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Prof. Dr. Jürgen Schwier

Entwicklungstendenzen der Sportkultur – Zur Popularisierung innovativer Bewegungsformen

 

1         Kultureller Wandel im Feld des Sports

Die Teilhabe am vielschichtigen Spektrum der Bewegungs- und Sportaktivitäten sowie deren Aneignung als Zuschauer oder Fan stellen offenbar in postindustriellen Gesellschaften ein im Alltagsleben verankertes Vergnügen dar und spielen in der Freizeitgestaltung zahlreicher Menschen eine bedeutende Rolle. Das Feld der Sportpraktiken, das inzwischen nahezu selbstverständlich zur populären Kultur gehört, ist dabei in den letzten zwei Jahrzehnten nicht nur unübersichtlich geworden, sondern hat sich im Zuge seiner anhaltenden Pluralisierung, seiner fortschreitenden Aufgliederung und seiner quantitativen Ausbreitung wohl wesentlich verändert. Die Weiterentwicklung des modernen Sports löst die ehemals markanten Begrenzungslinien und Konventionen dieses Handlungsfeldes (z.B. Fairness, Siegescode, Rekordstreben, Leistungsaskese oder Wettkampfprinzip) schleichend auf und wird insgesamt durch die neuartigen Formen des Umgangs mit Kultur sowie den Wandel der Orientierungen im Reich des Geschmacks vorangetrieben.

Neben dem traditionellen Vereinssport ist so eine kaum überschaubare Vielfalt neuartiger bewegungskultureller Phänomene und Kontexte entstanden, deren Mehrfachcodierung und Dynamik das Interesse eher auf die Randbezirke der dominanten gesellschaftlichen Bewegungspraxis lenkt und Spielräume für alternative Auslegungen des menschlichen Sich-Bewegens eröffnet. An die Stelle eines einheitlichen Sportverständnisses und des Postulats einer „Sinnmitte“ des Sports treten Ungewißheiten, eine Entkanonisierung sowie ein Nebeneinander heterogener Sportkonzepte.

Der einst aus den Volksspielen hervorgegangene moderne Sport kehrt, in gewisser Hinsicht über den Umweg seiner Ökonomisierung und kulturindustriellen Durchdringung, in die Alltagskultur der Menschen zurück. Die inzwischen uneinheitlichen und mehrdeutigen Codes, Botschaften und Inszenierungsweisen des Sports strahlen einerseits auf andere Felder der populären Kultur aus – worauf unter anderem die Präsenz sportiver Symbole im Bereich der Medien, der Musik, der Mode, der Werbung oder im Rahmen jugendkultureller Praktiken hindeutet – und ziehen andererseits eine systematische Hervorbringung von Trendsportarten nach sich.

Die Ausbildung eines originären Bereiches der Trendsportarten wäre ohne die Karriere des Sports als einer sozial hochbewerteten Quelle symbolischen Kapitals kaum denkbar. Sportivität weist heute als sozialer Leitwert über die Ebene des Sich-Bewegens oder der Körpererfahrung hinaus und bezieht Images eines neuen kulturellen Habitus ein, dessen Varianten im Raum der Lebenstile verkörpert werden. Trends im Sport sind also keine rein ästhetisch motivierte Geschmackssache, sie stehen vielmehr sowohl in einer engen Beziehung zu dem aktuellen Stand des gesellschaftlichen Sportangebots als auch in einer Relation zu der sozialen Position ihrer Protagonisten und Anhänger.

Der Begriff der Trendsportart wird dabei generell zur Kennzeichnung von neuartigen bzw. lifestyle­gerecht aufbereiteten Bewegungspraktiken verwendet, denen kurz- oder mittelfristig ein erhebliches Verbreitungspotential vorhergesagt werden kann. Trends im Feld des Sports, wie beispielsweise der Fosbury-Flop Ende der sechziger Jahre im Hochsprung oder Mitte der neunziger Jahre das Snowboarding im Bereich des alpinen Ski­sports, sind ferner dadurch gekennzeichnet, daß sie unsere eingewöhnten Sportvorstellungen überschreiten, neue Bedeutungen erzeugen und zuvor nahezu unbekannte oder vernachlässigte Auslegungen des menschlichen Sich-Bewegens in unseren Horizont rücken. Im Unterschied zu Moden kann man also nur dann von einem Trend – oder besser: von einer innovativen Bewegungsform – sprechen, wenn sich ein neues Angebot über mehrere Jahre im Bewußtsein der Sporttreibenden verankert und als Praxis etabliert. Damit wird zugleich unterstellt, daß sich innovative Bewegungsformen nicht über einen massiven Marketingeinsatz durchsetzen lassen, sondern an vorhandenen Interessen und Bedürfnissen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen ansetzen. In gewisser Hinsicht spiegelt die Produktion und Aneignung von Trendsportarten eben kulturelle Entwicklungsperspektiven.

 

2        Wie entstehen Trendsportarten?

Die Ausbildung und Ausbreitung von Trendsportarten stellt generell ein relativ junges Phänomen in der Entwicklung der gesellschaftlichen Bewegungskultur dar. Obwohl sich beispielsweise mit dem Windsurfen oder dem Skateboarden schon in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre vereinzelt erste Vorläufer dieses Prozesses beobachten lassen, ist es erst im Verlauf des letzten Jahrzehnts zu einer weitestgehenden Popularisierung derartig innovativer Bewegungsformen gekommen. Die Entstehung von neuen Praktiken wie Salsa-Aerobic, Bodyworkout, Gleitschirmfliegen, Mountainbiking, Beach-Volleyball, Inline-Skating, Snow- oder Sandboarding wird in diesem Zusammenhang maßgeblich durch die anhaltende Ökonomisierung des gesamten Sports und durch die Aufwertung der sportiven Körperthematisierung im jugendkulturellen Kontext begünstigt, wobei in heutigen Konsumkulturen mitunter kaum auszumachen ist, ob in einer bestimmten Phase eher der industrielle oder der menschliche Faktor die weitere Entfaltung einer Bewegungspraxis vorantreibt.

