Eine Warnung vor den Gefahren der Lesesucht 1821
-- Text: XIII: Die Lesesucht. In: Stunden der Andacht zur Beförderung wahren Christenthums und häuslicher Gottesverehrung. Fünfter Band. Andachtsbuch für die Jugend. Sechste verbesserte Original-Ausgabe. Aarau (Heinrich Remigius Sauerländer) 1821, 130-139.
[Verf. ist wohl Heinrich Zschokke; über ihn: RGG 6, 1934f.]
-- Texterfassung und 1 Korrektur: Thomas Gloning, 16.04.2001
-- Einrichtung: <<130>> etc. = Seitenzahlen; zeilengetreue Erfassung nach dem Original, die Silbentrennung wurde aufgehoben; Sperrungen des Originals hier unterstrichen.
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(...)

XIII.
Die Lesesucht.

2 Tim. 3, 16.17.
Soll dein verderbtes Herz zur Heiligung genesen,
Christ, so versäume nicht, das Wort des Herrn zu lesen,
Bedenke, daß dies Wort das Heil der ganzen Welt,
Den Rath der Seligkeit, den Geist aus Gott enthält.
Um deines Herzens Muth, das Geistes Recht zu stärken,
Ersammle Weisheit dir aus weiser Männer Werken;
Die Hinterlassenschaft, der Schatz der Geisterwelt,
Die vor dir lebt', ist da als Erbtheil ausgestellt.
Jedoch mit Vorsicht nimm, und lies und prüf' und wähle,
Daß statt der Wahrheit nicht sich Jrrthum zu dir stehle;
Denn auch der Thorheit, auch den Lastern dient die Schrift,
Und beut, statt Honig, dir des Todes süßes Gift.
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Auch das Wachsen in Erkenntniß hat seine eigenthümlichen
Gefahren, insofern man dasselbe durch Lesung von Büchern
verschiedener Art befördern will und muß. Jn jenen Zeiten,
als man noch keine andern Bücher hatte, als solche, welche
von einzelnen Händen geschrieben und wieder mühsam
abgeschrieben werden mußten, wagten es nur vorzügliche Männer,
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ihre Gedanken aufzuzeichnen, und durch die Schrift
auszubreiten. Obgleich es auch schon damals nicht an
ähnlichen Arbeiten schlechter, selbst schädlicher Art fehlte
-- denn was ist Vortreffliches unter dem Monde, was
nicht der Mensch durch Mißbrauch verdürbe! -- so konnten
doch werthlose Arbeiten nicht hoffen, lange in der
Nachkommenschaft fortzudauern, weil sie die Mühe nicht
belohnten, durch Abschrift vervielfältigt zu werden.

Ein Anderes aber ist es in unsern Tagen, da durch einfache
Druckwerkzeuge das schlechteste, wie das beste Werk mit
wunderbarer Schnelligkeit vertausendfacht und in die Welt
ausgestreut werden kann. Jetzt erhält und verbreitet
sich das Schlechtere länger und mehr als
ehemals
, und nimmt an Zahl an gleicher Menge zu, wie
es der mittelmäßigen Köpfe, der Halbgelehrten, der Leute
mit unedeln Nebenabsichten überhaupt mehr gibt, als der
ausgezeichneten, zum Lehramt wahrhaft geweihten Geister,
denen es um nichts als das Gute zu thun ist. Daher rührt
die zahllose Fluth schriftstellerischer Werke, welche das
Gepräge der Elendigkeit offen tragen, und die Jrrthümer und
Geistes- und Herzensschwächen ihrer Verfasser Andern
mitzutheilen bestimmt sind. Daher erkennt man heutiges Tages
so selten in den Büchern das Zeichen von dem, was sie
ihres Daseins würdig macht -- Kraft, Wahrheit, Geisteshoheit,
Fülle und Gründlichkeit der Erkenntniß, lebendiges
Abspiegeln der äussern und innern Welt, jenen Strahl der
Göttlichkeit, welcher in Lehre oder Dichtung allezeit zu neuer
Vollkommenheit die Bahn erhellt oder das Gemüth entzückt.
Nur wo dies der Fall ist, da ist das Göttliche der Ursprung
des Werkes und wieder dessen Zweck. Und deswegen kann
auch noch heute zum Theil gelten, als vortrefflicher Werke
Kennzeichen, was Paulus davon seinem Freunde Timotheus
schrieb: Alle Schrift von Gott eingegeben ist nütze zur Lehre,
zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der
Gerechtigkeit, damit ein Mensch Gottes dadurch vollkommen
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werde, zu allem guten Werke geschickt. 2 Timoth. 3,
16, 17.

