Niclas von Wyle: Transzlation oder Tütschungen (...). Esslingen: Fyner 1478.
-- Auszug: Zweite Translatze, die Histori von Sigismunda sagende.
-- Textgrundlage: Translationen von Niclas von Wyle. Hg. von Adelbert von Keller. Stuttgart 1861, Seite 79-90.
-- Texterfassung: Lars Hartmann, Thomas Gloning, 12.11.2001
-- Wiedergabe: Seiten (<<79>>) und Zeilen nach der Ausgabe von Keller; Silbentrennung aufgehoben; übergestellte Zeichen kodiert (z.B. uo, av, v: = v mit Trema; Wyle'sche Virgel als "/", Zeilenzähler nach rechts außen gestellt; die Zeilenzählung zu Zeile 5 und 15 auf Seite 80 haben wir um eine Zeile nach unten verschoben; Folioangaben im Wortinnern aus dem Wort herausgestellt, um elektronische Suche zu ermöglichen (z.B. Keller: "ver[55]zeren", hier: "verzeren [55a]"); "[!ed]" = so steht es in der Edition; vgl. aber auch Kellers Anmerkungen S. 367ff.
-- (c) You may use this digital document for scholarly, private and non-profit purposes only.

<<79>>

[51b] DEm durchlüchtigen fürsten vnd herren hernn
karlin Marggrauen zuo Baden etc. Vnd grauen zuo spanheim.
Minem gnedigosten hernn. Enbütt Ich niclavs von wyle Statschriber
zuo Esselingen min gehorsam vnd schuldig dienste mit
willen in aller vndertenikait berait zeuor. Vsz dem buoch     5
bochacy daz in welcher zungen vil hüpscher historien von
schönem gedicht vnd hochen sinnen begryffet / havt vor vil
Javren der hochgelert man Franciscus petrarcha die history
von griselde lutend vsser dem welchen zuo latin verkert, wie
dann üwer gnavde die selben history navchmavls aber von dem     10
latin zuo tütsche gebravch von mir havt gehöret. Sidher ist durch
den hochgelerten man leonardum aretinum vsser dem obgemelten
buoch die histori von sigismunda sagende. vnd aber von
aim andern gelerten die histori von marina lutend ouch zuo
latin gebravcht worden. vnd wann die selben hochgelerten man     15
bedücht havt, sölich historien der arbait wert sin, daz sy zuo
latinischer zungen gesetz wurden / so hab ich gemaint sich
wol gebüren daz die von dem latin zuo tütsche ouch gemacht
wurden. vmb das ob ützit darjnne kurtzwyligs hoflichs oder
guotes wer daz die tütschen des vnberoubet ouch anteilhaftig     20
werden möchten. dwyle aber als Aristotiles spricht, lust vnd
liebe ainem yetklichen menschen der arbaitet, behaltent in
sinem wercke / so hab ich mir fürgenomen die obgemelten
history von sigismunda lutend in tütsch zebringen vnd sölichs
üwern gnavden zuo gefallen, des ersten zuo zeschicken. Vmb daz     25
min vnderteniger wille zuo üwern fürstlichen gnaden, dester
[52a] ee mich in lust fuorte zuo volbringung disz mines fürgenomnen
wercklis, das klain ist / vnd jch üwern genavden navch
sitt der kouflüten die verkouffen wöllen zuo ainer mustre allain
darumb schick ob ich versteen wurd, sölichs üwern gnavden     30
<<80>>
gefellig sin / daz ich mich dann hienavch in grösserm / grösser
arbait gebruchte / zuo kurtzwyl lust vnd gefallen üwern fürstlichen
gnavden darjn jch mich tuon vndertenig enpfelhen etc.

TAncredus was ain fürst von salern, gütig vnd ainer
senftmütigen nature. Wo er allain in dem alter sine hend nit     5
vermavssiget hett mit bluot vergiessen zwayer liebhabenden menschen.
