Gefühl

Bewertung der Erlebnisse

Sein Buch "Die Vernunft der Gefühle" (Ursprung, Natur und Sinn der menschlichen Emotion) / SP 227 beendet der Autor Dieter E. Zimmer mit einem Interview, das er mit dem Soziobiologen Professor Edward O. Wilson hatte:


Gibt es unbegrenzt viele Gefühle?

Nein. Ich glaube, Gefühle bestehen in den lustvollen oder schmerzlichen Bewertungen der Erlebnisse, die das Limbische System des Gehirns vornimmt, und das Limbische System begrenzt die Zahl dieser Bewertungen.

Macht es irgendeinen Sinn, zwischen elementaren und abgeleiteten Gefühlen zu unterscheiden?

Wahrscheinlich gibt es gar keine abgeleiteten Gefühle. Ich möchte die Spekulation wagen, daß es eine begrenzte Zahl elementarer Gefühle gibt, wie es eine begrenzte Zahl musikalischer Noten gibt; mit der Zunahme von Erfahrungen und mit der Verknüpfung der Erinnerungen mit dem Limbischen System werden immer reichere und komplexere Erfahrungen und Empfindungen mit diesen Grundgefühlen verbunden.

Auf den Beobachter wirkt das so, als fände in dem sich entwickelnden Bewußtsein ein Übergang von den primitiven, kindlichen emotionalen Reaktionen zu den raffinierten Gefühlsreaktionen in der Musik, in der Kunst, in der Freundschaft und in dem Vergnügen der Naturforschung statt. Doch während die Information und die Erfahrung wesentlich reicher und komplexer werden, bleibt wahrscheinlich der Gefühlsapperat, die Noten der Melodie sozusagen, der gleiche. Nur die Melodien selber können subtiler und erlesener werden. Mein Vergleich ist nur eine Metapher und wahrscheinlich keine sehr genaue, doch näher kann ich meiner Auffassung nicht kommen.

Halten Sie es für möglich, Triebe und Gefühle zu unterscheiden?

Ich bin kein Psychologe, obwohl ich in den letzten beiden Jahren die kognitive Psychologie und die Literatur über Gehirnstrukturen studiert habe. Mein Eindruck ist der, daß man wohl einen Unterschied machen kann zwischen Trieben, die Gefühle mit sich bringen, und rein reaktiven Gefühlen. Es gibt so etwas wie Intentionalität. Ja, manche Psychologen und Philosophen sind der Meinung, Intentionalität sei der Schlüssel zum Bewußtsein. Ohne sie wären wir nichts als reagierende Computer. Es sind die Triebe des Menschen, die ihn nicht nur hin zu emotionalen Belohnungserlebnissen führen, sondern auch die Beschaffenheit des Bewußtseins selber bestimmen. Triebe bestehen in dem wiederholten Versuch der Psyche, den Handlungsvollzug, den Informationserwerb und die Modifikation des Denkens so zu steuern, daß alles mit dem übereinstimmt, was die Psychologen Schemata nennen.

Schemata sind vererbte Programme, die die Evolution hervorgebracht hat; sie betreffen grundlegende Verhaltensbereiche wie Nahrungsaufnahme, Neugier, Bandbildungen und ähnliches. Die Intentionalität im menschlichen Geist besteht, meine ich, in einem ständig aktiven Programm, das die Erlebnisse und die Langzeiterinnerungen an Erlebnisse mit diesen grundlegenden Schemata in Übereinstimmung zu bringen sucht. Der ganze Vorgang wird von dem Input der emotiven Gehirnzentren gelenkt, die sich vor allem im Limbischen System befinden.

Ein Psychologe hat ganz richtig festgestellt, daß der eigentliche Mensch nicht im Cortex, sondern im Limbischen System zu finden ist. Die rein rationalen Zonen des Cortex sind mehr wie Computer. Doch der Prozeß, der Sie und mich zu Menschen macht, der uns mit Trieben und Intentionalität ausstattet, stammt aus dem Belohnungssystem, das im Limbischen System ansässig ist. Es bringt den Geist dazu, ständig Handlungen und Erlebnisse mit den Schemata in Übereinstimmung zu bringen.

Teilt der Mensch einige seiner Gefühle mit Tieren?

Viele, zumindest mit den höheren Primaten und Säugetieren. Wahrscheinlich sind die grundlegenden Gefühle wie die Freude an der Bildung von persönlichen Beziehungen (die Bandbildung), die Freude am Essen, die Wut bei der Verletzung, die tiefsitzenden Ängste vor Unbekannten in der Evolution seit den Tagen unserer vormenschlichen Vorfahren nicht geändert worden.