Das Uebel zu vergrößern, verstehen Wenige mit
Auswahl, Verstand und Nutzen zu lesen. Sie
ergreifen mit gleichem Sinne das Schlechte wie das Gute;
lesen ohne Prüfung und legen das Buch hinweg, ohne zu
fragen oder zu wissen, was sie durch die Mühe des Lesens
für Geist und Herz gewonnen haben. Aber Tausenden ist
das Lesen keine Mühe, sondern ein Spiel, ein Zeitvertreib,
eine Schwelgerei, besonders wenn es auf bloßes Beschäftigen
und Kitzeln ihrer Einbildungskraft, und auf durchaus nichts
Höheres abgesehen ist. Wie Kinder alles Nützliche bei Seite
setzen, um wunderbare Mährchen anzuhören, die ihnen durch
Erweckung von mancherlei Gefühlen und Selbsttäuschungen
ergötzlich sind: so wird aus gleichem kindischen Hang bei vielen
Erwachsenen das Lesen zur Leidenschaft. Dieser Fehler,
noch unbekannt in den Zeiten Jesu und seiner Jünger, ist
heutiges Tages, zumal in größern und kleinern Städten,
einer der gewöhnlichsten geworden, und ist die nur allzuselten
öffentlich gescholtene Quelle des Sittenverderbens und des
Mangels an Kraft und Religiosität.

Die Lesesucht ist eine unmäßige Begierde,
seinen eigenen, unthätigen Geist mit den
Einbildungen und Vorstellungen Anderer aus
deren Schriften vorübergehend zu vergnügen
.
Man lieset, nicht um sich mit Kenntnissen zu bereichern,
sondern um zu lesen; man lieset das Wahre und das Falsche
prüfungslos durch einander, ohne Wißbegier, sondern
mit Neugier. Man lieset und vergißt. Man gefällt sich in
diesem behaglichen, geschäftigen Geistesmüßiggang, wie in
einem träumenden Zustande.

Das bloße Lesen, ohne ernsten Willen, Belehrung oder
Besserung zu gewinnen, ist wirklicher Müßiggang
des Geistes
. Denn der Geist, so lange er nur fremde
Vorstellungen an sich vorübergleiten läßt, verhält sich leidend;
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und wenn er von diesen Vorstellungen keine zurückbehalten
kann oder mag, wird ihm das Ganze so wenig werth,
als ein Traum. Er hatte eine kostbare Zeit verschwendet.
Die Zeitverschwendung aber ist nicht der einzige Schaden,
welcher aus der Vielleserei entsteht. Es wird dadurch die
geistige Ruhe und Unthätigkeit, die Begierde, Andere für sich
denken zu lassen, zum Bedürfniß. Es wird das Müßiggehen
zur Gewohnheit, und bewirkt, wie aller Müßiggang,
eine Abspannung der eigenen Seelenkräfte.

Doch diese Wirkung äussert sich bei Menschen von
verschiedenen Anlagen auf verschiedene Weise. Diejenigen zum
Beispiel, welche ein vortreffliches natürliches Gedächtniß
besitzen, häufen durch ihre Leserei eine ungeheure Menge
nützlicher und unnützer Kenntnisse in ihrem Gedächtnisse auf,
aber auf Unkosten ihres eigenen Denkvermögens. Das Gelesene
geht nicht in ihr ganzes Wesen über, sondern bleibt
roh und todt, wie die Speisen im Magen des Vielfressers,
dessen Gesundheit durch das Uebermaas der Nahrung weit
mehr geschwächt, als genährt wird. Eine selbstgedachte
Wahrheit ist mehr werth, als ein Tausend angehörter
Wahrheiten, die segenlos im Gedächtnisse liegen bleiben, so wie
ein durch eigenen Fleiß gewonnener und benutzter Pfenning
größern Werth hat, als der Goldklumpen in des Geizigen
Kasten.

