Friedrich Gundolf: Rede zu Goethes hundertstem Todestag (1931/32)
Textgrundlage: Druck "Bei Georg Bondi in Berlin", 1932.
Digitale Fassung. Thomas Gloning; 9/2001
<<x>> = Seitenzahlen; kalokagathia (S. 18): im Orig. griechisch. zeilengetreue Erfassung, aber Silbentrennung aufgehoben. Unterstreichung = im Original Sperrdruck.
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REDE
ZU
GOETHES
HUNDERTSTEM TODESTAG

VON

FRIEDRICH GUNDOLF

1932

BEI GEORG BONDI IN BERLIN

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Die Rede war für die Pariser Universität
bestimmt, an der Gundolf zur Feier Goethes im
März 1932 sprechen sollte. Er hat sie einige
Wochen vor seinem Tod niedergeschrieben.

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GOETHES Todestag jährt sich zum hundertsten
Mal in einer Zeit, da der von ihm verkörperte
und verherrlichte Glaube bedroht erscheint: der
gesamteuropäische Humanismus, das heißt das
Vertrauen in die Gnade und in das Verdienst des
Menschen als des Mittlers, Trägers und Sehers der Welt,
mag man diese anbeten in Person, Gesetz, Zahl oder
Wunder. Anderes als Zeichen wird aus dem Geheimnis
uns raum- und zeitgehegten Geschöpfen nicht zuteil.
Wenn wir zurückkehren in den Grund, heimkehren
aus der Geschichte, brauchen wir die Zeichen nicht
mehr: doch die Andacht zur Gestalt und zum
Verwirklicher der Gestalt, dem schauenden, denkenden,
sprechenden Menschen, der immer wieder vom Herzen
aus das All offenbart durch seine Kräfte des
Erscheinens, ist das höchste Vermächtnis des alten
Europa an das bedrohte oder schwindende, für das
wir leben und sterben wollen. Das alte Asien, immer
wiederkehrend in geschichtslosen Theismen oder
Atheismen, und das neue Amerika, behext von
geschichtslosen und gottfreien Dingen -- beide Mächte,
zwischen denen der künftige Krieg spielt, wollen das,
was mit Hellas und Rom anhebt und im Weltkrieg irre
geworden ist, entwerten oder vernichten, indem sie es
nutzen. Jeder Glaube erhält und bewährt sich bis in
den Untergang hinein, ja bis in die Auferstehung hinein
durch ewige Bilder. Unsre Jubiläen haben keinen
Sinn, wenn sie nicht Bildwerdung der Geschichte
bedeuten, wodurch wir dauern.

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Wir feiern Goethe als den letzten universalen Seher
des Menschtums. Diese Sendung hat er erfüllt als
ein deutscher Individualist, wie Dante als ein katholischer
Italiener, Shakespeare als der britische Weltmensch,
Voltaire als französisches Gesellschaftswesen,
um nur Sprachmeister zu nennen, deren Spannkraft den
jeweiligen Erkenntnisumfang ihres Zeitalters
beherrschte. In ihnen allen (und in vielen Engeren,
Schwächeren, Kleineren) hat der Stolz und der Mut
des wachen Menschen sich gewehrt gegen den Druck der
aufgehäuften Welt, gegen die fertigen Institutionen,
gegen schlaffe oder starre Denkgewohnheiten, gegen
blinde, stumme und taube Überlieferungen, worin der
schöpferische Sinn ihrer Ursprünge erloschen oder
verdorrt war. Ihre Siege freuen uns noch heute ..
noch ihre Niederlagen stimmen uns ehrfürchtig.

Bei Wesen dieses Umfangs kommt wenig darauf an,
ob sie geirrt haben: die größten Männer bedürfen
nicht der Unfehlbarkeit. Jeder der Unsterblichen hat
seinen Gegner im Herzen, der ihn draußen Gegner
finden lehrt. Die Waffen und Stöße wechseln und
veralten. Wir suchen durch alle Moden der Zwiste
hindurch die Streiter selbst, wie sie durch alle
Glaubens-gleichnisse hindurch die unvergänglichen Götter
suchen.

