Meister Eckhart, Predigt 1

Textgrundlage: Meister Eckharts Predigten. Herausgegeben und übersetzt von Josef Quint. Erster Band. Stuttgart: W. Kohlhammer Verlag 1958.
Einrichtung: Seiten- und zeilengetreue Erfassung nach der Edition. Silbentrennung aufgehoben. Die Seitenzahlen der Edition werden nach dem Muster <<004>> mitgeführt.
Bearbeitung/Fassung: Thomas Gloning, Stand: 27-11-2008.
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Intravit Iesus in templum et coepit
eicere vendentes et ementes. Matthaei.

Wir lesen in dem heiligen êwangeliô, daz unser herre gienc in den tempel
und was ûzwerfende, die dâ kouften und verkouften, und sprach ze den
andern, die dâ hâten tûben und sôgetâniu dinc veile: 'tuot diz hin, tuot diz
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enwec!' War umbe was Jêsus ûzwerfende, die dâ kouften und verkouften
und hiez die hin tuon, die dâ hâten tûben? Er enmeinte anders niht, wan
daz er den tempel wolte ledic hân, rehte als ob er spræche: ich hân reht ze
disem tempel und wil aleine dar inne sîn und hêrschaft dar inne hân. Waz ist
daz gesprochen? Dirre tempel, dâ got inne hêrschen wil gewalticlîche nâch
sînem willen, daz ist des menschen sêle, die er sô rehte glich nâch im selber
gebildet und geschaffen hât, als wir lesen, daz unser herre sprach: 'machen
wir den menschen nâch unserm bilde und ze unser glîchnisse.' Und daz hât er
ouch getân. Als glîch hât er des menschen sêle gemachet im selber, daz in
himelrîche noch in ertrîche von allen hêrlichen crêatûren, diu got sô wünniclich
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geschaffen hât, keiniu ist, diu im als glîch ist als des menschen sêle aleine.
Her umbe wil got disen tempel ledic hân, daz ouch niht mê dar inne sî
dan er aleine. Daz ist dar umbe, daz im dirre tempel sô wol gevellet, wan
er im alsô rehte glîch ist und im selber alsô wol behaget in disem tempel,
swenne er aleine dar inne ist.

Eyâ, nû merket! Wer wâren die liute, die dâ kouften und verkouften, und
wer sint sie noch? Nû merket mich vil rehte! Ich wil nû zemâle niht predigen
dan von guoten liuten. Nochdenne wil ich ze disem mâle bewîsen, welhez die
koufliute dâ wâren und noch sint, die alsô kouften und verkouften und noch
tuont, die unser herre ûzsluoc und ûztreip. Und daz tuot er noch allen den,
die dâ koufent und verkoufent in disem tempel: der enwil er einen einigen
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dar inne niht lâzen. Sehet, diz sint allez koufliute, die sich hüetent vor groben
sünden und wæren gerne guote liute und tuont ir guoten werk gote ze êren,
als vasten, wachen, beten und swaz des ist, aller hande guotiu werk, und tuont
sie doch dar umbe, daz in unser herre etwaz dar umbe gebe, oder daz in got
iht dar umbe tuo, daz in liep sî: diz sint allez koufliute. Daz ist grop ze
verstânne, wan sie wellent daz eine umbe daz ander geben und wellent alsô
koufen mit unserm herren. An disem koufe sint sie betrogen. Wan allez, daz
sie hânt und allez, daz sie vermügen ze würkenne, gæben sie daz allez durch got,
daz sie hânt, und würhten sich zemâle ûz durch got, dar umbe enwære in got
nihtes niht schuldic ze gebenne noch ze tuonne, er enwolte ez denne gerne
vergebene tuon. Wan daz sie sint, daz sint sie von gote, und daz sie hânt,
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daz hânt sie von gote und niht von in selber. Dar umbe enist in got umbe
iriu werk und umbe ir geben nihtes niht schuldic, er enwellez denne genre
tuon von sîner gnâde und niht umbe iriu werk noch umbe ir gâbe, wan sie
engebent von dem irn niht, sie enwürkent ouch von in selber niht, als
Kristus selber sprichet: 'âne mich müget ir niht getuon.' Diz sint harte tôrehte
liute, die alsô koufen wellent mit unserm herren; sie bekennent der wârheit
kleine oder niht. Dar umbe sluoc sie unser herre ûz dem tempel und treip
sie ûz. Ez enmac niht bî einander gestân daz lieht und diu vinsternisse. Got
der ist diu wârheit und ein lieht in im selber. Swenne denne got kumet in
disen tempel, sô vertrîbet er ûz unbekantnisse, daz ist vinsternisse, und
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offenbâret sich selber mit liehte und mit wârheit. Denne sint die koufliute enwec,
als diu wârheit wirt bekant, und diu wârheit begert dekeiner koufmanschaft.
Got ensuochet des sînen niht; in allen sînen werken ist er ledic und vrî und
würket sie ûz rehter minne. Alsô tuot ouch dirre mensche, der mit gote
vereinet ist; der stât ouch ledic und vrî in allen sînen werken und würket sie
aleine gote ze êren und ensuochet des sînen niht, und got der würket ez in im.