Andere, denen die Natur eine reizbare Einbildungskraft
verlieh, und deren ist die große Zahl, bilden dies
Seelenvermögen vermittelst der Vielleserei zum Schaden übriger
Gemüthskräfte ins Ungeheure und Mißgeburtartige aus. Sie
gewöhnen sich, Alles nur auf die Unterhaltung ihrer
Phantasie
zu leiten. Was damit in keiner Verbindung
steht, wird ihnen trocken, widerlich, lästig. Bald müssen
ihnen gründliche und nützliche Kenntnisse, bei denen
Gedächtniß, Urtheilskraft und Scharfsinn erforderlich sind,
zum Ekel werden. Sie wollen nur, was ihre Einbildungskraft
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kitzelt, und halten dies für das Höchste und Edelste.
Sie sammeln aus dem Gebiet menschlicher Erkenntniß nur
das, was darauf Bezug hat; was sie nicht ermüdet; was
ohne Anstrengung erworben werden kann und allenfalls
noch ihre Neugierde sättigt. Dadurch entspringt die geckenhafte,
hohle Vielwisserei, welche eben darum auch nur
Halbwisserei ist, und glänzt und schimmert, ohne innern
Werth zu haben. Dadurch wird die Neigung zum stolzen,
voreiligen Absprechen genährt, welche das unfehlbare
Kennzeichen einer blöden Urtheilskraft und sich selbst
genügender Unwissenheit bleibt. Dadurch entsteht jene
Abneigung gegen nützliche, ernste Arbeiten und
Beschäftigungen, zu welchen ein ganz anderer Aufwand von
Kräften, als ein spielender Witz, als ein träumendes
Dichtungsvermögen, erfordert wird. Aber diese Kräfte mangeln
den Unglücklichen; denn im Geistesmüßiggang des Viellesens
blieben sie ungeübt und erschlafften. Personen dieser
Art beurkunden nur zu bald überall ihre Unbrauchbarkeit
zu den Gewerben des Lebens, und jammern, wenn man
sie verkennt, während sie eben deswegen nicht das Maas der
ihnen wünschenswerthen Achtung empfangen, weil man sie
gut kennt.

Wie viele leben, verdorben durch den Fehler
der Lesesucht, welche für ihren nachmaligen
Stand und Beruf nicht passen
; Männer, die,
ohne Würdigkeit und Kraft zum Bessern, sich immerdar
aus ihrem ihnen zu klein scheinenden Wirkungskreise
hinwegsehnen; Weiber, die in den Freuden und Leiden und
Sorgen des ehelichen Standes und bürgerlichen häuslichen
Alltagslebens keine Genugthuung überspannter Erwartungen,
keine Nahrung ihrer Einbildungskraft und Empfindelei finden,
und Alles, aber nicht das gelernt haben, was zu richtiger
Beurtheilung ihrer Lage, zur wirthschaftlichen Hausfrau, zur
treuen Pflege des Gatten, zur weisen Leitung des Gesindes,
zur zweckmäßigen Behandlung der Kinder gehört.

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Die wenigsten von den Schriftstellern unserer Zeit, welche
sich damit abgeben, durch ihre Werke einer wohlgeordneten
Einbildungskraft Vergnügen zu bringen, haben hinlängliche
Erfahrung, hinlängliche Kenntniß der Lebensverhältnisse und
des menschlichen Herzens. Da die meisten derselben sich selbst
durch Vielleserei verdorben und nur ihre Phantasie zu Träumereien
geübt haben, geben sie der Welt in ihren Büchern
nur die traurigen Früchte ihrer erhitzten Einbildungskraft
und ihres verwahrloseten Verstandes. Sie stellen nicht dar,
was ist und sein soll, denn sie kennen es ja nicht! sondern
liefern ein Gespinnst von Träumen, denen Natürlichkeit und
ein höherer Zweck fehlen. Sie suchen durch Neuheit ihrer
Bilder zu gefallen, und wählen abentheuerliche Engel und
Teufel, aber nicht die Macht des menschlichen Gemüthes.
Sie geben nur wieder, was sie durch Vielleserei eingesogen
haben.

Man nimmt von der Welt, mit der man am häufigsten
umgeht, Denkart und Stimmung an. So darf es uns nicht
wundern, wenn diejenigen einen Ekel am bürgerlichen Leben
und dessen Verhältnissen empfinden, die, mit verwöhnter
Einbildungskraft und überreizter Empfindsamkeit, darin weder
den Wechsel und die Wunderbarkeit der Zufälle, noch die
Gestalten ihrer Träumereien wiederfinden; wenn sie sich überall
gern selbst zu täuschen suchen, und über Elend jammern, sobald
der Ernst der kalten Wirklichkeit ihre Trugbilder zerstört.
O wie unendlich viel des häuslichen Unglücks strömt
aus diesen Quellen!