Überall kommen die Tugenden aus den Gefahren:
Der Historiker muß Bedacht tragen, ob er nicht jene
Gefahren übersieht und -- weil solche uns nicht mehr
drohen -- ihre Überwinder verkennt. Was zum
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Beispiel Voltaire errungen hat, die Toleranz, die
Aufklärung, kommt uns (gerade noch heut) leichter vor
als es war. Vielleicht wird er bald wieder nötig und
heilig.

Goethe fand vor sich beim Erwachen seines Geistes
eine Gesellschaft, die trotz Tod und Grauen nur wahrnahm,
was sich in Zahlen, Mustern, Regeln, Formeln
fassen und fest-stellen ließ. Gelebt wurde in seinen
Tagen wie in den ersten und jüngsten alles Fleisch-
und Blutgemäße, erlebt nur das Denk-fällige. Die
Geschichte war das Museum von Beispielen des
schlechthin Guten oder Bösen: man stritt sich darüber,
in welche Begriffs-Schränke die Alexander und
Caesar, die Homer und Vergil, die Platon und
Aristoteles, die Raffael und Michelangelo gehörten ..
nicht darüber, ob die Schränke des Guten und Bösen
selbst richtig, nötig und ewig seien. Es gab reine
Sammler, die sich stillesetzten auf behäbigem
Wissenskram. Über diesen gab es die Erforscher der
Gesetze, nach denen Gott die vergänglichen und darum
vergeßlichen Dinge geordnet: Kepler, Galilei, Newton
und ihre Erben. Gott selbst erschien als der
Allrechner, und in Zahlen meinte man sein Geheimnis
am sichersten zu fassen. Einzelnen Suchern, Mystikern
überließ man, mißtrauisch oder achselzuckend,
die lauschigen Nebenwege zum Himmelreich an den
abgemessenen Heerstraßen vorbei. Die Mysterien und
Sakramente nahm man hin -- weil darauf der Bestand
von Haus- und Gemeinwesen sich gründete oder zu
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gründen schien -- als eine Sittlichkeit oder Schicklichkeit
der Seele, wie man die Kleidung pflegte als
unentbehrlichen Fug des Alltags. Neu und nackt
dem Brauch und seinen festen Sätzen zu erwidern,
aus eigenem Beginn, aus Natur, aus heimlicher
Schöpfungs-unruhe, um damit die sichere Menschheit
zu wandeln, das regelrechte Haus zu erschüttern:
dazu mußte man erst die Natur wieder entdecken.

Es hat in Deutschland nie an Geistern gefehlt, die
das Wirken als Wachsen und Werden, nicht als Fügen
und Bauen erfuhren: ich nenne nur Paracelsus,
der durch die Buchstaben das Wort, durch das Wort
hindurch den Odem, das alldurchdringende, wandelnde
Pneuma suchte. Er fand es nicht nur in heiligen
Schriften, sondern auch in erscheinenden Kräften.
Doch solche Männer fristeten in Gebrauch und
Gedächtnis der Aufklärungs-jahrhunderte ein anrüchiges,
unterirdisches Schattendasein, als Quacksalber,
Wundertäter und Hintertreppen-Heilande. Man traute
ihnen mit bösem Gewissen, mit lüsterner Scheu oder
grusligem Gehorsam. Für die gültige Gelehrsamkeit
war ihre Wissenschaft vorhanden, vielleicht bedurft,
vielleicht reizend, doch ohne Recht und Licht. Die
anerkannte Natur war auch ein wohlgeordnetes
Gebäude, und ihre Verwalter und Deuter waren die
Mathematiker oder deren Handlanger. Der Mensch
stand ihr zugewendet mit seinen Zwecken als
verständiger Benützer. Gott hatte ihn eingesetzt (meinte
man) kraft seiner weisen Vorsehung, und Gottes Weisheit
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wog nur gradmäßig, zahlenmäßig unendlich mehr
als die des Fürsten oder Bürgermeisters. Wieviel man
auch von unerforschlichem Ratschluß schwatzte: im
Grund hielt man den Schöpfer für ein Wesen, zu
dessen Erforschlichkeit man nur nicht gut genug
rechnen konnte oder dessen Sprache man nur schwer
verstand aus Mangel an grammatischen und lexikalischen
Kenntnissen. Soviel vom Geschichts-Schema
und von der Natur-Schablone der Aufklärungsjahre,
da Goethe aufwuchs.

