zur Startseite

 

Forschungsprojekt : „Sport – Medien – Kultur"

Leitung: Prof. Dr. Jürgen Schwier

 

Die Annahme, daß Sport als ein Kulturphänomen betrachtet werden kann, findet gegenwärtig in der sozialwissenschaftlichen Diskussion breite Zustimmung. Mitverantwortlich hierfür ist sicherlich der anhaltende Bedeutungszuwachs von Sport- und Bewegungspraktiken in postindustriellen Gesellschaften, der es nahezu unmöglich macht, auf eine einheitliche Art und Weise über die sich ausdifferenzierenden und pluralisierenden Kommunikationsphänomene des Sports zu sprechen oder noch eine umfassende Definition des „Ganzen" zu liefern. In einer derart unübersichtlichen Situation liegt es durchaus nahe auch kulturtheoretische Konzepte für die Analyse des Sports fruchtbar zu machen, sich also zum Beispiel mit dem Symbolischen und seinen materialen Konsequenzen im Feld der Sportpraktiken zu beschäftigen. Vorliegende Annäherungen an den „Sport als Kultur" verbleiben demgegenüber allerdings – wie die gleichnamige Monographie von Grupe (1987) – auf einer oberflächlich-deskriptiven Ebene und sind vorwiegend von normativen Vorstellungen eines „wertvollen" Sports durchzogen. Wenn man davon ausgeht, daß Kultur den Sport erst zum Sport macht und diesen folgerichtig als eine kulturelle Praxis untersuchen will, sind zwar verschiedene theoretische Bezugspunkte denkbar, die Frage nach den sozialen Voraussetzungen, Funktionen und der Strukturiertheit von Zeichenprozessen bzw. von Prozessen der Sinnzuweisung läßt sich dabei aber wohl kaum ausklammern. Den Sport als Kulturphänomen zu verstehen, heißt zuallererst, ihn als eine Form sozialer Kommunikation zu begreifen. Vor diesem Hintergrund erscheint es mir erfolgversprechend, im folgenden den Pfad der Cultural Studies einzuschlagen.

Der inzwischen schillernde Begriff der Cultural Studies kennzeichnet eine ursprünglich Anfang der sechziger Jahre in Großbritannien entfaltete humanwissenschaftliche Forschungstradition, die zunächst mit dem „Centre for Contemporary Cultural Studies" (CCCS) an der Universität Birmingham verknüpft war und die sich im Verlauf der achtziger Jahre ebenfalls in Australien, Frankreich, Indien, Kanada, Südafrika sowie unter dem Etikett der American Cultural Studies vor allem in den USA etabliert hat. Unter direkter Bezugnahme auf das interpretative Paradigma, auf ethnographische, phänomenologische und hermeneutische Methoden beabsichtigen diese inter- bzw. transdisziplinären Projekte eine umfassende Untersuchung von Kultur in ihrem historischen und gesellschaftlichen Kontext.

In der Tradition der britischen Cultural Studies meint der Begriff Kultur sowohl die Werte, Symbole und Bedeutungen, mit denen eine Gesellschaft ihre gemeinsamen Erfahrungen ausdrückt als auch die gesamte Lebensweise bestimmter sozialer Gruppen oder Fraktionen (z.B. Jugendkulturen), deren Deutungen ihrer speziellen Lebenslagen sich in alltäglichen Handlungspraktiken manifestieren. Es geht also letztlich um das Verhältnis von Kultur und Macht sowie um die Funktion der kulturellen Produktionsweisen und Aneignungstaktiken. Daher kann es kaum überraschen, daß sich die englischen Kulturstudien in ihren Anfängen als eine ideologiekritische Alternative zu der seinerzeit in den Sozialwissenschaften vorherrschenden strukturell-funktionalistischen Methodologie verstanden.