Den verderblichsten Einfluß hat die Lesesucht
auf die Jugend
, theils weil in derselben das
unerfahrne Herz am empfänglichsten für Eindrücke jeder Art,
theils weil die Einbildungskraft ohnehin das Thätigste ihrer
Seelenvermögen ist. Wirft dann ein unglücklicher Umstand,
Schlechtigkeit der Bücherausleiher oder Verkäufer,
Nachlässigkeit der Erzieher, Unachtsamkeit der Aeltern, ein auf
Sittenverderbniß berechnetes Buch, das Machwerk eines geilen
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Wollüstlings, in ihre Hand; wird ihre Einbildungskraft
mit unanständigen Vorstellungen, mit verschönernden
Gemälden viehischer Triebe, mit Verzierungen des Verbrechers
vertraut gemacht -- wer rettet dann das schirmlose Herz vor
der vergifteten Phantasie? Seht da die geheimen, nur selten
mit verdientem Fluch genannten Ursachen der Altklugheit
und frühen Reife der Jugend, ihre Erfahrenheit in den
Lastern der Wollüstlinge, ihrer innersten Ruchlosigkeit bei
äusserer scheinbarer Sittigkeit! Sehet da die Ursachen ihres
frühern Hinwelkens, ihres geistigen und körperlichen
Absterbens unter der Wuth geheimer Sünden! Was der Mütter
treue Liebe, was des Vaters fromme Sorge, was des
Lehrers warmer Eifer Jahre lang baute, reißt oft der
Fluch eines einzigen verbrecherischen Buches in einer Stunde
nieder.

Und mag auch der Jüngling und das Mädchen glücklich
genug sein, die Unschuld des Gemüthes zu bewahren in
allen Gefahren, welche die Lesesucht herbeiführt; wer mag
verhüten, daß die Vielleserei, was sie selbst bei Erwachsenen
und Bejahrten leicht verursacht, nicht auch hier bewirkt? --
Viel- und Halbwissen, Kenntniß ohne Gründlichkeit; daher
dann Mangel der Ueberzeugung, Ergreifen des Scheins für
die Wahrheit, Zweifelsucht, Unglauben und inneres, stilles,
trostloses Vergehen!

Doch, wie könnte ich die mannigfaltigen Nachtheile,
Fehler, Schwächen und Laster alle nennen, welche in der
Lesesucht theil ihren Ursprung, theils ihre Hauptnahrung
finden! Und wenn auch Tausende durch eintretende Umstände
vor dieser Leidenschaft verwahrt, Andere wieder von ihr
entwöhnt werden; wenn auch Tausende nicht von den schädlichen
Wirkungen derselben leiden: kann man sich es bergen,
daß auch Tausende darin ihr lebenslängliches inneres und
äusseres Unglück finden?

Wie dem helfen? -- Zwar Obrigkeiten vermögen viel,
wenn sie mit Ernst der Verbreitung offenbar sittenverderblicher
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Werke wehren -- doch ihrem Scharfblick werden noch
zahllose, Geschmack, Geist und Herz verderbende Schriften
entschlüpfen. Zwar Aeltern und Erzieher vermögen viel,
wenn sie auf die Lesereien der Jugend nicht minder wachsames
Auge halten, als auf deren Gespielen. Böse Gesellschaften
verderben gute Sitten; aber die gefährlichste Gesellschaft
ist ein Buch, welches den Vorstellungen und der
Fassungskraft des Lesers nicht angemessen ist, oder den
Jrrthum seines Verfassers einschmeichelt, oder die Grundsätze
der Rechtlichkeit, Sittsamkeit, Keuschheit und eines religiösen
Glaubens untergräbt. Zwar Erzieher und Aeltern vermögen
viel, wenn sie Herz und Verstand der Jhrigen zweckmäßig
ausbilden, und die Tugend derselben durch Religiosität
schirmen, also, daß natürlicher Abscheu gegen alles
Unedle und Gemeine entsteht; oder wenn sie ihnen für die
Bedürfnisse ihres Alters und ihrer Verhältnisse die vortrefflichsten
Schriften zuerst zu lesen geben, damit sie nachher
desto lebhaftern Ekel gegen das Schlechtere empfinden, sobald
sie es erblicken. Doch dies alles sind schwache Hilfsmittel,
wenn nicht in demjenigen, welcher den Gefahren der
Lesesucht
entzogen werden soll, ein heiliger, fester Wille
steht, ihnen wirklich zu entrinnen. Wer ist fähig, den zu
hüten, der freiwillig verloren sein will?