Der selb hatt all sin lebtage kain kind ye gehept /
dann ain ainige tochter, da Im ouch vast besser gewesen wer,
daz er dero nit gehept hett. Vnd als die selb tochter ain
ainig kind was / also hett er ouch. sy ainig lieb, gegen Ir so     10
Innerlichen in vätterlicher liebe entzündet / Wie wol vil Ir zuo
der ee begerten, ye doch wyle er die vngern von Im schaiden
lies / tett Er sy v:ber die gebürlichen javre by jm haimant beheben.
doch zuo letscht als die des hertzogen sune von Campania
vermechelt ward, ist sy darnavch bald als der selb ir man     15
gestarb widerumb haim zuo Irem vatter komen. Dise was die
gemaitescht non lybe vnd die schönst von angesicht vnd voll
aller natürlicher hüpschkait vnd besunder ouch von vernunft
grösser dann villicht frovwen gebürlich ist. Als die nu also by
Irem gütigem vatter wonet, glych ainer grossen frovwen mit     20
vil wollusten vmbgeben / gedaucht sy ains mavls in Irem gemüt /
wie gar wenig oder nützit ir vatter geflissen wer, sy
anderwerb zeuermecheln / Vnd ir zuo schame sin wurd? sölichs
von Ime [52b] ze begeren. vnd satzt jr für, wo das mit fuoge
gesin möcht das sy dann ir haimlich ainen buolen ains adellichen     25
gemütz suochen wölt. Nu was irs vatters huse voll edler
vnd vnedler In mavssen dann an der grossen fürsten höfen gewon
ist. Vnd als sy dero aller sitten leben vnd gestalt aigenlich
erspecht vermarckt vnd erwag / do warf sy zuo letst Ir
gemüt vf ainen Jüngling mit namen gwiscardum von niderm     30
geschlecht geborn, Aber von loblichen sitten v:ber all ander
wol edel. Den selben sy emsenklich ansechend von tag zuo tag
mer vnd mer bewarende, Inbrünstenklichen anhuob lieb zehaben.
Als aber der von vernunft nit trege, der frovwen gemüt vermarckt /
ward er In dero liebe so entzündet / daz er all ander     35
sachen zuo rukg schlachende, nützit anders tett Dann tag vnd
nacht allain navch jr gedencken. In dem nu vnd sölich ir liebe
<<81>>
beder sytt gegen ainander erwachsen was, vnd die frovw, nützit
mers begert, dann wie sy zuosamen kämen vnd doch niemant
anders ir gemüt In disen sachen offnen wolt, Do erdavcht sy
zuo letst ainen sölichen wege, Vnd schraib dem Jüngling
vnd vnderrichtet den in geschrift was sy von jm beschechen     5
wölt vnd verschlos die geschrift in ainen liederlichen vnd
achtbaren stecken von rore, vnd gab dasselb rore schimpflich
dem Jungling sprechende / daz er das geben sölt siner dienst
magt zuo ainem stecken das füre zeschüren. als bald aber
gwiscardus das rore genam gedavcht er wol jm das nit avne     10
sach gegeben sin vnd tett haimant das rore vf vnd fand die
geschrift. vnd do er die gelas, gantz vnderrichtet waz die
frovw wolt von jm beschechen / ward er mit vngebürlicher fröide
durch gossen vnd huob schnell an flysz [53a] zetuon, da mit er
zuor Ir in massen sy jnn vnderricht hatt komen möcht. Nu     15
was by des fürsten huse ain alte dol oder hüle vnd dar ob
ain loch, das durch den berge gehovwen der hüle licht gab.