Doch wie ich die kognitive und die Entwicklungspsychologie verstehe, bin ich der Ansicht, daß in der Evolution des menschlichen Bewußtseins so viel geschehen ist, seit vor zwei Millionen Jahren die primitivsten Menschen auf der Bühne erschienen, daß es wahrscheinlich rein menschliche Gefühle gibt und daß diese die ästhetischen Freuden an der Musik, an der Kunst und an gewissen Formen menschlicher Beziehungen mit sich bringen. Obwohl sie nur dem Menschen eigen sind, sind sie dennoch biologisch und werden von der gleichen Art neurologischen Apparats kontrolliert, der die primitiveren Gefühle kontrolliert, diejenigen, die wir mit den Tieren teilen.

Der Soziobiologe Robert Trivers meinte, daß dazu auch die moralischen Gefühle gehören.

Das könnte zutreffen. Als wir unsere bemerkenswerte Fähigkeit zu vertragsmäßigen Beziehungen entwickelten, die Trivers reziproken Altruismus nannte, entwickelten wir gleichzeitig auch die Fähigkeit der Entrüstung.

Sie sind also auch der Ansicht, daß jedes Gefühl seine evolutionäre Geschichte haben muß?

Ja. Ich muß jedoch eins hinzufügen: zu sagen, daß Gefühle und Intentionalität den Kern der menschlichen Natur ausmachen, daß sie eine biologische Grundlage und eine evolutionäre genetische Geschichte haben, heißt ganz entschieden nicht, daß wir deshalb den Tieren gleich wären. Dies ist das Mißverständnis, das hinter der unfairen Ablehnung des biologischen Ansatzes steht. Der Mensch hat während der letzten zwei Millionen Jahre eine nur ihm eigene Evolution durchgemacht.

Sind einige Gefühle anachronistisch geworden?

Ja. Manche Kritiker der Soziobiologie behaupten, sie rechtfertige den Status quo. Das ist einfach nicht der Fall. Soziobiologen wissen: die Menschen haben in den letzten zweitausend Jahren soviel kulturelle Evolution zurückgelegt, daß wir heute in einer Umwelt leben, in der einige der alten primitiven Gefühle und sogar einige der typisch menschlichen Gefühle überholt sind. Und was macht man mit Fehlanpassungen? Man versucht, sie bis an ihre Wurzeln zu verstehen, und kommt zu einer Übereinkunft darüber, wie mit ihnen umzugehen ist. Und entweder versucht man die verfehlten Energien ganz zu löschen, oder man lenkt sie in neue Richtungen. Meines Erachtens brauchen wir ein viel genaueres Wissen über die nicht mehr adaptiven Triebe, gerade um mit ihnen besser fertig werden zu können. Wenn sie außer Kontrolle geraten, können sie uns buchstäblich vernichten.

Würden Sie Gefühle irrational nennen?

Nicht ganz. Sie haben die Rationalität des Überlebens. Während Millionen von Jahren hatten die Gefühle, die sich in den Vorfahren des Menschen entwickelten, ihren guten Sinn. Heute leben wir in einer Umwelt, wo es gefährlich und irrational wäre, wenn wir allen unseren Gefühlen freien Lauf ließen.

Einige von ihnen destabilisieren und vernichten. Ich glaube, daß die Leute eben dies meinen, wenn sie sagen, daß emotionale Reaktionen oft irrational sind. Für die Vorfahren des Menschen hätte sich die Frage der Rationalität wahrscheinlich nie erhoben. Homo habilis und Homo erectus hätten wohl gar nicht begriffen, wovon Sie sprechen. Schließlich sind Gefühle auch in dem Sinn rational, daß sie uns mit den Wünschen und Freuden ausstatten, auf denen alles menschliche Tun beruht. Ohne sie wären wir Computer und nichts weiter.

Ohne Gefühle wären wir wohl noch nicht einmal Computer.

Genau. Wenn man die Intentionalität und die Belohnung der Intentionalität wegnimmt, gäbe es keine Exploration mehr, kein Erkenntnisstreben, keinen Wettbewerb, keine Neugier.

Oft beschäftigen wir uns einzig mit den zerstörerischen Emotionen; dann vergessen wir, daß sie nur die dunkle Seite unserer wunderbarsten Impulse darstellen.

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