Gegenwärtig besteht offensichtlich noch ein Mangel an systematisch angelegten Untersuchungen zur Entstehung des Trendsports und zur beschleunigten Pluralisierung der Bewegungskultur. Darüber hinaus greifen die wenigen zu diesen Fragestellungen vorliegenden sportwissenschaftlichen Analysen das Verhältnis von ökonomischer und semiotischer Macht oder die Beziehungen zwischen der industriellen Inszenierung des Trendsports und der Eigendynamik der Handlungspraxis allenfalls am Rande auf. Vor diesem Hintergrund erscheint es unter anderem hilfreich, die entsprechenden Beiträge von Lamprecht/Stamm (1998) und Schwier (1998c) aufeinander zu beziehen. Die beiden nahezu zeitgleich publizierten Arbeiten versuchen idealtypische Muster der Entwicklung von Trendsportarten nachzuzeichnen und stimmen dabei in ihren Ergebnissen im wesentlichen überein, obwohl sie auf der Basis unterschiedlicher wissenschaftlicher Sprachspiele bzw. Hintergrundtheorien argumentieren. Während Schwier im Rekurs auf semiotische Konzepte ein eher deskriptives Phasenmodell skizziert, ziehen Lamprecht/Stamm (1998, 372) die aus dem Diskurs der Wirtschaftswissenschaften bekannten Innovationsansätze und Modelle des Produktlebenszyklus als heuristischen Rahmen heran.

Damit wird zunächst unterstellt, daß sich die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten und Wettbewerbsmechanismen des Marktes zumindest innerhalb gewisser Grenzen ebenfalls auf das Feld des Sports übertragen lassen. Aus einer solchen Perspektive erscheint gerade eine Verwendung des Produktlebenszyklus als angemessen, da das Modell die in die Entwicklungsdynamik von Trendsportarten eingehenden technologischen, ökonomischen und sozio-kulturellen Prozesse zu integrieren verspricht.[1]

Der Lebenszyklus läßt sich als ein Modell der Marktreaktion kennzeichnen, demzufolge Produkte, Produktlinien und Branchen in der Regel eine begrenzte Lebensdauer haben, während der sie typische Phasen durchlaufen. Die Einteilung der Phasen orientiert sich jedoch weniger an den mathematischen Merkmalen des Kurvenverlaufs, sondern vorwiegend an der Entwicklung des Umsatzes und der Produktpolitik. Diese Betrachtungsweise betont ferner die Rolle der technologischen Innovationen (z.B. auf der Ebene der Sportgeräte) und der Produktpositionierung für das rasche Wachstum neuer Sportmärkte.

Insgesamt bestehen wohl vor allem dann günstige Chancen für eine erfolgreiche Kommerzialisierung und Popularisierung, wenn innovative Bewegungsformen und -aktivitäten als „charismatische Produkte“ (Lamprecht/Stamm 1998, 372) gelten, also quasi lebensstilrelevante Strömungen des Zeitgeistes verkörpern. Gemäß des Produktlebenszyklus-Modells durchlaufen Trendsportarten auf dem Weg vom „avantgardistischen Lebensstil zur Massenfreizeit“ – so der Titel der Publikation – nacheinander die Phasen der Invention, der Innovation, des Wachstums, der Diffusion und der Sättigung.

Die bei Lamprecht und Stamm angeführten fünf Abschnitte des Lebenszyklus von Trendsportarten korrespondieren auffallend mit dem sechsphasigen Modell, das Schwier (1998c) aus kultursemiotischer Perspektive vorgelegt hat ( Abb. 1). Ausgeprägter als bei den zuerst genannten Autoren wird in diesem Rahmen allerdings die These vertreten, daß Trendsportarten notwendigerweise Produkte sind, die ein aktives Zutun der sozialen Akteure erfordern. Die Popularisierung des Snowboardens setzt beispielsweise zwar eine standardisierte industrielle Fertigung der Ausrüstungsgegenstände voraus, aber erst die Menschen haben mit ihren Körpern, ihrem Bewegungsgefühl, ihrer Leidenschaft und ihrer bedeutungsbildenden Aktivität aus den industriellen Ressourcen eine lebendige und potentiell widerspenstige Praxis gemacht. Ausgehend von der Annahme, daß der Körper im Feld des Trendsports vor allem als Ausdrucksmedium ins Spiel kommt, erfolgt mein Versuch einer Beschreibung der Entwicklungsmuster von innovativen Bewegungspraktiken auf dem theoretischen Hintergrund des Ansatzes von Jurij M. Lotman.