Bist du von den Gefahren der Lesesucht, oder wenigstens
von ihrem Nachtheil für Geist und Herz überzeugt: so
ermanne dich zu dem unverbrüchlichen Entschlusse, dich
fortan des Viellesens zu enthalten
. -- Darum waren
unsere Alten kräftiger; sie lassen [!] weniger, handelten mehr;
dachten lieber selbst, als daß sie sich von andern, oft sehr
seichten Köpfen vordenken liessen.

Lies nicht viel; aber auch nicht vielerlei durch
einander. Allzugroße Mannigfaltigkeit, statt zu erquicken,
verwirrt den Blick des Geistes. Der Eindruck des einen
Gegenstandes löscht den Eindruck des vorhergegangenen aus.
Wähle dir das, was deinen Verhältnissen am nützlichsten sein
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kann, oder deiner Bestimmung im bürgerlichen Leben wohlthätig
werden kann. Hierauf wende deine ganze Aufmerksamkeit,
ohne dich mit andern Lesereien über fremdartige
Dinge zu zerstreuen. Suche einen Freund, einen Rathgeber,
welcher die hinlängliche Kenntniß besserer Schriften über
den erwählten Gegenstand besitzt, und diesen bitte um
Leitung.

Lies nicht viel; aber das Wenige mit Ernst,
mit Nachdenken und Ueberlegung
, bis es dir deutlich,
und eben damit in deinem Gedächtnisse bleibender geworden
ist. Lege die Schrift oft hin, und erwäge, was sie lehrte.
Prüfe ihre Gründe. Ruhe nicht, bis du zu fester Ueberzeugung
und Kenntniß gelangt bist von dem, was in dem Gelesenen
wahr, nützlich oder schön sei. Davon erforsche die
Ursachen in dir selbst.

Lies nicht viel, am seltensten aber zu deinem
bloßen Vergnügen
. Das reinste Vergnügen empfindet
man immer da, wo man sich beim Lesen unterrichteter,
gebesserter fühlt, und wo das, was unser Geist aus
fremden Quellen schöpfte, wohlthätig in unser Leben übergeht.
Darum soll man selbst die Menge der Dichter, die Schöpfungen
einer schönen Einbildungskraft, nicht bloß der
vorübergehenden Lust willen lesen, welche die Kunst durch
Erregung unsers Gemüths erweckt: sondern um sich durch sie
zu veredeln und die Tiefen des menschlichen Herzens, dessen
Hoheit, dessen Schwächen kennen zu lernen. -- doch ist es
eben bei Werken dieser Art, wo wir die vorzüglichste Sorgfalt
anwenden müssen, nicht in das Schlechtere zu verirren,
während wir dem Höhern nachstreben wollen. Das Mittelmäßige,
wenn du dich dessen gewöhnst, stumpft zuletzt
deinen Sinn für das Vortrefflichere ab; verdirbt den
Geschmack. Das Geistreichere wendet hingegen seine Zauber
auf unwürdige Gegenstände an; macht sich es zur schwächlichen
Aufgabe, niedrige Leidenschaften zu reizen oder zu
adeln, und das Laster zu rechtfertigen, zu entschuldigen oder
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doch zu schmücken. Nur zu oft lauern unter solchen Rosen,
die dich locken, Schlangen. Daher lies lieber keine solcher
für das Vergnügen der Einbildungskraft berechneter Schriften,
es sei denn, daß dir ein treuer, erfahrner, tugendhafter
Freund die Lesung derselben empfohlen hat.

Christum und seine Weisheit lieb haben, ist besser denn
alles Wissen. Was würde mir alle Bildung meines Geschmacks
frommen, wenn darüber die Reinheit meines Herzens verloren
ginge; was alle Kenntniß der Welt und ihrer Dinge,
wenn sie die Erkenntniß meiner höhern Pflichten und der
göttlichsten Dinge verdunkelte? Nur immer dahin soll mich
das Lesen heiliger und weltlicher Schriften leiten, daß ich
vollkommen werde in meinem zu Ewigkeit auserkohrnen
Geiste, und mich Dir, o Geist der Geister, Dir, o Allweiser,
nähere! Reinige du mein Urtheil und meinen Willen,
daß ich die Gefahren vermeide, welche denen oft begegnen,
die auf jenem schlüpfrigen Pfade Licht und Vollendung
suchen. Amen.



tgl, 16.4.2001