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Prof. Dr. Jürgen Schwier

 

Sport und soziale Ungleichheit

Mit Blickrichtung auf die soziale Ungleichheit stellt der moderne Sport sicherlich ein interessantes Phänomen dar. Einerseits ist sind die gleiche Verteilung der Siegchancen und die Gleichberechtigung aller Teilnehmer für den Wettkampfsport geradezu konstitutiv. Andererseits dürften jedoch die Möglichkeiten zur aktiven Teilhabe an bestimmten Sportpraktiken ungleich verteilt sein, wobei vor allem die Faktoren Bildung, soziale Lage und Geschlecht in diese Prozesse hineinwirken.

Grundsätzlich kann unterstellt werden, dass menschlichen Gesellschaften ganz offenkundig eine Tendenz zur Ausbildung sozialer Ungleichheiten eigen ist. Positionen und Güter sind in der Regel unterschiedlich verteilt und bestimmte soziale Rangpositionen oder Statuszuschreibungen werden gesellschaftlich unterschiedlich bewertet. Die Regelung des Zugangs zu prestigeträchtigen Positionen ergibt sich quasi aus den konkreten gesellschaftlichen Strukturen und Herrschaftsverhältnissen. So wie z.B. im mittelalterlichen Feudalismus oder zur Zeit des Absolutismus die Geburt in einen bestimmten Stand die soziale Mobilität begrenzte, so erscheint in den modernen Industriegesellschaften die individuelle Leistung als zentrales Kriterium für das Sozialprestige des Einzelnen. Vor diesem Hintergrund ist der Begriff der Leistungsgesellschaft zu verstehen. Nun werden allerdings auch in einer Leistungsgesellschaft nicht alle Formen von Leistung gleich bewertet. Der Status eines Akrobaten und eines Bankdirektoren dürfte so kaum identisch sein. Darüber hinaus belohnt unser Sozialsystem bestimmte individuelle Leistung mit verschiedenen Währungen. Es gibt Leistungen die vor allem ökonomisches Kapital einbringen, während andere primär das kulturelle und soziale Kapital (z.B. Bildung, Prestige oder Beziehungen) vergrößern. Zwischen diesen Kapitalquellen bestehen jedoch enge Beziehungen. Wer beispielsweise einen hochwertigen Bildungsabschluß erwirbt, vergrößert seine Chancen auf ökonomisches oder soziales Kapital.

Bevor ich auf den Sport zu sprechen komme, möchte ich noch kurz die möglichen Ursachen von sozialer Ungleichheit diskutieren. Im Verlauf der abendländischen Zivilisationsgeschichte haben sich zwei Grundrichtungen gebildet, die jeweils eine eigene Antwort auf diese Frage geben. Schon in der griechischen Antike entstand die Auffassung von der „natürlichen“ Ungleichheit. Vor allem Aristoteles beeinflußte das Denken in diese Richtung nachhaltig. In seiner „Politik“ gelangt er zu folgenden Aussagen: „Es ist klar, dass es von Natur aus Freie und Sklaven gibt und dass das Dienen für diese zuträglich und gerecht ist. Die Natur hat die Tendenz auch die Körper der Freien und der Sklaven verschieden zu gestalten, die einen kräftig für die Beschaffung des Notwendigen, die anderen aufgerichtet... und brauchbar für das politische Leben .... Desgleichen ist das Verhältnis des Männlichen zum Weiblichen von Natur so, dass das eine regiert und das andere regiert wird.“ So weit Aristoteles. Diese Sichtweise dominierte für fast zweitausend Jahre. Auch während des Mittelalters wurde Ungleichheit noch als natürlich, als von Gott oder dem Schicksal verordnet und damit als endgültig angesehen. Jeder Mensch hatte seinen festgelegten Platz im System der sozialen Ungleichheit und diesen konnte er durch eigenes Tun nicht verändern. Je höher Geburt und Amt, um so größer die Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft und gegenüber Gott. Damit wird deutlich, dass es sich hier nicht nur um ein probates Unterdrückungsinstrument der herrschenden Klasse, sondern auch um den gelebten Glauben von „Oben“ und „Unten“ handelt.