   

Produktlebenszyklus-Modell nach Lamprecht/Stamm (1998)

Semiotisches Modell

nach Schwier (1998c)

Charakteristika
Phase 1 : Invention
Phase der Erfindung

und/oder Innovation (1)

Entdeckung / Erfindung einer neuen Bewegungsform bzw. Bewegungsgelegenheit
Phase 2 : Innovation
Phase der Verbreitung
im eigenen Milieu (2)
Weiterentwicklung in subkulturellen Szenen; Semiotische Entautomatisierung; Kultpotential

Phase 3 :

Entfaltung und Wachstum
Phase der Entdeckung

durch etablierte Milieus (3)

Phase der kulturindustriellen
Durchdringung (4)

Durchsetzung als Trend; Medien, Industrie und bestimmte Milieus werden aufmerksam; Erschließung von Märkten; Kult-Marketing

Phase 4 :
Reife und Diffusion

Phase der Trenddiffusion (5)

Popularisierung; Integration in diverse Lebensstile; umfassende Medienpräsenz und Vermarktung

Phase 5 : Sättigung

Phase der Etablierung (6)

Weiterentwicklung zu einer gesellschaftlich anerkannten Sportpraxis; eventuell Marktsättigung und weitgehende semiotische Automatisierung

Abbildung 1 : Phasen der Entwicklung von Trendsportarten

 

Die gesamte Kultur mit ihrer Tendenz zur Semiotisierung von Wirklichkeit gerät bei Lotman (1974 und 1990) als ein sich primär selbst steuernder Mechanismus in den Blick, der zugleich stabilisierende und elastische Dimensionen aufweist. Spielräume für kulturelle Entwicklung lokalisiert er dabei in der Semiosphäre, die als Gesamtheit der in einer bestimmten Kultur vorhandenen Texte, Codes und Zeichenbenutzer definiert wird. Der Prozeß des Kulturwandels läßt sich als ein permanentes Wechselspiel von statischen und dynamischen Kräften und Stadien analysieren (vgl. Posner 1990). Beharrung und Innovation sind nun ebenfalls im Kultursegment Sport zu beobachten. Solche zyklischen Prozesse der Entstehung eines Bewegungscodes, seiner schrittweisen Elaborierung, seiner möglichen Zentralisierung und gegebenenfalls seiner Verdrängung erlauben unter Umständen sogar eine Prognose sportkultureller Vorgänge. Auch für das symbolische Produkt Sport gilt, daß die ständige, gewohnheitsmäßige Verwendung eines Zeichencodes (z.B. des organisierten Wettkampfsports) zur Automatisierung führt, die einerseits einen vorhersagbaren Handlungsrahmen und „jene Selbstverständlichkeit des Bekannten“ (Friedrich 1997, 30) erzeugt sowie andererseits den auf diese Weise hergestellten Bezug zur Welt festschreibt und das Ausmaß der sozialen Kontrolle erweitert.

Nicht zuletzt die offensichtliche Bedeutung von Regeln und Ritualen trägt in der Welt des Sports einerseits dazu bei, daß sich die Handlungsmuster und Ausdrucksformen – mehr oder weniger ohne Zutun der Akteure – verselbständigen und standardisieren. Mit dem Ausmaß derartiger Automatisierungen in der Verwendung des Codes wächst andererseits jedoch gerade in den Grenzbezirken der dominanten Sportkultur das Bedürfnis nach einer Entautomatisierung der Bewegungscodes, nach Alternativen zu den „bevorzugten Lesarten“, nach einem Aufbrechen der konventionellen Organisationsformen und der routinisierten Handlungspraxis. Wie unter anderem am Beispiel der Anfänge des Joggings in den Innenstädten, des Beach-Volleyballspielens oder des Skateboardens auf öffentlichen Plätzen gezeigt werden könnte, impliziert Entautomatisierung die Suche nach spontanen und neuartigen Kontakten zur sozialen Wirklichkeit und deckt mitunter „ein verborgenes Potential an Möglichkeiten“ (Lotman 1974, 273) auf. Semiotische Dynamik entsteht also zunächst an den Rändern der Gesellschaft und ihrer Semiokratie.

Neben Künstlergruppierungen bringen in den subkulturellen Grenzbereichen vor allem Jugendliche und Minoritäten innovative bewegungsbezogene Inhalte, Stile oder Produkte hervor, die dann zunächst ohne Bindung an etablierte semiotische Kontexte in der Luft hängen, in der Folgezeit jedoch die statischen Zeichenprozesse aufbrechen und in bestimmten Fällen strukturbildend wirken. Die von Jugendlichen getragene Praxis des Snowboarding hat so nicht nur in ihrem Anfangsstadium expressive Ausdrucksformen und eigensinnige Aneignungstaktiken begünstigt, sondern im letzten Jahrzehnt die Bewegungs- und Zeichencodes des alpinen Skisports nachhaltig entautomatisiert, deren tradierte Definitionsmacht durch ihre widerspenstigen Szeneaktivitäten untergraben und in der Auseinandersetzung mit den maßgeblich von den Verbänden verkörperten statischen Kräften eine spürbare Veränderung dieser Bewegungskultur eingeleitet.

Entwicklungsdynamik im Feld des Sports, so läßt sich in Übertragung der von Posner (1990, 56-64) rekonstruierten allgemeinen Formen kulturellen Wandels bilanzierend formulieren, resultiert aus Verschiebungen der Grenze zwischen dem Zentrum und außerkulturellen Phänomenen (vgl. hierzu u.a. die Karriere von Aikido und Taijiquan als Trendsportarten), gegenkulturellen Praktiken (wie Skateboarden, Streetdance usw.) oder dem bislang peripher Kulturellen (z.B. das Verhältnis von Windsurfen und Segeln in den 80er Jahren, die Anfänge der „Laufbewegung“ oder der Fitness- und Aerobicszenen).