Ich spriche noch mê: alle die wîle der mensche ihtes iht suochet in allen
sînen werken von allem dem, daz got gegeben mac oder geben wil, sô ist er
disen koufliuten glîch. Wiltû koufmanschaft zemâle ledic sîn, alsô daz dich
got in disem tempel lâze, sô soltû allez, daz dû vermaht in allen dînen werken,
daz soltû lûterlîche tuon gote ze einem lobe und solt des alsô ledic stân, als daz
niht ledic ist, daz noch hie noch dâ enist. Du ensolt nihtes niht dar umbe
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begern. Swenne dû alsô würkest, sô sint dîniu werk geistlich und götlich, und
denne sint die koufliute ûz dem tempel getriben alzemâle, und got der ist aleine
dar inne, wan der mensche niht wan got meinet. Sehet, alsus ist dirre tempel
ledic von allen koufliuten. Sehet, der mensche, der sich noch niht enmeinet dan
aleine got und die êre gotes, der ist gewærliche vrî und ledic aller koufmanschaft
in allen sînen werken und ensuochet des sînen niht, als got ledic ist in
allen sînen werken und vrî und ensuochet des sînen niht.

Ich hân ouch mê gesprochen, daz unser herre sprach ze den liuten, die dâ
tûben veile hâten: 'tuot diz enwec, tuot diz hin!' Die liute entreip er niht ûz
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noch enstrâfte sie niht sêre; sunder er sprach gar güetlîche: 'tuot diz enwec!'
als ob er sprechen wolte: diz enist niht bœse, und doch bringet ez hindernisse
in der lûtern wârheit. Dise liute daz sint alle guote liute, die iriu werk tuont
lûterlîche durch got und ensuochent des irn niht dar an und tuont sie doch
mit eigenschaft, mit zît und mit zal, mit vor und mit nâch. In disen werken
sint sie gehindert der aller besten wârheit, daz sie solten vrî und ledic sîn,
als unser herre Jêsus Kristus vrî und ledic ist und enpfæhet sich alle zît niuwe
âne underlâz und âne zît von sînem himelischen vater und ist sich in dem
selben nû âne underlâz wider îngebernde volkomenlîche mit dankbærem lobe
in die veterlîche hôcheit in einer glicher wirdicheit. Alsô solte der mensche
stân, der der aller hœhsten wârheit wolte enpfenclich werden und dar inne
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lebende âne vor und âne nâch und âne hindernisse aller der werke und
aller der bilde, diu er ie verstuont, ledic und vrî in disem nû niuwe enpfâhende
götliche gâbe und die wider îngebernde âne hindernisse in disem selben
liehte mit dankbærem lobe in unserm herren Jêsû Kristô. Sô wæren die tûben
enwec, daz ist hindernisse und eigenschaft aller der werke, diu nochdenne
guot sint, dar inne der mensche des sînen niht ensuochet. Dar umbe sprach
unser herre wol güetlîche: 'tuot diz hin, tuot diz enwec!' als ob er sprechen
wolte: ez ist guot, doch bringet ez hindernisse.