Im Zeitalter der Aufklärung begann sich demgegenüber die Idee von der rechtlichen und kulturellen – kurz: von der naturrechtlichen – Gleichheit aller Menschen durchzusetzen. Dieser Gedanke manifestierte sich in der Französischen Revolution mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1798. Dort heißt es unter anderem: „Die Menschen sind frei und in ihren Rechten gleich geboren. Soziale Unterschiede können nur auf allgemeinem Nutzen beruhen“. Mit den durch die Amerikanische und Französische Revolution propagierten Idealen wurde die Frage nach dem Ursprung der Ungleichheit zu einer soziologischen Frage. Diese lautet bis heute: Wenn die Menschen von Natur aus gleichrangig sind, woher stammen dann die sozialen Ungleichheiten? Soziologische Klassiker wie Rousseau, Marx, Durkheim, Simmel oder Weber haben sich um Antworten bemüht und hierbei auf das Privateigentum, die Arbeitsteilung und die Differenzierung der Berufe hingewiesen. Insgesamt wird heute davon ausgegangen, dass sich die Entwicklung einer Gesellschaft nicht auf letzte determinierende Faktoren – wirtschaftliche oder biologische – zurückführen läßt. Der aktuelle Erkenntnisstand läßt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen: Jede Gesellschaft ist ein System strukturierter Ungleichheit. Die Ursachen von sozialer Schichtung, ihrem Erhalt und ihrer Veränderung liegen in der Wertstruktur (also: Ziele, Bedürfnisse, Normen, Sanktionen), in der Organisation von Macht, in den Eigentumsverhältnissen, in der Disparität der Lebensbereiche, im Wandel von Technik und Bedürfnissen, in sich veränderten Konfliktstrukturen und schließlich in genetischen Vorgaben begründet.

Soziale Ungleichheit, so wollen wir an dieser Stelle abschließend annehmen, ist an sich weder eindeutig negativ noch a priori positiv. Ungleichheiten können für alle Gesellschaftsmitglieder von Nutzen sein, weil sie zur Maximierung gesellschaftlichen Reichtums beitragen. Sie können aber auch als ein Mittel zur Unterdrückung bestimmter sozialer Fraktionen eingesetzt werden. Prinzipiell ist daher Kant zuzustimmen, der schon vor zweihundert Jahren feststellte, dass die „Ungleichheit unter Menschen reiche Quelle vieles Bösen, aber auch alles Guten“ sei.

Damit komme ich zum Feld des Sports. Die Sportsoziologie beschäftigt sich seit langem mit der Frage, ob ein Zusammenhang zwischen der sozialen Lage von Individuen und ihrer sportlichen Aktivität besteht. In diesem Zusammenhang entstanden zunächst zwei konkurrierende Hypothesen:

Erstes wurde erwartet, dass sich soziale Ungleichheit im Sport gar nicht zeige oder zumindest weniger als in anderen Lebensbereichen auftrete. Man nahm sogar an, Sport helfe beim Abbau von Ungleichheiten, bei der Integration von Minoritäten, bei der Überwindung von Klassengrenzen und könne ein Mittel zur sozialen Aufwärtsmobilität sein. Als Begründung wurde angeführt, dass dem Sport ein Gleichheitsanspruch eigen sei und der Sport kaum Zwängen unterworfen wäre.

Die zweite Hypothese unterstellte, dass jedes menschliches Handeln – also auch das Sporttreiben – auf schichtspezifischen Bedürfnissen und Werten beruhe, die im Bildungs-, Arbeits- und Lebensprozess ausgebildet werden. Eine Befriedigung dieser körper- und bewegungsbezogenen Bedürfnisse hänge in Art und Umfang primär von der beruflichen Position ab.

Aus den beiden genannten Hypothesen ergeben sich unter anderem folgende Fragestellungen:

-         Ist Sport ein für alle Gesellschaftsmitglieder frei zugängliches soziales Feld?