Derartige Grenzverschiebungen markieren häufig zentrale (Wende-) Punkte in der Entstehungsgeschichte von Trendsportarten, deren Entfaltung idealtypisch den schon in Abbildung 1 dokumentierten Phasenverlauf aufweist. Zur Veranschaulichung dieses zyklischen Prozesses werden im folgenden die einzelnen Abschnitte genauer charakterisiert, wobei sich die entsprechenden Aussagen des aus wirtschaftswissenschaftlichen Innovationsansätzen abgeleiteten Entwurfs von Lamprecht/Stamm (1998) und des eigenen Modells aufgrund ihrer Kompatibilität miteinander verbinden lassen.

(1)     Phase der Erfindung (Invention)

Für den Akt der Erfindung einer neuartigen Bewegungsgelegenheit und die Periode ihrer ersten Erprobung sind sicherlich Momente des Spielerischen und des kreativen Umgangs mit Materialien, Räumen und Ideen konstitutiv. Wenn ein einzelner Akteur oder eine Gruppe zielgerichtet oder zufällig eine zuvor unbekannte Bewegungsform entdecken, stellt dies allerdings wohl kein „Schaffen aus dem Nichts“ dar, sondern steht in einer relationalen Beziehung sowohl zu den sozio-kulturellen Rahmenbedingungen als auch zu der aktuell verfügbaren Technologie und der vorhandenen Infrastruktur. Neben sogenannten „Tüftlern“ und „Freaks“ gelten in diesem Zusammenhang gerade jugendliche Szenen mit ihrem Bedürfnis nach Distinktion, ihrem häufig avantgardistischen Anspruch und ihrer Experimentierfreude als bewegungskulturelle Trendsetter und Pfadfinder.

Die Geburtsstunde und der Geburtsort einer Bewegungsform lassen sich nur in Ausnahmefällen exakt bestimmen, da einerseits die unterschiedlichen Entstehungslegenden und Mythologisierungen zwar die jeweiligen Interessen ihrer Urheber spiegeln, insgesamt aber nur bedingt zur Klärung des Sachverhaltes beitragen. Eine Trendsportart resultiert andererseits zumeist aus einer Entwicklung „die unterschiedliche Wurzeln kennt und durch die Kreativität verschiedener Personen geprägt ist“ (Lamprecht/Stamm 1998, 375). Als Vorläufer des Snowboards werden so beispielsweise ein von dem Österreicher Anton Leonhardt in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg gebastelter Monogleiter oder das mit einem Halteseil versehene Gleitbrett des US-Amerikaners Jack Burtchett von 1929 angesehen. Die „eigentliche“ Erfindung des Snowboards schreiben die Mehrzahl der Quellen jedoch dem Hobby-Wellenreiter Sherman Poppen zu, der 1965 die sogenannten „Snurfer“ als Schnee-Gleitbretter für seine Kinder herstellte. Dieses Spielgerät wurde schon im darauffolgenden Winter kommerziell vermarktet und unter anderem von dem damaligen Teenager Jake Burton benutzt, der sich in den folgenden Jahren mit anderen Jugendlichen entscheidend um die Verbesserung der Boards bemühen und Ende der siebziger Jahre seine eigene (inzwischen marktführende) Firma gründen sollte. Weitgehend unstrittig ist ferner die Entstehungsgeschichte des Windsurfens: Ende der sechziger Jahre verfolgte der Ingenieur und Wassersportler Jim Drake in den USA die Idee, das Segeln mit dem Wellenreiten zu kombinieren und konstruierte schließlich ein entsprechendes Gerät, für das sich sein Geschäftspartner Hoyle Schweitzer umgehend die Patentrechte sicherte und damit für mehr als ein Jahrzehnt weitergehende Produktinnovationen entscheidend hemmte (vgl. Booth 1995 und Taaks 1989).

Die Geburtsstunde anderer Trendsportarten läßt sich nicht in ähnlicher Weise personalisieren, sondern eher in einem bestimmten sozialen und/oder lokalen Kontext einordnen: Streetball ist so von afroamerikanischen Akteuren auf den Hinterhöfen der Großstadtghettos als widerspenstige kulturelle Praxis entfaltet worden (vgl. Gems 1995 und Nelson 1992), während die ersten Beach-Volleyballspiele bereits um 1930 am Strand des kalifornischen Santa Monica stattgefunden haben sollen. Das Mountainbiking wurde in den siebziger Jahren wahrscheinlich nahezu zeitgleich von Jugendszenen in den Rocky Mountains und im Umfeld des kalifornischen Mount Tamalpais eingeführt. Die Geschichte des Rollschuhlaufens weist demgegenüber seit mehreren Jahrhunderten wiederkehrende Wellenbewegungen auf, worauf neben dem gegenwärtigen Inline-Boom unter anderem auch die Popularität des Rollerskating in den frühen achtziger Jahre hindeutet.

