Drei Kochrezepte, die bei Jean Paul erwähnt werden

Gefunden und ausgegraben von Dr. Siegfried Schödel, Nürnberg


Jean Paul schreibt in "Der Komet" in der Nachschrift zum Zweiten Vorkapitel (Das große magnetische Gastmahl des Reisemarschalls Worble):

"[...] konnt' ich doch kaum in der Stadt Wien gebacknen Katzendreck auftreiben und sächsische Christscheit (2) und abgetriebene Wespennester (3) [...]".

Dazu gibt Jean Paul in zwei Fußnoten folgende Nachweise:

"(2) Wie beides zu machen, steht im schwäbischen Kochbuch von J. Christiana Kiesin S. 284 und S. 312.
(3) Wie diese zu machen, siehe baierisches Kochbuch von Klara Messenbeck. 6te Auflage, B. I. S. 481."

Die hier bei Jean Paul erwähnten Kochbücher und Rezepte sind:

Allerneuestes / Schwäbisches Kochbuch. / enthaltend eine / Sammlung / vieler / Vorschriften / von / Koch= und Backwerk. / Fastenspeisen, eingemachten Sachen. Spei= / sezetteln, und andere dahin einschlagende / Lehren und Regeln / herausgegeben / von / Johanna Christiana Kiesin. / Zweite verbesserte Auflage. / Stuttgart, / bei Franz Christian Löflund. / 1799.
[Exemplar der Württemberg. Landesbibliothek Stuttgart. Sign. HBF 2169]

Das Rezept für gebacknen Katzendreck auf Seite 284 lautet:

"Gebackene Katzendreck.
Zibeben und Mandel werden je 4 bis 5 Stück an einen Faden gefaßt, jedoch nicht vest aneinander, unten am Faden macht man einen Knopf und oben daß man den Faden heben kann; hernach wird solches in Weintaig getunkt und in Schmalz gebacken, alsdann wird der Faden an dem Knopf wiederum heraus gethan, und jenes mit Zucker und Zimmet bestreuet."

Das Rezept für Sächsisches Christscheit auf Seite 312f. lautet:

"Sächsisches Christscheit.
Man läßt 3 Pfund Mehl in einer Schüssel warm werden, und macht von 2 Löffel voll dicker Bierhefen und ein wenig lauer Milch ein kleines Vortaiglen, das man ein wenig gehen läßt, alsdann schafft man ein halb Pfund Butter und 8 Eyerdotter, 1 Schoppen süsen Rohn und einen halben Schoppen süsse Milch, 8 Loth Zucker, Zibeben, Rosinlen und Mandeln nach Belieben, alles dieses recht durch einander in den Taig, bis der Taig vom Löffel fällt, es muß auch noch 3 Löffel voll Bierhefen darein geschafft werden, thut es hernach auf ein Brett, formirt daraus einen länglichen Kuchen, läßt es wieder gut gehen, und backt es im Ofen wie Brod."

Das zweite von Jean Paul genannte Kochbuch, hier allerdings in der fünften Auflage, trägt den Titel:

Baier'sches / Kochbuch. / Enthält: / leichtfaßliche und bewährte Anweisungen/ für alle Stände auf die vortheil= und schmackhafteste Art die Fleisch= und Fastenspeisen zu / kochen, zu backen und einzumachen; Limonade, / Mandelmilch und Punsch zu verfertigen, Tafeln / nach der neuesten Art zu decken und zu / trenschiren. / nebst / Unterricht für die Hauswirthschaft / verschiedene nützliche Sachen zu machen, und / nützlich anzuwenden, zum Einpöckeln und Räu= / chern des Fleisches, Brodbacken, Essigbrauen, / Einmachen verschiedener Früchte, Holzersparen, / Lichterziehen, Seifensieden, Stärkemachen, / Färben, Bleichen u.s.w. / Zwey Theile. / Fünfte vielvermehrte und verbesserte Auflage. / Von / Maria Klara Messenbeck. / Augsburg und Regensburg, / bei J. M. Daisenberger, und zu finden in / allen guten Buchhandlungen. / (Preis 1fl. 30 kr.)
[Exemplar der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg. Sign. Ldw 1081]

Das Rezept für abgetriebenes Wespennest auf Seite 481 lautet:

"886. Ein Abgetriebenes Wespennest.
Man treibe ein Viertelpfund Schmalz in einer Schüssel recht fleißig ab, schlage fünf ganze Eyer daran, sprudle drey Löffelvoll gewässerte Germ, und eben so viel lauliche Milch untereinander ab, und schütte es nach und nach daran, rühre es immer um, und salze es; nehme nicht gar ein Pfund feines Mehl, und mische es darunter, schlage den Teig recht pflaumig ab, bestreue ein Nudelbrett mit Mehl, lege den Teig darauf, walge ihn so dünne, als es möglich, aus, und bestreiche ihn mit Schmalz, rädle drey oder vier fingerbreite Streife, und diese in der Mitte wieder von einander, bestreue sie mit Weinbeerln und Zibeben, rolle sie zusammen, schmiere ein Kastroll mit Schmalz wohl aus, lege die zusammengerollten Streifen ordentlich hinein, lasse sie gut gehen, und backe sie dann schön langsam. Ist es zum Anrichten Zeit, so bestreue sie mit feinem Zucker."

Dr. Siegfried Schödel
Viatisstraße 109
D-90480 Nürnberg
Germany
Tel. & Fax: +49/(0)911/406400
E-Mail: Kukenkreit@aol.com
Dr. Siegfried Schödel, Gymnasiallehrer im Ruhestand, hat zahlreiche Bücher und Artikel veröffentlicht, u.a. Arbeiten zu Meyrink, Kesten, zum Märchen, zur Deutschdidaktik und zur Geschichte der alten Bibliothek des Melanchthon-Gymnasiums in Nürnberg. Die hier mitgeteilten Rezepte sind ein amuse gueule, dem in nächster Zeit ein Aufsatz über (virtuelles) Essen bei Jean Paul folgen wird.