-         Oder ist Sport vor allem ein Handlungsfeld der mittleren und oberen Soziallagen?

Die vorliegenden Ergebnisse empirischer Untersuchungen stützen die zweite Hypothese. Sport ist zunächst vor allem ein Betätigungsfeld der Mittelschichten. Der Sport entwickelt sich zwar in der modernen Industriegesellschaft zu einem Massenphänomen, das Menschen in allen Soziallagen anzieht und offensichtlich für alle Gesellschaftsschichten attraktiv ist. Trotzdem sind die konkrete Ausprägung des Sporttreibens und die Struktur des sportlichen Feldes nach wie vor schichtspezifisch organisiert und orientieren sich an den körperbezogenen Werthaltungen der Mittelschichten. Sport übt eben in seinen verschiedenen Erscheinungsmustern eine unterschiedliche Anziehungskraft auf unterschiedliche Fraktionen der Gesellschaft aus. Präferenzen für den Boxsport oder für das Golfen sind beispielsweise nun einmal sozial ungleich verteilt.

Allgemein kann festgestellt werden, dass einerseits die soziale Schichtung der Sporttreibenden nicht den sozialen Aufbau der Gesellschaft spiegelt. Andererseits führt der Sport aber auch nicht zu einer Gleichstellung der Akteure. Grundsätzlich gilt: Das Ausmaß und die Art des sportlichen Freizeitverhaltens hängen primär von der sozialen Lage des Individuums ab. Je höher berufliche Qualifikation und Position, desto größer und qualitativ anders ist die Beteiligung am Sport.

Vor diesem Hintergrund kann es nicht überraschen, dass Studierende das weitaus größte Sportengagement zeigen. Bei ihnen treffen hohes Bildungskapital und Jugendlichkeit zusammen. Mit der steigenden Position im sozialen Feld nimmt gleichfalls das Körper- und Gesundheitsbewusstsein zu. So zeichnen sich obere Soziallagen nicht zuletzt durch eine Distanz zu hochleistungssportlicher Praxis aus, da diese als gesundheitlich riskant bewertet wird. WEISS/RUSSO (1987) weisen darauf hin, dass „in unteren Schichten neben dem instrumentellen Verhältnis zum eigenen Körper auch ein instrumentelles Verhältnis zur Natur existiert. Selbstvergewisserung von männlicher Stärke sowie das Anstreben unmittelbarer Belohnungen sind zentrale Merkmale des Körperbewusstseins unterer Schichten“. Für WEISS/RUSSO ist jedoch nicht nur das Körperbewusstsein schichtenspezifisch geprägt, sondern auch die Wahrnehmungs- und Interpretationsleistungen. Zwischen der Kompetenz zur Interpretation von Körpersignalen und dem Verständnis des eigenen Körpers besteht ein enger Zusammenhang. Zustände von Schmerz, Lust, Krankheit und Gesundheit werden in dieser Sicht schichtspezifisch wahrgenommen und interpretiert. In seinem Werk „Die feinen Unterschiede“ bringt der Soziologe Pierre BOURDIEU (1982) die genannten Zusammenhänge wie folgt auf den Punkt:

„Man muss sich jedenfalls bewusst bleiben, dass die klassenspezifische Verteilung einer Sportart sowohl auf die unterschiedliche Wahrnehmung und Einschätzung der damit erhofften unmittelbaren wie zukünftigen Vorteile zurückgeht als auch auf die unterschiedlich großen wirtschaftlichen, kulturellen und ..körperlichen Kosten (ungleiches gesundheitliches Risiko, ungleiche physische Anstrengungen etc.), damit die unterschiedliche Verteilung der Sportarten auf die Klassen und Klassenfraktionen in großen Zügen verständlich wird. Es hat alles den Anschein, als hinge die Wahrscheinlichkeit, dass jemand einen bestimmten Sport betreibt ... von der Wahrnehmung und Einschätzung der innerlichen wie äußerlichen Gewinne und Kosten einer Sportart ab, letztlich also von den Dispositionen des Habitus und noch genauer vom Verhältnis zum eigenen Körper als einer Dimension des Habitus“.