(2)  Phase der Verbreitung im eigenen Milieu (Innovation)

Die sportbezogene Erfindung bzw. die neuartige Bewegungsidee verläßt den eng begrenzten Umkreis ihrer Geburtsstätte und wird – zum Teil mit erheblicher zeitlicher Verzögerung – an den Rändern der dominanten Sportkultur von interessierten Szenen oder Milieus (Jugendliche, Minoritäten oder Außenseiter) aufgegriffen und mit eigensinnigen Ausdrucksformen imprägniert. Vor allem über (ko-) konstruktive Handlungsprozesse, über das gemeinsame Herstellen von Bedeutungen und über ein Basteln an der technischen Verbesserung der Sportgeräte entwickelt sich im Verlauf dieser Phase die „Rohform“ Schritt für Schritt zu einer avantgardistischen Bewegungspraxis. Die direkten Vorläufer der heutigen Inline-Skates haben beispielsweise nordamerikanische Eishockeyspieler erfunden, die nach geeigneten Trainingsgeräten für die Sommermonate suchten; zu einen eigenständigen bewegungskulturellen Phänomen wurde das Skaten um 1990 aber erst durch die Aneignungstaktiken und den Gestaltungswillen jugendlicher Szenen (vgl. Beal 1995, Schwier 1996 und 1998a). Die entstehende Subkultur bildet relativ schnell rudimentäre (Bewegungs-) Codes und Stilelemente aus, die nach innen Zugehörigkeit und zugleich nach außen (Geschmacks-) Unterschiede anzeigen. Im Mittelpunkt steht allerdings die körperliche Performanz (Frith 1999), das szeneöffentliche Ausüben und Aufführen der Aktivität. Die in diesem Rahmen beobachtbare fortlaufende Anreicherung mit weiteren Fertigkeiten kann der noch jungen Praxis neue Impulse geben und ihre Struktur verändern, wie Taaks (1989) mit Blickrichtung auf die Erfindung des Wasserstarts beim Windsurfen mit Funboards verdeutlicht:

„Mit dieser Fertigkeit wurde das Beherrschen kleiner Bretter und damit auch hohe Geschwindigkeiten für jedermann und –frau erreichbar. Der Abenteuer-Charakter des Surfsports ... verstärkte sich je schneller, radikaler und direkter die Auseinandersetzungen mit den Naturkräften realisierbar waren“ (Taaks 1989, 202).

Jenseits des jugendkulturellen Kontextes könnte man ferner an das Base-Jumping denken, das von passionierten Fallschirmspringern entfaltet worden ist, wobei sich die Akteure unter anderen wegen der Gefährlichkeit und Illegalität des Base-Jumping als exklusive und verschworene Gemeinschaft präsentieren.

Darüber hinaus beginnen nun einzelne Angehörige der Subkultur mit der (semi-) professionellen Herstellung von Sportgeräten und entsprechendem Equipment. Die Beschäftigung mit der Weiterentwicklung von Snowboards bzw. von Mountainbikes hat so im Fall von Jake Burton und Gary Fisher – einem Mitglied der jugendlichen „Clunkerbike Clique“ am Mount Tamalpais – zur Gründung eigener Unternehmen geführt, die zunächst in Handarbeit Kleinserien produzierten und ausschließlich die Szene belieferten. Die Sportindustrie und die etablierten Sportorganisationen nehmen die kommenden Trendsportarten in dieser Phase kaum als zukünftiges Marktsegment oder als Herausforderung wahr und begegnen den alternativen Bewegungsformen nicht selten mit Ignoranz.

Die Vorurteile und die Ablehnung durch das sportkulturelle Zentrum tragen zum widerspenstig-innovativen Charme der Bewegungspraxis bei, verleihen ihr eine nonkonformistische Aura und werden von deren Angehörigen zur Elaborierung der Bewegungs-, Dress- oder Sprachcodes benutzt. Auf solche symbolischen Kämpfe um Stil verweisen auch die revierbezogenen Auseinandersetzungen zwischen Segelsportlern und Windsurfern in den frühen achtziger Jahren, die zur gleichen Zeit virulenten Raumaneignungen der Snowboarder mitsamt temporärer Pisten- und Liftverbote sowie die rituelle Inbesitznahme innerstädtischer Plätze durch die Skater in den neunziger Jahren.

Auf dem Weg zur Ausformung als peripher kulturelles oder subkulturelles Phänomen bleibt die Bewegungspraxis nicht nur für vielfältige Formen körperliche Performanz offen, sondern begünstigt durch die Flexibilität ihres Codes und ihre Polysemie offensichtlich ein Kultpotential. Das die neue Bewegungsform „sich mit dem Lebensgefühl von Pionieren“(Lamprecht/Stamm 1998, 378) verbindet und in der Lage ist, sich an die Bedürfnisinterpretationen, Sehnsüchte und Suchbewegungen unterschiedlicher Gruppierungen anzuschmiegen, wurde beispielhaft deutlich, als französische und deutsche Jugendliche im Winter 1979/80 mit zum Teil selbstgebastelten Boards, phantasievoller Kleidung und wilden Ritualen erstmals das Snowboarden in den Alpen erprobten.

(3)   Phase der Entdeckung durch etablierte Milieus und der

      kulturindustriellen Trendsetzung (Entfaltung und Wachstum)