Swenne dirre tempel alsus ledic wirt von allen hindernissen, daz ist eigenschaft
und unbekantheit, sô blicket er alsô schône und liuhtet alsô lûter und
klâr über allez, daz got geschaffen hât, und durch allez, daz got geschaffen
hât, daz im nieman widerschînen mac dan der ungeschaffene got aleine. Und
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bî rehter wârheit, disem tempel ist ouch nieman glîch dan der ungeschaffene
got aleine. Allez daz under den engeln ist, daz glîchet sich disem tempel nihtes
niht. Die hœhsten engel selbe die glîchent disem tempel der edelen sêle etwie
vil und doch niht alzemâle. Daz sie der sêle glîchent etlîcher mâze, daz ist
an bekantnisse und an minne. Doch ist in zil gesetzet; dar über enmügen sie
niht. Diu sêle mac wol vürbaz. Stüende ein sêle glîch dem obersten engel,
des menschen, der noch lebete in der zît, der mensche möhte nochdenne in sînem
vrîen vermügenne unzellîche hœher komen über den engel in einem ieglîchen
nû niuwe âne zal, daz ist âne wise, und über die wîse der engel und aller
geschaffener vernunft. Und got der ist aleine vrî und ungeschaffen und dar
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umbe ist er ir aleine glîch nâch der vrîheit und niht nâch der ungeschaffenheit,
wan si ist geschaffen. Swenne diu sêle kumet in daz ungemischte lieht,
sô sleht si in ir nihtes niht sô verre von dem geschaffenen ihte in dem nihtes
nihte, daz si mit nihte enmac wider komen von ir kraft in ir geschaffen iht.
Und got der understât mit sîner ungeschaffenheit ir nihtes niht und entheltet
die sêle in sînem ihtes ihte. Diu sêle hât gewâget ze nihte ze werdenne und enkan
ouch von ir selber ze ir selber niht gelangen, sô verre ist si sich entgangen, und
ê daz si got hât understanden. Daz muoz von nôt sin. Wan als ich ê sprach:
Jêsus was îngegangen in den tempel und was ûzwerfende, die dâ kouften
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und verkouften, und begunde ze sprechenne ze den andern: 'tuot diz hin!'
Jâ, sehet, nû hân ich daz wörtelîn: Jêsus gienc în und begunde ze
sprechenne: 'tuot diz hin!' und sie tâten ez hin. Sehet, dô was dâ nieman mê dan
Jêsus aleine und begunde ze sprechenne in dem tempel. Sehet, daz wizzet
vür wâr: wil ieman anders reden in dem tempel, daz ist in der sêle, dan
Jêsus aleine, sô swiget Jêsus, als er dâ heime niht ensî, und er ist ouch dâ
heime niht in der sêle, wan si hât vremde geste, mit den si redet. Sol aber
Jêsus reden in der sêle, sô muoz si aleine sîn und muoz selber swîgen, sol
si Jêsum hœren reden. Eyâ, sô gât er în und beginnet ze sprechenne. Waz
sprichet her Jêsus? Er sprichet, daz er ist. Waz ist er denne? Er ist ein wort
des vaters. In dem selben Worte sprichet der vater sich selber und alle götliche
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natûre und allez daz got ist, alsô als er ez bekennet, und er bekennet ez, als
ez ist. Und wan er ist volkomen in sînem bekantnisse und in sîner vermügenheit,
her umbe sô ist er ouch volkomen in sînem sprechenne. Dâ er sprichet
daz wort, dâ sprichet er sich und alliu dinc in einer andern persône und gibet
im die selbe natûre, die er selber hât, und sprichet alle vernünftige geiste in
dem selben worte glîch dem selben worte nâch dem bilde, als ez inneblîbende
ist, nâch dem, sô ez ûzliuhtende ist, als ein ieglich bî im selber ist, niht glîch
in aller wîse dem selben worte, mê: sie hânt mügelicheit enpfangen glîcheit
ze enpfâhenne von gnâden des selben wortes; und daz selbe wort, als ez in
im selber ist, diz hât der vater allez gesprochen, daz wort und allez, daz in
dem worte ist.