So weit Pierre BOURDIEU. Das klassenspezifisch organisierte Verhältnis zum eigenen Körper, also die Summe der bewussten und unbewussten Beziehungen zum Körper, stellt einen Schlüssel für das unterschiedliche Verhalten im Sport dar. Lassen Sie mich diesen Sachverhalt an einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Angehörige unterer Sozialschichten würden das Golfspiel wohl auch dann nicht wählen, wenn alle ökonomischen Barrieren beseitigt würden. Das für Golf typische distanzierte Verhältnis zum eigenen Körper und zum Gegenspieler widerspricht wohl grundlegend ihrem Körperhabitus, der die Kraft, die Dynamik und die Durchsetzungsfähigkeit des männlichen Körpers betont. Das Aufwachsen in einem bestimmten sozialen Milieu erzeugt ein bestimmtes Verhältnis zum eigenen Körper, das sich zu einem System  habitueller Einstellungen und Handlungsmuster verdichtet und so die Wahl bestimmter Sportformen nahelegt. Es muss allerdings an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass dieser Körperhabitus nicht starr ist, sondern im Lebensverlauf verändert werden kann.

Mit steigender Soziallage spielt jedenfalls das aktive Sporttreiben zur Befriedung leiblich fundierter Bedürfnisse eine größere Rolle. Die Werte, Leitbilder und Normen, an denen das Gesundheits-, Körper- und Schönheitsideal ausgerichtet wird, sind in den einzelnen gesellschaftlichen Fraktionen sehr unterschiedlich. Vor diesem Hintergrund eignen sich Sportpraktiken in jedem Fall zur Darstellung von kulturellen Differenzen. Mit Blickrichtung auf die französische Gesellschaft hat zum Beispiel BOLTANSKI (1976) die gesamte Art und Weise der sozialen Verwendung des Körpers empirisch untersucht und u.a. klassenspezifische Dimensionen des medizinischen Verbrauchs und der Vorsorge, der Arzt-Patient-Beziehung, der Sexualerziehung, der Schönheitspflege, der Ernährung, des Alkoholkonsums sowie der Sportausübung herausgearbeitet. Die Positionierung des Einzelnen in der gesellschaftlichen Hierarchie scheint im Körpergedächtnis gespeichert zu sein und der Körper bezeichnet durch

„seine Farbe (bleich oder gebräunt), durch seinen Bau (schlaff und weich oder fest und muskulös), durch sein Volumen (beleibt oder schlank, untersetzt oder hochgewachsen), durch Weite, Form und Geschwindigkeit seiner Bewegungen im Raum (linkisch oder anmutig) ein Statussymbol ..., dessen Symbolisierung umso größer ist, als er meistens nicht als solches wahrgenommen und nie von der Person desjenigen gelöst wird, der ihn bewohnt“ (BOLTANSKI 1976, 170).

Diese Befunde sind anscheinend nur in geringem Maße vom jeweiligen Gesellschaftssystem und der herrschenden Ideologie abhängig, wie sich nicht zuletzt an einem Vergleich zwischen BRD und DDR zeigen lässt. Für die Bundesrepublik kam so OPASCHOWSKI (1987) zu dem Ergebnis, dass die Bezieher höherer Einkommen sich stärker im Sport engagieren als die mittleren Einkommensklassen und diese wiederum stärker als die Bezieher geringerer Einkommen. Vergleichbare Daten liegen ebe4nfalls für die Teilnahme am Betriebssport vor, in dem die Mitarbeiter mit Abitur und/oder Hochschulabschluss deutlich überrepräsentiert sind.