Die Kunst war für die Nachdenker, denen sein
jugendliches Gehör sich zuwandte, ein müßiges Spiel
des Vergnügens und Behagens .. oder ein Unterricht
über wissenswerte Gegenstände. Das Gewissen
beschwichtigte man beim Genuß von leichten
Überflüssen mit der Lehre vom Gleichniswert der Bilder,
worin man Gottes Wort kleidsam betrachten könne,
oder von der Erbaulichkeit der schönen Klänge. Von
Platons Überschwang aus dem Schein in den Sinn war
die Ideenlehre heruntergekommen (soweit sie Lehre
war) zur behäbigen Verwendung aller Zauber und
Reize bei Gesellschaftsspiel oder Gesellschaftsfron.
Schöpferische Genien, wie Rubens, Bach, Händel
ergossen in die lernbaren Formen, die sie meisterten,
ihre Fülle und Gewalt und wandelten unmerkbar
deren Geist: von den platten Lehren wurden sie nicht
beklemmt .. ja vielleicht gefördert, weil sie nicht
vor ihren Eingebungen sich herumzuzanken hatten
mit problematischem Tiefsinn. Doch dieser Urlaub
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der wortlosen Künste von der Philosophie als einer
Sinn-formulierung, als einer Gedankensprache steht
der Dichtkunst nicht frei: die empfängt ja ihre
Formen mit ihrem Stoff als Wort und leidet
notwendig am stumpfen oder dürren Denken, das ihr
vorspricht. In die Dichtung redet jeder Zeit-Geist
vernehmlicher hinein als in die Musik und die
Bildkunst. So wenig der Poet mit dem Philosophen
wetteifern muß als Welt-begreifer und Welt-ausleger,
so sehr muß er Weiser -- Denker und Deuter -- sein,
als Welt-zeiger und Welt-bildner. In den Anfängen
sind die besessenen Künder der Gottes- und
Volksstimmen zugleich Propheten, Philosophen, Dichter.
Immer weiter im Lauf der Jahrhunderte haben sie
sich geschieden. Schon in Platons Seele ringen Dichter
und Philosoph, weil er als Philosoph, nach dem Gesetz
dieses Berufs, durch jede Erscheinung hindurch den
bildlosen Urgrund suchte, und als gestaltsichtiger
Grieche erscheinungstrunken sich weidete an Bildern.
Vom Schönen war er an den Schein gefesselt, und
doch durchschaute er als Sucher jeden Schein --
überschwingend in das ersehnte Wesen hinein.