Aus meiner Sicht sind die Prozesse der Bedeutungsbildung, deren oft widersprüchlicher Bezug zu gesellschaftlichen Strukturen sowie der Einfluß kultureller Waren und Praktiken auf unsere alltägliche Lebensgestaltung ein wesentlicher Gegenstand der Kulturstudien. Vor allem die British Cultural Studies versuchen (populäre) Kultur in einer Theorie gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion zu verankern und beschäftigen sich unter anderem mit der Frage, wie kulturelle Formen den dominanten Kräften nutzen und den Menschen zugleich Chancen zur Hervorbringung eigener Bedeutungen geben. In diesem Rahmen wird analysiert, wie Konsum und Aneignung von Kultur feine soziale (Geschmacks-) Unterschiede spiegeln, dabei der unkritischen Einordnung in die bestehende Gesellschaft dienen und subversive bzw. emanzipatorische Momente enthalten können. Gesellschaft gerät dabei als hierarchisches und antagonistisches Netzwerk von sozialen Beziehungen in den Blick, daß durch ein System der sozialen Ungleichheit (entlang der Faktoren Klasse, Geschlecht, Rasse, Nationalität, Alter) und durch fortlaufende symbolische Kämpfe gekennzeichnet ist. Der Begriff Kultur wird also an die geteilten Prinzipien der Lebensführung sozialer Gruppen, Klassenfraktionen oder Milieus gebunden.

Die verschiedenen Projekte der Cultural Studies gehen im Rahmen der Suche nach den möglicherweise kontextabhängigen Schnittstellen zwischen der Macht des ökonomischen Systems und der semiotischen Macht der Konsumenten zunächst generell von einer relativen Autonomie des Feldes der kulturellen (Sinn-)Produktion aus. Der gerade im Bereich der Populärkultur besonders augenfällig hervortretende Kreislauf von Produktion, Textualität, Rezeption und Reproduktion sowie die sich in bestimmten sozialen Situationen ergebenden Chancen zur Artikulation von Bedeutungsunterschieden werden allerdings zum Teil aus konträren Perspektiven analysiert. Die bei der sozialwissenschaftlichen Vermessung der Konsumkultur anzutreffende Bandbreite reicht idealtypisch von Positionen, die eine umfassende Dominanz der Sinnvermittlungsinstanzen und der materiellen Produktionsseite betonen, bis zu Ansätzen, die die kulturelle Handlungsfähigkeit der sozialen Akteure hervorheben und das populäre Vergnügen sogar mit einer symbolischen Politik des Widerstands in Verbindung bringen. Während auf der einen Seite davon ausgegangen wird, daß das kommerzielle System der kulturellen Produktion die Bedeutungen vorgibt und weitestgehend festlegt, wie das Publikum Kulturwaren gebrauchen kann, liegt andererseits der Schwerpunkt auf den eigensinnigen Rezeptions- bzw. Aneignungstaktiken und dem aktiven Konsum wird zumindest bedingt ein emanzipatorisches Potential zuerkannt.

Im Rahmen des o.g. Forschungsprojektes wird der Versuch unternommen, den Ansatz der Cultural Studies auf das Phänomen des Mediensports, das Sportmarketing und auf die Entwicklung innovativer Bewegungsformen anzuwenden.

 

Ausgewählte Veröffentlichungen:

Friedrich, G., Hildenbrandt, E. & Schwier, J. (Hrsg.) (1994), Sport und Semiotik. Sankt Augustin : Academia.

Schwier, J. (1998), Spiele des Körpers. Jugendsport zwischen Cyberspace und Streetstyle. Hamburg : Czwalina.

Schwier, J.(2000), Sport als populäre Kultur. Sport, Medien und Cultural Studies. Hamburg : Czwalina.

Schwier, J. (2002), Sportpädagogik und Cultural Studies. In Friedrich, G. (Hrsg.), Sportpädagogische Forschung. Konzepte - Ergebnisse - Perspektiven (S. 319-327). Hamburg : Czwalina.

Schwier, J. (Hrsg) (2002), Mediensport. Ein einführendes Handbuch. Hohengehren : Schneider.

 

zur Startseite