Durchaus ähnlich gestaltete sich die Lage in der damaligen DDR. Die Autoren GRAS und LAIB (1989) kommen Ende der achtziger Jahre zu dem Ergebnis, dass 30 Prozent der Befragten ein stabiles Sportbedürfnis aufweisen und insgesamt 59 Prozent der Befragten in irgendeiner Weise Sport treiben. Dabei entfallen jedoch 71 Prozent auf Angehörige der Intelligenz und nur 50 Prozent auf Arbeiter. Wenn wir an die zuvor erfolgten Ausführungen zum Körperhabitus denken, ist ferner interessant, dass GRAS/LAIB auch für die Bevölkerung der DDR unterschiedliche Sportmotive nachweisen konnten, wobei zwischen den Sportpraktiken der Intelligenz und denen der Arbeiter erhebliche Unterschiede bestanden. Das Ergebnis spricht für sich und widerlegt die Behauptung von der Gleichheit der DDR-Bevölkerung im Sport.

Die Abhängigkeit der Motivation zum Freizeitsport vom Bildungs- und vom Berufsstatus wird ebenfalls von OPASCHOWSKI (1989) betont. Er kommt zu dem Ergebnis, dass 56 Prozent der Universitäts- bzw. Hochschulabsolventen Sporttreiben als zwingende Voraussetzung zum Fit- und Gesundsein betrachten. Von den Befragten mit Hauptschulabschluss sehen hingegen nur 36 Prozent einen solchen Zusammenhang.

Vor dem Hintergrund der geschilderten empirischen Befunde stellt sich die Frage, weshalb mit wachsendem Bildungs- und Berufsstatus die Zahl der Sporttreibenden ansteigt. Mit Blick auf höher gebildete Angestellte und Beamte stellt OPASCHOWSKI fest:

„Für sie ist der Zusammenhang von Fitness und Gesundheit fundamental, auch wenn zu seiner Realisierung innere Überwindung erforderlich ist (Ich muss noch zum Tennis). Nicht nur der Beruf, auch Alter, Bildung und Wohnsituation beeinflussen die Einstellung zum Sporttreiben nachhaltig. Die Vorreiter des Wertewandels – die Großstädter, die Höhergebildeten und die jungen Leute – zeigen zugleich das größte Fitnessbewußtsein“.

Folgt man der Argumentationslinie von OPASCHOWSKI, dann besteht offensichtlich ein Zusammenhang von Leistungsmotivation im Beruf und Fitnessstreben.

Im folgenden werde ich diskutieren, in welcher Weise soziale Ungleichheit im Sportverein wirksam ist. Mit Blickrichtung auf das Sportengagement von Kindern und Jugendlichen konnten die empirischen Untersuchungen von BAUR/BRETTSCHNEIDER (1994) und von KURZ/SACK/BRINKHOFF (1996) in den neunziger Jahren detailliert nachzeichnen, dass Sportvereine nach wie vor Orte sozialer Ungleichheit sind: Je höher die Schichtzugehörigkeit der Heranwachsenden ist, um so höher ist auch die Quote der Sportaktiven. Neben der Schichtproblematik fällt hier ferner die Geschlechterproblematik auf. Die genannten Kinder- und Jugendstudien weisen so darauf hin, dass Jungen nach wie vor mehr Sport betreiben als die Mädchen. Frauen sind unter den organisierten Sportlern nach wie vor unterrepräsentiert. Mit steigender Soziallage wächst allerdings die Zahl der Vereinssportlerinnen. Insgesamt kann man SCHLAGENHAUF (1977) zustimmen, der annimmt, dass kaum eine andere freiwillige Organisation bei den Frauen so ein scharfes Schichtgefälle aufweist und die unterste Schicht so stark diskriminiert wie der Sportverein. Das traditionelle weibliche Rollenmuster wirkt sich in den unteren Soziallagen besonders hemmend aus. In der Unterschicht ist die Mitgliedschaft in einem Sportverein ein Privileg der Männer. Hier kommen aber auch rein zeitökonomische Faktoren zum Tragen. Denken wir nur an eine Arbeiterin, die nach einer achtstündigen Schicht noch den Haushalt führen und die Kinder betreuen muss. Es erscheint fraglich, ob eine Frau in einer solchen Lebenslage überhaupt Zeit für den Vereinssport aufbringen kann.