Vnd wann aber zuo langer zyt sich niemant derselben dolen
vnd hülin hatt gebruchet / was die voll dornen vnd gestüdes
gewachsen. Vsser der selben hülin was ain haimlicher zuogang     20
zuo der schlafkamer darjnne die fröw zuo den selben zyten ir
wonung hatt. wie wol die türe mit grossen starcken tiln vermachet
vnd verrigelt was. Vnd dwyle aber dise hüle gantz
in vnübung stuond / do hatt niemant mer des zuogans gedechtnüsz
Aber liebe dero ougen nützit ist verborgen, fuort den     25
selben zuogang widerumb in das gemüt der liebhabenden frovwann /
die da mit Irem aigen wysen ravte / vmb daz sie niemet
diser dingen mitwissend machte / durch sich selbs die
kunst fand, wie wol das langsam vnd mit grossem flysz zuogieng,
wie man die türe vfbringen möcht. vnd gieng dar nach     30
selbs allain in die hülin vnd besach das loch den tag jnfürend,
da durch gwiscardus zuo ir komen solt. vnd nam alda die mensure
vnd höche / damit er durch gemachte instrument hinab
komen möcht. darumb als gwiscardus des alles durch der
frovwen brief vnderrichtet was / machet er zuo diser dingen     35
volbringung schnell ain saile mit knöpfen vnd halftern damit
er vf vnd ab komen möcht. Vnd in leder angetavn vnd beklaidet
daz er dester sicherer vor den törnen wer, gieng er
<<82>>
der andern nacht gantz allain vnd sust mengklichem vnwissend
zuo dem loch vnd band das sail an ainem ort oben an ainen
bovme der da in dem ingang des lochs gewachsen waz / vnd
lies sich daran hin abe vnd belaib alda begirlich der frovwen
wartende. Aber die frovw do es tag worden [53b] worden was     5
(Dann sy vor nit zuo Im komen mocht) tett dem glych / Wie
sy rüw vnd schlavffens notdürftig wer / vnd als die dienst vnd
Jungfrovwen sy deshalb verliessent vnd abgiengen / tett sy
Innwendig allain die türe vf vnd nam alda den Jungling In
der hüle funden begirlich In Ire vmbfavchenden arme, vnd     10
giengent sament in die schlavfkamer vnd pflagen da mit ainandern
sölicher fröiden vnd wollusten die mit worten nit sint
zesagen. Vnd als sy darnavch ainer listigen form ains wurden
wie Ir liebe In künftig zyt, bestentlich vnd Ingehaim belyben
möcht / schied gwiscardus wider vmb abe von Ir In die hüle     15
vnd vermachet die frovw die türen vnd gieng ouch wider hin
zuo iren Jungfrovwen vnd diensten. Vnd do es nacht ward /
staig Gwiscardus das saile vf, Vnd kam vsser dem loch wie
er dar In komen was / haim in sin huse, daz sin niemant gewar
noch Innen wart. Vnd als er im den wege gelernt /     20
Kam Er emsenklichen widervmb daselbs hin, mit der liebhabenden
frovwen (die er nit minder lieb hatt) die werck der
liebe zevolbringen. Aber das gelücke das allwegen langer
wollust vind vnd widerwertig ist / verkart zuo letst mit truriger
geschicht die fröid derselben liebhabenden menschen In bitter     25
wainen vnd schmertzen. Dann Tancredus was gewon vnderwylen
allain avne all diener ze geen In die schlavfkamer siner
tochter vnd alda mit etlichen reden Im fürgenomen by Ir ain
wyle zebelyben. Vnd dann darnavch widervmb von ir abzegeen.
Vnd do tancredus vsser diser gewonhait ains tags von geschichte     30
navch mittem tage gieng in die schlavfkamer siner [54a]
tochter, vnd alda niemant fand / darumb daz Sigismunda (dann
also was die tochter gehaissen) mit Iren Jungfrovwen in aim
garten was / wölt er sy von Iren fröiden vnd kurtzwylen nit
abfordern. Vnd als die venster der schlavfkamer beschlossen     35
wavren vnd des bettes vmbhange nider gelavssen / satzt er sich
by dem bette am letsten taile vf ainen pfulwen vnd lainte
sin houpt vf das bette vnd zoch den vmbhang für sich vnd
<<83>>
huob an ze schlauffen. Vnd als er nu also schlief, vnd sich