Grundsätzlich kann unterstellt werden, daß in heutigen Konsumkulturen die strategische Frühaufklärung durch Trendscouting und Marketingforschung der Entfaltung eines innovativen Bewegungscodes mit nur geringer zeitlicher Verzögerung folgt. Darüber hinaus macht die Szene inzwischen mit selbstproduzierten Videos und Fanzines, mit Homepages im World Wide Web, mit dem überregionalen Vertrieb von (noch) exklusiver Bekleidung und Ausrüstung auf ihren eigenwilligen und unangepaßten Charakter aufmerksam. Neben der semiotischen, körper- und bewegungskulturellen Dynamik gewinnt jetzt ebenfalls die ökonomische Dynamik vermehrt an Bedeutung für den weiteren Entwicklungsprozess. Die entstehenden Nischenmärkte, die zunächst eine Domäne von „Underground-Labels“ und Amateuren bleiben, wecken unweigerlich das Verwertungsinteresse der Kulturindustrie, die die neue Bewegungsform auf ihre Vermarktungstauglichkeit überprüft, mögliche Marktsegmente analysiert und das Design der zukünftigen Sportprodukte in Angriff nimmt. Eine wichtige Funktion übernehmen ferner Massenmedien, die im Rahmen ihrer permanenten Suche nach dem „Außergewöhnlichen“ über die Trendhypothese berichten und deren Definitionsleistungen die Bewegungsaktivität ins öffentliche Bewußtsein heben. Die mediale Präsentation erfolgt dabei jedoch eher in popkulturellen Programmformaten (z.B. Szenemagazine bei Mtv, Viva, Dsf oder Nbc-Giga) als in der traditionellen Sportberichterstattung. Die innovative Praxis wird im Verlauf der dritten Phase insgesamt auf Begriffe gebracht und setzt sich schließlich als Trendsportart durch.

Windsurfen, Streetdance, Skaten, Snowboarden, Mountainbiking, Aerobic oder Bodyworkout sind nun nicht nur für das kulturelle Zentrum als distinktive, eigen­artige und mitunter widerspenstige Stile identifizierbar, sondern beinhalten auf den Ebenen der Körperthematisierung und der Stilisierung der eigenen Lebens­führung gewisse Anschlußofferten für das sog. „Selbstverwirklichungsmilieu“, das nach Schulze (1992, 312-321) vor allem jüngere, gut ausgebildete und aufstiegsorientierte Angehörige mittlerer Soziallagen umfaßt. Wenn die Ausübung einer Trendsportart solchen Akteuren als subjektiv lohnend erscheint, kommt es notwendigerweise zu einer – in der Regel eher schleichenden – Verschiebung der Grenze zwischen dem subkulturellen Randbezirk und dem sportkulturell Zentralen.

Gerade bewegungskulturelle Grenzverschiebungen bedrohen die Hegemonie und die Definitionsmacht der organisierten Sportwelt, deren Abwehrstrategien zwischen der Stigmatisierung der Szene und dem Versuch ihrer Vereinnahmung schwanken. Vor allem die direkt betroffenen Sportverbände reagieren nicht selten verunsichert und warnen vor vermeintlichen moralischen oder gesundheitlichen Risiken der konkurrierenden Trendsportart. Auftretende Konflikte zwischen den „alteingesessenen“ Sporttreibenden und den zumeist jugendlichen Protagonisten alternativer Bewegungsformen – Skifahrer versus Snowboarder, Segler gegen Surfer, Wanderer gegen Mountainbiker oder auch Radfahrer versus Inline-Skater – bieten dem Sportsystem scheinbar Gelegenheiten, um sich vor der Gesellschaft als Sachverwalter des „richtigen“, „guten“ und „wertvollen“ Sports zu profilieren (vgl. Lamprecht/Stamm 1998, 379-380). Da man einem vitalen Trend mit rückwärtsgewandten Strategien jedoch nicht begegnen kann, sind die Veränderungen des Wasser-, Winter-, Berg- oder Freizeitsports kaum noch aufzuhalten. Der avantgardistische Bewegungscode ist zwar flexibler, aber noch nicht hinreichend elaboriert, um schon an die Stelle des destabilisierten etablierten Codes treten zu können:

 „Es stellt sich eine Phase ein, in der die gesicherten und tradierten Zeichensysteme nicht mehr, die neu wahrgenommenen noch nicht wirksam sind. Man kann sagen, beharrende und innovative Kräfte treten gleichzeitig und miteinander konkurrierend auf“ (Friedrich 1997, 33).

Die Bewegungspraxis stellt zu diesem Zeitpunkt einen vieldimensionalen Raum dar, in den unterschiedliche Körperdiskurse und Wertvorstellungen eingehen, in dem eine ganze Reihe von Schreibweisen und Lesarten aufeinandertreffen und sich überschneiden. Das ganze offene Ensemble von Bewegungsbedeutungen, Zuwendungsmotiven, innovativen Ausdrucks- und Handlungsformen hängt nunmehr quasi in der Luft, was unter anderem die zum Teil fließenden Übergänge zwischen den Stilen des Skateboardens, Aggressive Skatens, Windsurfens, Snow- oder Sandboardens begünstigt.

Die innovative Bewegungsform wird nach wie vor weniger als Sportart, sondern vorwiegend als juveniler Lebensstil elaboriert. Die stigmatisierende Fremdeinschätzung durch das Sportsystem nutzen dabei Skater, Beach-Volleyballer oder Snowboarder um sich als bewegungskulturelle Avantgardisten und als widerspenstige Außenseiter zu entwerfen. Durchaus mit (selbst-) ironischen Untertönen haben so beispielsweise Ende der achtziger Jahre die Snowboarder das von außen auferlegte Stereotyp des „Pistenrowdys“ und „Sportrabauken“ in das selbst gewählte Image eines die tradierten Konventionen des alpinen Skisports zermalmenden „Shreadheads“ oder „Shredders“ transformiert:

 „Snowboarders were referred to, even by some insiders, as Shredders. ... A stereotype of the shredder emerged: spiky haired, neon clad, obnoxious dude who pulled chicken salads to fakie“ (Snowboarder evolution 1995, 138; vgl. ferner Humphreys 1997 und Vogel 1996).