Die meisten deutschen Sportvereine sind nun kleine und mittlere Klubs mit 50 bis 1000 Mitgliedern. Allgemein kann in diesem Zusammenhang unterstellt werden, dass die Dominanz oberer Soziallagen zunimmt, je kleiner der Verein ist. Umgekehrt gilt: Je größer der Sportverein, desto mehr Frauen sind unter den Mitgliedern und umso geringer ist die Dominanz der oberen Schichten.

Eine der Hauptursachen für den Beitritt in einen Sportverein ist bei Erwachsenen die Sorge um die Gesundheit, und diese Überlegung gewinnt mit steigendem Berufs- und Bildungsstatus an Gewicht. Sport ist als präventives „Heilmittel“ weder mit einer Erfolgsgarantie verknüpft, noch kann seine Wirkung gespeichert und im Augenblick des Übens geprüft werden.

Langfristig einsetzende und dazu noch unsichere Belohnungen, deren Gebrauchswert zweifelhaft ist, können Akteure aus unteren Soziallagen kaum motivieren. Dies gilt wiederum für Frauen in besonderem Maße.

Einzelne Sportvereine haben des weiteren unterschiedliche soziale Einzugsbereiche. Ursachen für abweichende Zusammensetzungen sind unter anderem Mitgliedsbeiträge, Sozial- und Infrastruktur der näheren Umgegend, Alters- und Geschlechterverteilung, Tradition und Prestige des Vereins und die Hauptsportarten des jeweiligen Vereins. Interessant ist an dieser Stelle, dass mit der Exklusivität eines Vereins die Zahl der passiven Mitglieder zunimmt. Dem Sportverein wird hier wohl eine Funktion als gesellschaftliche Kontaktbörse zuerkannt.

Darüber hinaus beeinflusst das Alter in den verschiedenen Sozialschichten das Sporttreiben in unterschiedlicher Weise. So gehören zwischen dem 31. und dem 35. Lebensjahr bei den Mittelschichten 40 Prozent einem Sportverein an, bei der Unterschicht sind es in dieser Altersgruppe knapp 7 Prozent. Wie ist das zu erklären?

Möglicherweise sind die in den beiden Soziallagen unterschiedlichen Karriereerwartungen eine Ursache für diese Entwicklung. Angehörige höherer Soziallagen sind im genannten Altersbereich stark um beruflichen Aufstieg bemüht und sehen im Sportverein ein Instrument, dieses Ziel zu fördern. Es wurde auch schon an anderer Stelle auf den Zusammenhang von Leistungsmotivation und Fitnesstreben hingewiesen. Akteure aus unteren Soziallagen konzentrieren sich demgegenüber in diesem Alter mehr auf das Geldverdienen, den Erhalt der Familie und den Erwerb materieller Güter. Und dabei sehen sie die aktive Mitgliedschaft im Verein eher als ein Hindernis an. Aktivitätsbeeinträchtigende Auswirkungen von Eheschließung und Familiengründung sind für Angehörige der unterer Soziallagen empirisch gut belegt.

 Wenn ich bisher primär über den Freizeitsport gesprochen habe, werde ich mich nun den Einflüssen der Soziallage auf den Spitzensport zuwenden. Spitzenleistung ist auf den ersten Blick ein individuelles Phänomen, das an Talent, Anlage, Training, Motivation, persönlichen Lebensweg und Leistungsbereitschaft gebunden ist. Letzten Endes resultiert aber auch die sportliche Spitzenleistung aus den soziokulturellen Verhältnissen, den Werten, Normen und Machtverhältnissen und den ökonomischen Möglichkeitsspielräumen. Für die Bundesrepublik konnte so nachgewiesen werden, dass das Sozialprofil des durchschnittlichen Spitzensportlers weitestgehend dem der Wirtschafts- und Bildungselite entspricht:

„Er entstammt zunehmend aus höher Schicht, besucht höhere Bildungsanstalten und ist geographisch hoch mobil. .... Spitzensport ist ein Privileg und weist Parallelen zur Eliterekrutierung im allgemeinen auf“. Dieser Charakterisierung von PFETSCH (1975) stimmen auch andere Untersuchungen zu. Die Überrepräsentation oberer Soziallagen im Hochleistungssport ist bei weiblichen Athleten offensichtlich noch wesentlich ausgeprägter. Hochleistungssport erweist sich als eine Folge genutzter Bildungschancen und als ein Mittel zusätzlicher sozialer Profilierung. Im Sport wie in anderen Lebensbereichen erfolgen Verteilungsprozesse nun einmal nicht entsprechend der Grundstruktur der Gesellschaft, sondern hängen entscheidend von milieuspezifischen Bedürfnissen und Machtverhältnissen ab. PFETSCH (1975) führt hierzu aus:

„Im spitzensportlichen Subsystem wiederholen sich die gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsmechanismen. Der Spitzensport ist ein Abbild der Gesellschaft mit anderer Grundverteilung“.

Die seit einigen Jahren einsetzende Kritik am Höchstleistungssport kann sich jedoch – zumindest mittelfristig – auf die soziale Rekrutierungsbasis auswirken. Schon heute verändern sich in den höheren Soziallagen die Einstellungen der Eltern zum Hochleistungstraining ihrer Kinder. Langfristig könnte hier ein Wertewandel durchschlagen, der sich in einer Absetzungsbewegung der höheren Schichten vom Spitzensport niederschlägt.

Abschließend sind noch die einzelnen Sportarten selbst zu diskutieren. Mit Polo, Golf, Tiefseetauchen oder Segeln verbinden wir in unserer alltäglichen Wahrnehmung beispielsweise ebenso eine Dominanz bestimmter sozialer Milieus wie mit dem Ringen, Boxen, dem Karate oder dem Handball. Die Art des Sporttreibens und die Präferenz für bestimmte Sportarten folgt eben den klassenspezifischen Werten, Normen, Verhaltensmustern, Leit- und Körperbildern. Sportwissenschaftliche Untersuchungen, wie die von OPASCHOWSKI (1987), SCHLAGENHAUF (1977) oder WEISS/RUSSO (1987), gelangen bezüglich des sozialen Ansehens einzelner Disziplinen zu ähnlichen Resultaten.

Hoch angesehen sind so unter anderem Golf, Segelfliegen, Tennis, Polo, Fechten, Ballett, Reitsport, Fallschirmspringen, alpiner Skilauf, Eislauf, Basketball, Leichtathletik, Schwimmen oder Rudern.

Besonders geschätzt werden an diesen Disziplinen: die Harmonie von Körper und Geist, die allseitige athletische Ausbildung, Fitness, Gewandtheit, Schönheit der Bewegung, strategisches Denken und Handeln, die Kreativität oder die Fairness. Ganz eindeutig steht die Wahrnehmung dieser Sportarten mit typischen Werten der Mittelschichten in enger Verbindung.

Mit sinkender Soziallage gewinnen Sportarten an Beliebtheit wie Boxen, Ringen, Handball, Fußball, Gewichtheben oder Kampfsportarten. Diese Disziplinen befriedigen spezielle Bedürfnisse der unteren sozialen Schichten, wie Muskelausprägung, Durchsetzungsfähigkeit, Härte, Kampfkraft oder Glück.

 Insgesamt ist zu konstatieren, dass Selbstbild einer Schicht und Ansehen der gewählten Sportart sich tendenziell entsprechen. Je komplizierter die Regeln einer Disziplin, je schwieriger die Bewegungsabläufe und je langwieriger der Lernprozess, desto höher ist die soziale Lage der Akteure, die diese Sportart ausüben. Als generelle Strategie des Sportkonsums formuliert BOURDIEU (1988), „dass ein Sport mit um so größerer Wahrscheinlichkeit von Angehörigen einer bestimmten Gesellschaftsklasse übernommen wird, je weniger er deren Verhältnis zum eigenen Körper in dessen tiefsten Regionen des Unbewussten widerspricht“.