zuo vngelück begeben hatt, daz Sigismunda desselben tags
gwiscardum zuo ir hatt haissen komen / verliesz sy die Jungfrovwen
Im garten vnd schlaich gemachhe in Ir, kamer. Vnd
als sy die beschlos vnd den vatter nit sach / tett sy die türen     5
der hülin vf, Vnd do gwiscardus hin In kam, machten sy sich
vf das bette als Ir gewonhait was, daselbs schimpfs vnd fröiden
pflegende. Da durch Tancredus erwecket, also wachende
alle ding die alda beschavchent sach vnd hort. Vnd mit grossem
schmertzen schnell vmbgeben/ wolt er des ersten geschrüwen     10
han / dann daz in bald darnavch bedücht havt, weger
mit swygen verborgen zeligen, vmb das er dester sicherer vnd
mit merer bedeckung sins lasters, der dingen ravch vnd stravff
volbringen möcht, die er Im dann yetz in sin gemüt fürgenomen
hatt. Aber dise zway liebhabenden menschen, die da     15
kains v:bels wissend wavren vnd gantz sicher zesin vermainten /
als die gnuog lang Ir wollusten sament gepflegen hatten / Stuonden
sy zuoletst vf, Vnd gieng gwiscardus in die hüle, vnd Sigismunda
darnavch, als sy die tür nach jm beschlossen hatt,
widerumb zuo jren jungfrovwen in den garten. Tancredus [54b]     20
aber mit vngelouplichem schmertzen betrübt, schied ab allain
(Als er ouch allain komen was) vsser der tochter kamer in
sin aigen gemache Vnd schickt do Ir etlich, die das loch, da
durch gwiscardus her vf komen muost die nacht verhuoten, vnd
tett den vfstygenden hie mit also favchen. vnd do man den     25
zuo Im also gebracht Im leder als er was angetavn. Redt tancredus
wainende zuo Im also. Min guotikait gwiscarde, dero ich
mich gegen dir gebrucht han / havt in kain weg verschuldet
sölich vnrecht schmavch vnd schand, mir in minen dingen von
dir beschechen, als ich mit disen minen ougen han gesechen..     30
Hier zuo gwiscardus nützit anders antwort dann also. Fürst
sprach er. Der gewalt der liebe, ist vil grösser dann der gewalt
din oder min. Vf das gebot tancredus daz man jnn
haimlich In gefencknüsz wol verhuote. Mornends bald als Sigismunda
diser dingen gantz vnwissend was / Vnd tancredus     35
vil vnd mancherlay hier von gewegen vnd gedavcht hatt / Gieng
er navch dem jmbis, als sin gewonhait was / in der tochter
camer. Vnd als mengklich von jnen abgeschaiden ward vnd
<<84>>
sy allain by ainander wavren / huob tancredus zuo ir wainend
an also zereden. die wyle mich beduocht havt sigismunda, din
zucht erberkait vnd tugend mir gnuogsam gesechen vnd erkant
sin / so hette mir zuo kainer zyt nie yemant mit worten so
vil mugen sagen oder min gemüte zeglouben des vnderrichten /     5
daz du nit allain mit willen verhenget sunder ouch ye gedavcht
hettest / din scham vnd küschhait ainchem fremden man vnderwürffig
zemachen die zeuerletzen / wo ich disz selbs mit
minen aigen ougen nit gesechen hett. darumb so wird ich disz
kurtz zile des lebens, das noch minem alter vorhanden ist,     10
fürohin allwegen schlyssen vnd verzeren [55a] In wainen vnd
truren / so oft Ich in minem gemüt bedenck des lasters vnd
v:bels von dir begangen. Dann die wyle du dich ye zuo sölicher
sünde naigen vnd geben woltest, So möchtest doch dir vsserwellet
haben ainen sölichen, der dinem adel gezimpt hett.     15
Aber vsser ainer sölichen menge dero, so sich vnsers hofs
gebruchent / havst du dir erwelt gwiscardum von niderm vnd
gebürschem geschlechte geborn / vnd vmb armuot willen siner
vatters vnd muoter von vns vsz barmhertzikait von Jugend
vf erzogen darumb wahin ich mich keer / oder was ravts ich     20
nem? waisz ich nit. dann so vil. daz ich von gwiscardo, der
diser nacht durch min haissen gefangen by mir verhütet ligt /
min vrtail vnd mainung gesetzt hab, was mit jm ze tun syge.