Die grundsätzliche Opposition zur dominanten Sportkultur offeriert den Trend­sportarten vielfältige Gelegenheiten, um im Rahmen vorwiegend mimetischer (Gestaltungs-) Prozesse die Gruppenidentität zu festigen, die Konturen des eigenen Bewegungscodes zu schärfen oder dem Stil sogar eine radikalere Ausrichtung zu geben.

(4)    Phase der Trenddiffusion (Reife und Diffusion)

Die Phase der Trenddiffusion markiert den Übergang der innovativen Praxis in das Feld der populären Kultur. Es kommt zu einer Zentralisierung des ehemals peripheren, gegen- oder subkulturellen Bewegungscodes. Die Erwachsenenwelt entdeckt das bis dahin jugendspezifische Phänomen und macht es unter Umständen zu einer Massenbewegung. Die Trendsportart kommt in der Mitte der Gesellschaft an. Neben dem Selbstverwirklichungsmilieu interessieren sich nun vermehrt weitere gesellschaftliche Fraktionen für die sportliche Aktivität und überprüfen deren Lebensstil-Kompatibilität. Mit Fokussierung auf die bunten Oberflächen des Phänomens berichten die Medien inzwischen fortlaufend über den bewegungskulturellen Trend und tragen sowohl zu dessen quantitativer Verbreitung als auch zur einsetzenden Automatisierung des Codes bei. Etliche Fanzines gewinnen in der Folge eine Leserschaft jenseits der Szene und verwandeln sich in professionelle „Special Interest“- Zeitschriften. Wichtige Impulse für die weitere Diffusion gehen sicherlich von den regelmäßigen Fernsehübertragungen entsprechender Events aus, die nicht nur die sportlichen Aktionen, sondern auch den „Spirit“, das „Feeling“ und das Ambiente für die Allgemeinheit aufbereiten. Neben den sogenannten YOZ-Games des Senders Eurosport und der Präsenz von Snowboard-Ereignissen auf Mtv oder Dsf, trifft dies unter anderen auf das Beach-Volleyball zu, dessen Bedeutungszuwachs durchaus mit der 1986 aufgenommenen Ausstrahlung der AVP-Tour im amerikanischen Kabelfernsehen in Verbindung gebracht werden kann.

In den Bereich der Trendsportarten wirkt ferner das für das digitale Zeitalter charakteristische Zusammenwachsen kulturindustrieller Branchen hinein. Da Streetball, Skaten, Snowboarden, Windsurfen oder Beach-Volleyball als erlebnisorientierte Events und nicht in der traditionellen Form des Sportwettkampfes realisiert werden, eignen sie sich in besonderem Maße als Platformen für die Unternehmenspräsentation und -kommunikation. Über die Instrumente des Sponsoring und des Event-Marketing (vgl. Lohre 1998 und Meffert 1998, 714-715) entsteht so bei der Organisation eines Trendsport-Ereignisses ein Verbund von Medien und Industrie, der die Inszenierung der Bewegungspraxis in ökonomische Zusammenhänge einordnet und auf relevante Zielgruppen ausrichtet.

Insgesamt fällt auf, daß die Sportindustrie massiv in den Zukunftsmarkt drängt. Es geht für sie darum, den Vorsprung der bisher in der Szene dominierenden „Underground Labels“ durch das Aufkaufen einiger dieser Firmen, durch erhöhten Marketingseinsatz und die Erschließung neuer Käufergruppen sowie durch die technologische Weiterentwicklung bzw. Standardisierung der Sportgeräte und die Fertigung preisgünstiger Großserien aufzuholen. Die vierte Phase ist in diesem Zusammenhang letztendlich

 „durch zunehmende Standardisierung der Produktion, industrielle Massenproduktion der Sportgeräte und enormes Wachstum der Absatzmärkte geprägt. ...“ (Lamprecht/Stamm 1998, 381).

Das von der semiotischen Entautomatisierung betroffene Sportsystem gibt nun seine bisherigen Abwehrstrategien auf und ist bestrebt den durchgesetzten Trend zu kolonialisieren. Die Vereine und Verbände öffnen sich für die Anhänger der Trendsportart, verfassen Regelbücher und Lehrpläne, organisieren ein Lizenzwesen und Meisterschaften. Die Institutionalisierung zielt einerseits darauf ab, die Standardisierung des Bewegungscodes bzw. der Ausdrucksformen voranzutreiben und andererseits ein jugendlich-progressives Image für die etablierte Sportwelt zu finden.

Die ehemals als sportkulturelle Guerilla angetretenen Gruppierungen nehmen die ersten Tendenzen einer Automatisierung ihres Bewegungscodes und die fortschreitende Popularisierung ihrer ursprünglich avantgardistischen Aktivität als einen Verlust an Stil und Originalität wahr. Die bewegungskulturelle Innovation degeneriert in ihrer Sicht zu einer Spielwiese der Erlebnisgesellschaft. Stellvertretend für zahlreiche Snowboarder der zweiten und dritten Generation stellt so beispielsweise die ehemalige ISF-Weltmeisterin Katharina Himmler in einem Interview fest:

„Immer mehr Snowboarder kennen den Spirit unseres Sports nur aus Zeitschriften. Das heißt saufen, feiern, coole Sonnenbrillen. Das ist es aber nicht. Auf einem Berg stehen, den Schnee und die Freiheit spüren. In kleinen engen Berghütten übernachten und Spaß haben, das verbirgt sich für mich hinterm Snowboarden. Aber das geht vielen verloren.“

Snowboarden, das einmal als Praxis einen signifikanten Unterschied gemacht hat, wirkt heute kaum noch distinktiv. Die Routinisierung der Handlungsmuster und die Automatisierung des Codes erzeugen geradezu eine Beliebigkeit des Zugangs. Der Wettlauf um Stil geht damit in die nächste Runde: Im Bemühen den genuinen „Spirit“ ihrer bewegungskulturellen Szene zu stabilisieren und etwas Eigenes zu entfalten, versucht sich die „Ingroup“ über die Wahl der Aktionsräume, über besondere Inszenierungsformen und eigenwillige Rituale von der nachdrängenden Masse abzugrenzen. Die aktuell beobachtbare Hinwendung langjähriger „Shreadheads“ zum Sandboarding hat so unter anderem wohl auch damit zu tun, daß diese Bewegungsform in den Sommermonaten noch eine exklusive Arena der Szene ist.

