im Feld der Literaturen sowie nach den Transferprozessen, über die sie vermittelt und weiterentwickelt werden. Zugleich stehen die Wechselwirkungen zwischen den Künsten zur Diskussion: Literatur, Musik, bildende Kunst, Architektur. Schließlich wird der Ästhetik-Diskurs in seinen verschiedenen Ausprägungen immer wieder auch auf Phänomene der Alltagskultur bezogen, auf die Frage, wie die Leitvorstellungen 'klassisch' und 'romantisch' in Verhaltensnormen und Gestaltungsformen des täglichen Lebens wirksam sind.

Mit der Verbindung von Ästhetik und Kulturwissenschaft möchte das GK einen Beitrag leisten zu einem innovativen, systematischen Austausch zwischen den Philologien, den Kunstwissenschaften, der Philosophie und den Sozialwissenschaften.