aber von dinen wegen, bin ich noch ains vngewissen ravts vnd
hab noch nie mögen setzen was ich tuon söll. wyle vf ainer     25
syt, die liebe (so ich gegen dir grösser dann ye kain vatter
gehept hab) mich hinder sich zücht / vnd aber vf der andern
syten billicher zorn vmb din schuld vnd v:bel mich für sich
tribet, dero ains daz ich ablasz vnd vergeb / vnd das ander,
daz ich zürn vnd stravff, mich ermanet. Vnd als er das geredt /     30
sanckt er sin angesicht vnder sich wainend glych aim kinde
das geschlagen ist. do aber sigismunda verstuond vnd marckt
gwiscardum gefangen sin vnd ir liebe geofnet / ist sy mit vngelouplichem
schmertzen vmbgeben worden / Vnd havt sich selbs
kumm vor wyplichem wainen vnd schryen beheben mugen.     35
Doch grösse irs gemüts die tet v:berwinden wyplich blödikait
vnd antwort mit vfgehepter stirnen vnd vestem angesicht.
Vnd satzt Ir für ze sterben wöllen wann doch ir gwiscardus
<<85>>
yetz tod wer oder aber gewissz sterben müst / vnd hierumb
so vnderstuond [55b] sy sich nit weder genavd zebegeren noch
des vatters zorn zemiltern. Sunder mit starckem vnd vnüberwundnem
gemüt das leben verachtende. redt sy vf sölich form /
Tancrede Ich wil nützit weder lougnen noch bitten. dwyle das     5
ain nütz sin mag. Vnd Ich nit wil, daz das ander nütz syg.
Darvmb so han ich mir fürgenomen In diser dingen kainen
dinen willen zegütigen oder din senftmütikait mir genaigter
zemachen / Sunder der geschicht luter zevergechen vnd mit
treffenlichen wavren vrsachen minen lümden des ersten     10
zeschirmen vnd dar navch In glycher groszmütikait mit worten
erzögen, disz geschichten nit so grosz zevnbillichten / Sunder
in vernunft wol zegütigen sin. Darvmb so vergich vnd bekenn
ich mich gwiscardum lieb gehept haben. Vnd wil ouch als
lang mir disz leben ist (das noch kurtz sin wirdt) den lieb     15
zehaben niemer vfhören. Vnd ist ouch daz navch dem tode
ützit der sinnen v:berbelypt / so wil ich jnn als dann ouch lieb
haben. aber in sin liebe havt mich nit so vil genött vnd getriben
wyplich begirlichkait / als vil din smuseli. dann du
soltest fürwavr Tancrede, billich gedavcht haben, dwyle du von     20
flaische geborn bist / dich ouch ain tochter von flaische geborn
haben vnd nit ain stainin noch ain ysnin. du söltest
ouch bedavcht han. wie wol du alt bist wie frefel vnd vngestüm
in der jugend ist, die anfechtung Inbrünstiger nature.
Vnd wiewol du zuo muglichen Javren den meren taile dins     25
lebens In ritterschaft verschlissen havst / so soltest docht nützit
dester minder betrachtet han wie grosz vnd vil, nit allain in
Jungen, sunder ouch In alten menschen vermugent muosz vnd
wolluste. Danne Ich bin ye ain frovw als von dir geborn vnd
der [56a] Javren Jung vnd beder sachen halb voll wyplicher     30
begirden. Den selben begirden v:ber das alles, wundersam flammen
zuo gegeben havt, wylant Innenbravchte wolluste / (zuo zyten
da ich vermechelt was) mit den wercken enpfunden. Darumb
do Ich disen anfechtungen die mich tag vnd nacht also brautent
nicht mocht widersteen / Bin Ich zuo letscht v:berwunden     35
worden vnd strytes nider gelegen vnd tett doch hier Inne nit
dester minder flysse, als vil mit menschlicher vernunfte beschechen
mocht, daz dise ding weder dir noch mir schand
<<86>>
oder argen lümden zuofüren sölten. Sölicher miner begird nu
die süsz liebe vnd das gelück verhengt haben vnd mir ainen
haimlichen wege gezaiget / durch den ich verborgenlich vnd
in gehaim sust mengklichem vnwissend zuo begerter wollust
komen möcht / Aber wo her dir das gezaiget syg, Oder wannen     5
du das vernomen havst / so lougnen jch doch der wavrhait
niemer / danne daz ich, nit von schickung des gelückes (als
vil frovwen gewon sint) sunder mit wolbedavchtem sinn vnd
muote, mir gwiscardum erwellet han liebzehaben, vnd den
durch wysen ravte jngefürt, vnd mit vester beharrung von jm     10
die frucht wavrer liebe lang zyt, mit höchster fröide enpfangen.