(5)    Phase der Etablierung (Sättigung)

Die bewegungskulturell innovative Praxis hat auf allen Ebenen gesiegt und ist daher nicht länger ein Trend, sie zählt nun vielmehr zu den gesellschaftlich legitimen Formen der Körperhandhabung und des sportlichen Sich-Bewegens. Als stark nachgefragtes und von unterschiedlichen Anbietern arrangiertes Produkt gehört die ursprünglich peripher- oder gegenkulturelle Aktivität inzwischen mehr oder weniger zum Mainstream des Sports und behält allenfalls noch eine Zeitlang ihren anarchisch-nonkonformistischen Charme. Der Adac und zahlreiche Krankenkassen bieten längst Trainingskurse für das Inline-Skating an, etliche Wintersportorte in den Alpen stellen sich als Boarder-Paradiese dar und haben ihre rustikalen Bauernstuben für ultracoole House-Parties umgerüstet. Die Deutsche Post bringt Sonderbriefmarken mit Motiven aus dem Streetball heraus und die Baumarktkette Obi veranstaltet unter dem Motto „Biber Beats“ entsprechende Events. Snowboarding und Beach-Volleyball tauchen ferner schon im offiziellen Programm der Olympischen Spiele auf und neben den schon genannten Bewegungsformen finden gegenwärtig unter anderem auch Windsurfen, Bodyworkout oder Hip-Hop-Dance immer selbstverständlicher Eingang in den Schulsport. Darüber hinaus können sich neue Trends, wie das Carving oder Kitesurfing, zu einer Konkurrenz für die im Stadium der Etablierung und der Sättigung angelangten Praktiken entwickeln. Mit der Zentralisierung geht zwar sicherlich eine Verfestigung des Zeichen- und Bewegungscodes, eine Standardisierung der Geräte sowie eine Differenzierung und Kommerzialisierung der Trendsportart einher, diese muß aber nicht zwangsläufig die Strukturen gewöhnlicher „Normalsportarten“ nachempfinden, wie etwa Lamprecht und Stamm (1998, 384) suggerieren.

Die relativ unkritische Orientierung an dem Modell des Produktlebenszyklus mit seiner Überbetonung eines gesetzmäßigen Alterungsprozesses von Produkten läßt Lamprecht und Stamm weitgehend übersehen, daß die Trendsportarten insgesamt erheblich zur Entkanonisierung der Sportlandschaft und zur Aushöhlung der Bindungskraft traditioneller Werte und Institutionen des Sports beitragen. Das Engagement in einer Trendsportart führt schließlich eher selten zu einem Vereinsbeitritt und nur wenige Akteure beteiligen sich an organisierten Wettkämpfen, worauf unter anderem Taaks (1989, 205-206) am Beispiel des Windsurfens hingewiesen hat. Der institutionelle Überbau bleibt ferner vorwiegend auf die jeweilige Profi-Tour beschränkt, deren Events sich jedoch nach wie vor von konventionellen Sportwettkämpfen unterscheiden, da sie Sportivität mit Lebensstil und Partystimmung verschmelzen, den Siegescode ironisch brechen und den Zuschauern eine interaktive Rolle einräumen. Im Bereich des Snowboardings erweisen sich so letztlich die auf den Individualismus zentrierten bewegungskulturellen Vorstellungen der von den professionellen Fahrern mit der Industrie gegründeten ISF (International Snowboard Federation) als inkompatibel zu der um Disziplinierung, Vereinheitlichung und Nationalmannschaften kreisenden Sportkultur der FIS und ihrer nationalen Verbände.

Eine Trendsportart bleibt längerfristig wohl nur dann für die Menschen attraktiv, wenn sie Spielräume zwischen Fremd- und Selbstbestimmung stimuliert, wenn sie weiterhin von subkulturellen Szenen als ein Medium für widerspenstige Körperkonzepte oder Subjektpositionen genutzt wird, zugleich im Rahmen der alltagskulturellen Bedeutungsproduktion leibhaftig zu füllende Leerstellen aufweist und damit Anschlußofferten für das „produktive Vergnügen“ (Fiske 1992, 157-161) eines breiteren Publikums bereithält.



[1]  Das Modell des Produktlebenszyklus wird in den Wirtschaftswissenschaften durchaus kontrovers diskutiert, wobei vor allem der deterministische Charakter des Ansatzes, die nicht gegebene Allgemeingültigkeit für alle Geschäftsfelder, die Überbetonung der Gesetzmäßigkeit des Alterns von Produkten und damit zugleich eine Nichtberücksichtigung diskontinuierlichen Wandels der Unternehmensumwelt im Mittelpunkt der Kritik stehen (vgl. Meffert 1998, 332-336).

 

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