Ich nenne Platon als den Beginner der Spannung,
die Goethe am Ende des ungeheuren Wegs noch
einmal gehalten hat, ohne Einbuße an Weite, ohne
Verzicht auf Gewissen, ohne Verhärtung des Herzens.
Dichter-Weise hat es auch nach ihm noch gegeben:
ich nenne nur Hölderlin, Nietzsche, George. Doch
alle erkaufen Weihe, Höhe, Strenge mit dem
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gelassenen Inne-sein, dem frommen Lächeln des
siebenten Tags. Sie müssen ihren Glauben an den
Segen erkämpfen mit dem Nein und dem Dennoch.
Goethe konnte noch ohne Krämpfe, Flüche und Blitze
zu der leidvollen Wirklichkeit, der alltäglichen Nähe,
zur All-Gemeinheit ja sagen, ohne sich ihr preiszugeben,
ohne sie in eine Hölle abzuscheiden, ohne
sie zu verlernen. Er hat die ganze Daseinsmasse seines
Jahrhunderts gewußt und gezeigt .. und mitgezeigt
in ihr die Erinnerung seines unverlierbaren Adels. Darum
erscheinen uns sein Weltbild "Faust" und seine
Zeitbilder: "Wilhelm Meister", "Hermann und
Dorothea", "Dichtung und Wahrheit" heute noch als
Verklärungen, obwohl er nicht künstlich geschönelt,
nicht ängstlich geschmeichelt hat. Sein Realismus
brauchte nicht den Grimm und Hohn der enttäuschten
Idealisten wie Stendhal, Balzac, Flaubert, nicht den
Zorn zynischer Schwärmer wie Lord Byron und
Heinrich Heine, nicht den beständigen Trutz der
heiligen Einsiedler wie Heinrich von Kleist, Baudelaire
oder Ibsen. Alle diese zwangen sich zum Realismus
oder zum Naturalismus aus Tapferkeit, Askese
oder Verzweiflung, weil sie es nicht aushielten im
schönen Lug der ausgeleerten Ideale. Sie wollten lieber
den Stank als den parfümierten Qualm.

Auch Goethe kannte die Verzweiflung gründlich.
Seine berühmtesten Werke, der "Werther" und der
"Faust", ließen vielfach auf seinem Namen den
dunklen Glanz eines Satanisten. Zumal in Frankreich
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sah man vom ganzen "Faust" (dank dem ahnungslosen
Buch der Madame de Staël) fast nichts als das
höhnische Grinsen des Mephisto und das verführte
Gretchen: eines der dummen Mißverständnisse der
Weltliteratur. Auch wurde Goethes Gesamtbild lange
verfälscht durch die schöne Fratze seines bequemeren,
blendenderen und romantischer kolorierten Jüngers,
des Lord Byron: der führte und verlockte zum
luziferischen Trotz, der manchmal Rolle, manchmal Pose,
manchmal echter Abfall war.

Vom alten Goethe gibt es ein leises Wort: "Wer
nicht verzweifeln kann, der muß nicht leben." Kurz
vor seinem Tode stemmte er gegen die weltweite Qual
den heiteren Trostvers: "Wie es auch sei, das Leben,
es ist gut." Man hat darin einen bequemen Optimismus
gesehen, ohne zu merken, welche Wucht von
Verwünschung aufgehoben ist in der Abwehrformel "wie
es auch sei". Aus einem stärkeren, reicheren und
stilleren Geist, aus einer friedlicheren Stunde enthält
dieser Endseufzer den gleichen Sinn, den Nietzsches
"Zarathustra" entlädt in berauschte Hymnen. Wie
diese bezeugt er nicht harmlose Sicherheit, sondern
heldenhafte Sehnsucht. Goethe und Nietzsche wollten
dem dummen Teufel nicht den Sieg lassen, indem sie
Gottes Gabe, sie sei wie sie wolle, verwarfen.
Zweihundert Jahre vorher hatte Shakespeare, das reichste
Wesen, aus einer eben kraft seines Reichtums noch
tieferen Verzweiflung und kraft seiner Stärke noch
ruhiger dieselbe Weisheit geholt, nicht jugendlich
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verzückt, nicht alters-entrückt, sondern männlich
bereit: reif sein ist alles.