Aber das so mir sines vnadels halb wirt fürgeworfen, glycher
wyse als ob es mir minder sünd were / wo ich mir ainen
edeln hier zuo fürgenomen hett etc. Indem folgest du nach
dem falschen wavne des püfels vnd gemainen folches / vnd     15
bedenkst nit, daz du nit schuldigest gwiscardum, sunder das
gelücke / daz da gewonlich die vnwirdigen erhept in die höche
vnd die wirdigen niderdruckt vnd fuosset vf die [56b] erden.
Aber daz wird des geschwygent vnd diser dingen wavren anfange
beschovwent / so ist gewissz vnd vnzwyfelich vns alle von     20
ainem menschen ainen vrsprunge gehept haben, vnd das allain
die tugend die ist / so vns gelych geborn, vnderschaidet / vnd
die lobsam vnd edel machet / dero tugend ryche werck für
ander erschynent vnd v:bertreffent. Vnd wie wol der wavne
des püfels vnd geminem folckes diser dingen vnwissend vnd     25
vngelert / villicht anders maint / so mag doch die wavrhait in
kain wege vsser Irer statt verruckt werden. vnd also so ist
der wavrlich edel zeschetzen, des würckung, tugendrych werden
gesechen. vnd wer den anders nennet / der schilt denselben
nit den er nennet, sunder mer tuot er sich selbs der torhait     30
vnd vnwissenhait verdampnen. Darumb tancrede so besiche
din edeln vnd betracht vnd erfare Ir yetkliches leben vnd
sitten. desglychen vf der andern sitten, so bedenck vnd erwig
die sitten vnd das leben gwiscardi / für wavr. Wilt du dann
recht vrtailen / so zwyfeln ich nit, danne daz du Inn vergechen     35
müsest sin, dem aller edelsten / vnd hin wider vmb
die andern din edeln ferre von rechtem adel. So hab ich ouch
von der tugend vnd fürnemikait gwiscardi, kains andern sagungen
<<87>>
vnd rede mer geloubt, danne den dinen. dann wer ist
von dir so vil ye gelopt worden, als er / in allen vnd yetklichen
wercken, so zuo übung der tugenden gehörig sint / Vnd für
wavr nit vnbillich. Dann es werd dann min erkennung betrogen
so ist Im nie ainch lob zuogelegt worden, das er nit vil wundersamlicher     5
(ouch dann es von dir gesagt syg) erfolget vnd
verdienet hab. Solt du darumb sprechen? mich, mir selbs
ainen vnedeln menschen vserkoren haben? fürwavr, [57a] du
redest das nit ist? sprechest du aber ainen armen, des wölt
ich dir gesteen / doch mit diner schande / daz du ainen sölichen     10
fürpüntlichen mane, dinen diener vnd hofgesinde, nie havst
bedavcht mit aincherlay gnavden, rechts lones zebelonen. Aber
doch so nimpt armuot den adel nit hin / Wie wol sölich armuot,
etwenn die werck der tugend hindert vnd Irret. Ir vil die
von anfange dünne vnd arm geborn sint. Sint darnavch küng     15
vnd fürsten worden. So wurden ir vil nu me arm, mit Iren
aigen henden pürsche werck übende oder der hirtery pflegende /
wo nit v:berflüssiger rychtum von fremden tugenden gesamelt
Inen verlavssen worden wer. Das du aber an der letsten statt
gesprochen havst, die vrtail von minen wegen dir zwyfelhaftig     20
sin, Vnd dich biszher noch nit haben setzen mugen was mit
mir zetuon syg etc. Ich bitt leg hin den zwyfel. Ist das du
dir havst fürgenomen ze wütern In Gwiscardum, so kere din
wüterye vnd grimikait In mich, die gewesen bin ain vrsach
des so verschuldet ist. Dann ich bitt nit die pene, so fürcht     25
Ich ouch die nit. Ich setz ouch das hin zuo. Was von dir
in Gwiscardum geschechen wirt vnd du dasselb in mir nit tuost /
so söllen doch mine hend das würcken vnd an mir volbringen.