Für die USA kommt WILSON (2002) zu durchaus vergleichbaren Ergebnissen, die er als Paradox des Sportengagements bezeichnet: Mit steigender Schichtzugehörigkeit steigt allgemein die Sportpartizipation, aber je höher die Schichtzugehörigkeit ist, je geringer ist die Wahrscheinlichkeit eines Engagements in Sportarten, die mit den unteren Soziallagen verbunden werden. "The findings presented in this study showing that sports tastes are linked not only to economic capital but particularly to class-based differences in cultural capital strongly imply that ... sports tastes do in fact function to accommodate and reinforce the existing structure of social inequality" (WILSON 2002, 14).

Abschließend will ich versuchen, die Ausführungen zur sozialen Ungleichheit im Sport kurz zusammenzufassen.

Ganz allgemein ist davon auszugehen, dass die soziale Lage der Sportler nicht mit der sozialen Schichtung der Bevölkerung übereinstimmt. Sportler im Erwachsenenalter gehören so generell höheren Gesellschaftsschichten an als der Durchschnitt der Bevölkerung. Diese Erscheinung verstärkt sich mit zunehmendem Alter.

Sportarten und –vereine weisen des Weiteren deutliche Hierarchien auf. Im Verhältnis zu Männern sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert, wenn auch eine gewisse Aufholtendenz nicht zu übersehen ist. Mit steigender sozialer Lage gleichen sich die Proportionen zwischen den Geschlechtern an.

Sportbezogene Bedürfnisse, Werte, Leit- und Körperbilder, Einstellungen, Verhaltensmuster, Interessen, Leistungsmotive und –anreize sind klassenspezifisch geprägt und werden über einen entsprechenden Habitus vermittelt.

Mit sinkender Soziallage verliert ein bewußt als Gesundheitsförderung und zur Steigerung der ganzheitlichen psychisch-physischen Leistungsfähigkeit betriebener Sport an Bedeutung. Das Muster der hinausgeschobenen Belohnung (Training als Investition in die weitere Gesunderhaltung) kommt hier immer weniger zum Tragen. Eine sportive Gesundheits- und Fitneßmoral findet sich mit steigender Soziallage. Mit zunehmendem Alter ziehen sich in unteren Schichten ferner mehr Akteure vom Sport zurück als in den Mittel- und Oberschichten.

Die Bereitschaft zum Sporttreiben wächst mit dem Bildungsniveau. Gleichzeitig erhöht sich die Vielfalt der Sportaktivitäten.

Auch im Sport dominieren die aktuellen körperbezogenen Werte und Lebensstile der dominierenden Milieus, die dann zeitversetzt von den anderen Milieus zumeist übernommen werden.

Im Bereich des Hochleistungssports weisen die Akteure eine hohe soziale und regionale Mobilität auf. Überdies korreliert Leistung eindeutig mit einem entsprechend höheren Bildungsgrad. Am Beispiel farbiger US-Athleten zeigt sich ferner, dass Sport bei niedrigem sozialen Status als Instrument des sozialen Aufstiegs fungiert.

Da im sportlichen Training eine Orientierung an hinausgeschobenen Belohnungen zu erkennen ist, kann es nicht überraschen, dass in diesem Feld mit sinkender Soziallage immer weniger Personen aktiv sind. Je langfristiger die sportiven Handlungsstrategien angelegt sind, je weniger werden Akteure aus den unteren Schichten angesprochen. Das Planen in weiten Zeiträumen, der rationelle Umgang mit Zeit, Disziplin, Investitionsdenken, Verzicht auf kurzfristige Belohnungen, Durchhaltevermögen, Selbstverantwortlichkeit oder intrinsische Motivation sind eben nicht nur sportive Tugenden, sondern auch Schlüsselbegriffe der Arbeitswelt und Symbole des sozialen Aufstiegs.

 

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