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Sît der vater diz gesprochen hât, waz ist denne Jêsus sprechende in der
sêle? Als ich gesprochen hân: der vater sprichet daz wort und sprichet in dem
worte und anders niht, und Jêsus sprichet in der sêle. Diu wîse sines
sprechennes daz ist, daz er sich selben offenbâret und allez, daz der vater in im
gesprochen hât, nâch der wîse, als der geist enpfenclich ist. Er offenbâret
veterliche hêrschaft in dem geiste in einem glîchen unmæzigen gewalte.
Swenne der geist disen gewalt enpfæhet in dem sune und durch den sun, sô
wirt er gewaltic in einem ieglîchen vürgange, alsô daz er glîch und gewaltic
wirt in allen tugenden und in aller volkomener lûterkeit, sô daz in liep noch
leit noch allez, daz got in der zît geschaffen hât, daz enmac den menschen
niht zerstœren, er enblîbe gewalticlîche dar inne stânde als in einer götlîchen
kraft, der engegen alliu dinc sint kleine und niht vermügende.

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Ze dem andern mâle offenbâret sich Jêsus in der sêle mit einer unmæzigen
wîsheit, diu er selber ist, in der wîsheit sich der vater selbe bekennet
mit aller sîner veterlîchen hêrschaft und daz selbe wort, daz ouch diu wîsheit
selber ist, und allez daz dar inne ist, alsô als daz selbe ein ist. Swenne disiu
wîsheit mit der sêle vereinet wirt, sô ist ir aller zwîvel und alliu irrunge
und alliu dünsternisse alzemâle abe genomen und ist gesetzet in ein lûter
klârez lieht, daz selber got ist, als der prophête sprichet: 'herre, in dînem
liehte sol man daz lieht bekennen.' Dâ wirt got mit gote bekant in der sêle; sô
bekennet si mit dirre wîsheit sich selber und alliu dinc, und die selbe wîsheit
bekennet si mit im selben, und mit der selben wîsheit bekennet si die veterlîche
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hêrschaft in fruhtbærer berhaftikeit und die weselîche istikeit nâch einvaltiger
einikeit âne einigen underscheit.

Jêsus der offenbâret sich ouch mit einer unmæzigen süezikeit und rîcheit
ûz des heiligen geistes kraft ûzquellende und überquellende und invliezende
mit übervlüzziger voller rîcheit und süezikeit in alliu enpfenclichiu herzen.
Swenne sich Jêsus mit dirre rîcheit und mit dirre süezikeit offenbâret und
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einiget mit der sêle, mit dirre rîcheit und mit dirre süezikeit sô vliuzet diu sêle
in sich selber und ûz sich selber und über sich selber und über alliu dinc von
gnâden mit gewalte âne mitel wider in ir êrste begin. Denne ist der ûzer
mensche gehôrsam sînem innern menschen unz an sînen tôt und ist denne in
stætem vride in dem dienste gotes alle zît. Daz ouch Jêsus in uns komen
müeze und ûzwerfen und hin tuon alle hindernisse und uns mache ein, als
er ein ist mit dem vater und mit dem heiligen geiste ein got, daz wir alsô
ein werden mit im und êwiclîchen blîben, des helfe uns got. Amen.


tg, 27-11-2008