Gang nu hin navch wibischen sitten vnd güsz vsz dine trechen
vnd mit ainem gelychen straiche tuo Inn vnd mich (Ob dich     30
bedunck vns sölichs verdient han) ertötten. Tancredus vermarckt
die groszmütikait der vernunft in siner tochter enbört
sin / ye doch so maint er nit, daz sy tuon wurd in mavssen die
letsten wort gelut hatten. vnd als er von ir kam vnd jm
selbs fürsatzt in kain weg in die tochter [57b] ze wütern     35
sunder mit fremdem bluote das für der liebe in Ir zemindern /
gebot er den dienern die gwiscardum verhuoten / daz sy haimlich
derselben nacht an all geschraye den Jüngling erwurgten vnd sin
<<88>>
hertze vsgeschnitten Im bringen teten. Vnd als die sölichs getavten /
Hies Tancredus dasselb hertz In ainem guldin becher der
tochter bringen Mit den worten. Din vatter schickt dir das zuo
ainer gaube vnd schencke, daz es dich tröste von dem ding
daz du vast lieb havst, glycherwyse als du Inn von dem ding     5
das er vast liebgehept havt getröstet havst. Aber sigismunda
als die in vestem fürsatze was zesterben / hatt sy nach des
vaters abschaid giftige krüter vnd wurtzen gebrennet vnd distillieret
vnd das wasser darvon behalten. Zuo dem wege des
todes. Ob anders sölichs an Gwiscardo bescheche, das sy dann     10
forcht. Vnd als der becher geantwort worden ist / vnd die
wort dar zuo gesprochen / Enpfieng Sigismunda mit vnerschrockner
angesicht die gaub vnd schencke / vnd tett den
becher vf, vnd sach das hertz Vnd als sy die gesprochnen
wort damit bedavcht / erkant sy bald vnzwifellich das hertz sin     15
Gwiscardi vnd kart sich gegen dem diener der die gaube geantwort
hatt vnd sprach. Fürwar kain ander grabe danne
ain guldins hat gezimpt aim sölichen hertzen. Vnd in dem
ainigen dinge, ist gebürlichs von minem vatter gehandelt worden.
Vnd do sy das geredt / satzt sy das hertz an iren mund     20
vnd kust das vnd red darnach also. Zuo allen zyten vnd in
allen dingen bis vf disen letsten tage mines lebens, hab ich
allwegen die liebe mins vatters gegen mir lind vnd gütig funden /
vnd doch yetz vil mer dann vor ye. Darumbe [58a] den
letsten dancke den Ich Im vmb ain sölich gaube schuldig bin     25
den solt du Im niemer von minen wegen sagen, Navch dem
kart sy sich zuo dem becher den sy hatt. mit Iren henden hebend
was. Vnd das hertz ansechende, Redt sy also. O. aller
frölichoste herberg miner wollusten. Verderben müsz des wüterye
vnd grimmikait, Der da tuot daz Ich dich mit lyplichen     30
ougen ansich. dann es wer gnuog gewesen dich In Inwendigen
gemüt zesechen. Du havst volbravcht dinen louff vnd genossen
vnd erfolgt das ende das dir das gelücke geben havt. vnd von
dinem vinde, havst du gehept das grabe, das verdient havt din
fürpüntlichkait aller wollusten. diner lyche havt nützit gebrochen     35
dann der trechern dero, die du so jnbrünstenklich die wyle
du lebtest lieb gehept havst. da aber got, vmb daz du das
ouch erfolgtest minem vater jn sinen sine geben havt, daz er
<<89>>
dich zuo mir gesandt havt. daz ich dir derselben trächern ouch
bezalung tüg. wie wol ich mir fürgesetzt hatt mit trucknen
ougen zesterben. Vnd wenn ich dir die bezalt hab. So wil
ich sachhen, daz min sele der dinen zuogefüget werd. dann mit
was weggeferten möcht mir sin ain frölicher oder sicherer wege     5
dann mit diner sele, die ich main hie zuo gegen sin, vmbfliegend
vnd beschovwend die statt jrer gehapten wollusten. Dwyle
sy noch in miner liebe ist, min wartet vnd baitet vnd avne
mich nit von hinnan schaiden wil. vnd als sy disz geredt /
naigt sy sich vf den becher vnd mit kainem geschraye, als     10
sust die frovwen gewon sint, sunder schwygend vnd nit anders
dann ob ain brunn vsz jren ougen wüle / v:bergos sy do das
hertze gwiscardi mit grossem flusze der trechern / vnd tett
ovch darby das tot hertze vnzalbarlichen küssen. die jungfrovwen [58b]
die alda zuo gegen wavren / wisten nit was hertzens     15
das was oder was dise wort Inen wolten Aber doch vsz barmhertzigkait
bewegt wainten sy all. Fravgende die vrsach so
ains schnellen vnd grossen schmertzen vnd trosten ouch sy
all aine navch der andern als vil sy mochten. Aber Sigismunda
da die beduocht gnuog gewainet sin / huob sy ir angesicht vf,     20
vnd mit gedrückneten ougen, sprach sy. O. du aller liebstes
min hertz. Ich hab dir nu bezalt, das ich dir gebürlichkait
halb schuldig gewesen bin / Nu ist zyt vnd nützit mer vorhanden
dann daz Ich dir navch folg vnd du an mir ainen weggesellen
habest / Darnavch nam sy das vergift tötlichtrancke     25
vnd tett das vnerschrockenlich vsz trincken vnd gieng hin
vnd satz sich vf das bette, den becher mit dem hertzen in
Iren henden habende vnd des liebhabenden hertze an Ir brust
truckende vnd baitet also da mit schwygend des todes. aber
die frovwen vnd jungfrovwen so vmb sy stuondent wie wol sy     30
nit wistent welcherlay trancks das gewesen was so sy getruncken
hatt / yedoch vsz diser winbaren geschicht argwenig /
brachten sy die sachen bald an tancredum den vatter. vnd
als der selbs forcht daz die tochter ir selbs etwas zehertes
an tuon möcht / ylt er bald hin abe zuo ir in ir schlavfkamer.     35
aber ze spavt was er geflissen hilff vnd trost der bekümberten
dochter zemittaillen. vnd als er verstuond vnd marckt notdurft
des todes / tett er erbermklich vnd ellenklich sich selbs vnd
<<90>>
die tochter wainen. Zuo dem sigismunda also redt. Behalt
tancrede dir dine trächer zuo den geschichten vnd sachhen die
von dir nit begert sint vnd gib mir dero nützit. Dan ich
dero weder beger noch wil. Vnd wer ist ye gewesen bis an
dich / der da [59a] gewavinet hab das / des er zebeschechen     5
begert havt Aber doch ist nützit noch überbeliben der liebe,
so du zuo mir gehept havst So bitt vnd beger ich von dir, diser
letsten gaube vnd schencke / daz min lyb mit dem lyb
gwiscardi. In ain grab sament gelegt werden. Vmbe das. die
wyle du nit woltest, das ich haimlich vnd verborgenlich mit     10
im löbte, daz du mich dann tot offenlich zuo im wahin du ioch
inn werffen werdest ouch legest. die grösse des schmerczens
vnd wainens beschlosz den mund tancredi, das er nit antworten
mocht. Sigismunda aber, als die enpfand daz ende jrs lebens
hie sin druckt sy zuo ir das hertz gwiscardi vnd mit zuo getanen     15
ougen yederman gnavdende / gab sy vf iren gaiste disz
biter ende hatt die liebe gwiscardi vnd sigismunde Aber tancredus
navch vil grössem vnd ellendem wainen vnd vsser spavtem
rüwen bewegt / tet er mit offenlichen vnd schynbarer lyhe
aller von salern, sy bede sament in ain grab vergraben.     20


12.11.2001