Daß man Goethe mißkennen durfte nach beiden
Seiten hin: einmal als einen Ja-sager ohne Gründe
des Nein-sagens, kurz, als einen glücklichen Menschen,
und sodann als einen erhabenen Verbrecher, mag
einen Begriff seines seelischen Umfangs geben, seines
seelischen -- nicht nur seines sachlichen. Seine
eigentümliche Größe unter den Großmeistern der
Weltliteratur besteht ja -- sittlich und geistig
zugleich -- darin, daß er in einer Zeit, da Wissen und
Glauben fragwürdig geworden waren wie nimmer seit
dem Untergang der Heiden-Welt, die Geduld bewahrte,
alles sich einzuverleiben, einzugeisten, woraus
diese fragwürdige Welt bestand. Er hatte nicht mehr
wie Dante einen selbstverständlichen Kirchen-Gottesglauben,
nicht mehr wie Shakespeare eine unentrinnbare
Volksgemeinschaft, mit der er litt und wirkte,
nicht wie Voltaire ein Vertrauen in die Besserungsfähigkeit
der Menschenvernunft trotz der Unverbesserlichkeit
der Welt. Er entriet all der mittragenden,
dämpfenden, lindernden Bürgschaften, die ein
Gemeinwesen mit seinen tausend Schultern jedem
verspricht, der ihm herzlich zugetan ist als Mitgenießer
oder Mitkämpfer. Ihn entlastete nicht, wie Dante,
die Gewißheit: ein persönlicher Schöpfer sieht mich,
lenkt mich, schützt und erlöst mich. Mittler und
Heilande nahmen ihm nichts ab von seiner persönlichen
Bürde. Gesellschaften belästigten ihn mehr als sie
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ihn erleichterten, und doch warf er nicht den unfaßbaren
Mächten, der überschwänglichen Gottheit den
Sack vor die Füße (wie sogar Luther einmal drohte).
Er hielt sich nicht schadlos durch Krittel und Abkehr
wie Schopenhauer. Er nahm das Sichtbare wahr und
wirklich, gestillt und beschwingt zugleich vom Wunder,
Zauber, Schauer, der darin erschien vom Unsichtbaren
herein und herüber. Er fand in dieser Tugend,
wie jeder Mutige und jeder Vertrauende, zugleich das
Glück, sein Glück. "Das höchste Glück des denkenden
Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben
und das Unerforschliche ruhig zu verehren". Das ist
nur eine Seite seines vorbildlichen Wesens: er wollte
nicht aufhören, trotz den Versuchungen von Himmel,
Staat oder Kirche, ein denkender Mensch zu sein mit
eignem Wissen und Gewissen. Die Pflicht der Vernunft,
des Vernehmens erfüllte er bis zum Ende: die
rastlose Erweiterung seines Wahrnehmungskreises,
die Ehrlichkeit gegenüber sich und den Erscheinungen,
die Wachheit für alle Kräfte, leidige und leichte.
Er flüchtete in keine Götzendienste, aus Angst vor
der Wirklichkeit und vor dem Tod .. er besoff sich
nicht mit Ruhm .. er stellte nicht lauter Spiegel um
sich her, um nur Angenehmes oder Vertrautes zu
sehen .. er war keine Stunde seines Lebens fanatisch,
feig oder eitel. Alle diese Eigenschaften sind
gleichsam Heilmittel der Seelen, die das Grauen der
Leere, den horror vacui ahnen, das Entsetzen der
entgötterten Welt. Aus dem Rückhalt seines großen
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Sinns wagte er sich in die Gott-Natur hinein, nicht
mit geschlossenen Lidern und verkniffenem Mund wie
die Romantiker, um nur rasch und schmerzlos ins
Unendliche zu kommen, sondern stet und feurig, ohne
Hast und ohne Rast, weit offenen Augs schritt er im
Endlichen nach allen Seiten aus seinen nächsten
Bedürfnissen und Anlagen durch deren Befriedigungen
und Bedingungen hindurch in das Gegenüber, das
Draußen, das Andre. Nichts ließ er außer acht, was
ihm begegnete: aus den Künsten fand er zu deren
Mitteln, aus den Mitteln zu den Stoffen, aus den
Stoffen wieder zurück in die Kräfte. Ich erinnere nur
an seine Farbenlehre: vom Sehen kam er zum Malen,
vom Malen zu den Farben, von den Farben zum Licht,
vom Licht zum Sehen, und so rundum: ein nächster
Anlaß führte ihn, durch alle Wege des Anlasses, in
dessen verborgenen Kräftegrund. Sein mikrokosmisches
Wittern und Merken zog ihn mitleidend,
mitschaffend in die makrokosmische Einheit der
Vielheiten. Er erweiterte sein all-keimendes Ich blühend
und fruchtbar zum ich-erleuchteten All, wie er es in
der Erdgeist-szene seines "Faust" als Spannung
dramatisiert und in seinem Altersvers als Lösung
gekündet:

Wenn im Unendlichen dasselbe
Sich wiederholend ewig fließt,
Das tausendfältige Gewölbe
Sich kräftig in einander schließt,
Strömt Lebenslust aus allen Dingen,
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Dem kleinsten wie dem größten Stern,
Und alles Drängen, alles Ringen
Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn.

Was ich hier angedeutet als Haltung des Denkers,
Forschers und Führers Goethe, dauert durch den
Zauber des Dichters.

Goethes Gesamtschaffen nährt sich aus seiner Kraft
des Dichtertums. Erweitert und gefördert hat er jeden
Einzelberuf, jede Fachwissenschaft, von der
Steinkunde bis zur Erkenntnislehre. Man konnte fast
jede Einzelmeinung, die im Lauf des letzten Jahrhunderts
in Natur, Kunst, Historie und Politik zutage
kam, von ihm herleiten oder bekräftigen, aus ihm berichtigen
oder widerlegen. Die fixen Ideen der Winkelgrübler
und die Gemeinplätze der Marktschreier ließen
sich auf Worte Goethes gründen. Bei der ungeheuren
Breite seines Anregungsbereichs gibt es kaum ein
Ding, das er nicht gemerkt und durch seinen Blick
heller, durch seine Stimme vernehmlicher gemacht
hätte, zum Vergnügen oder zum Trotz derer, die
nichts anderes hatten als jeweils dieses Ding. Doch
wie der Teufel die Bibel zitiert durch Entstellung,
Vereinzelung und Verschweigung der Augenblicke,
aus denen das vorgebrachte Gotteswort kam, so hat
man auch Goethes Werke immer wieder genommen
als ein Sammelsurium von gescheiten Sätzen, die ein
für allemal dastehen zur Beute der Bedürfer. Dies
Botanisieren taugt kaum bei Gelehrten und Philosophen,
es ist beinahe Fälschung bei einem Dichter ..
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nicht so gefährlich wie der Mißbrauch der Bibel,
doch ebenso dumm. Zunächst: da Goethe weder ein
Eiferer noch ein Doktrinär noch ein Methodiker oder
Systematiker war, sondern ein Gelegenheitsdenker,
so hat er im Lauf seines Lebens die meisten Dinge
unter wechselnden Lichtern und Winden erfahren und
beurteilt. Kaum ein Satz von ihm, zu dem nicht auch
sein Widerspruch sich fände! Kennt man die Anlässe
seiner Äußerungen nicht, zum Beispiel seinen jeweiligen
Gesprächspartner oder Korrespondenten, übersieht
man den Werkzusammenhang, dem man seine Lehren
entzupft, beachtet man Tonstärke, Nachdruck und
Schwingungsweite seiner Sätze nicht taktvoll, so
bekommt man Festrednerphrasen statt seiner Urworte.
Ich führe nur zwei Verse von ihm an, die in ihrer
landläufigen Verwendung beinahe das Gegenteil dessen
sind, was sie an ihrer Stelle bei Goethe bedeuten: "Das
Ewig-Weibliche zieht uns hinan" und "Höchstes Glück
der Erdenkinder sei nur die Persönlichkeit". Das eine
kündet, daß das männliche Ich, das er wie kein zweiter
wirkend und sinnend hienieden bewähren sollte,
überschwingt, transzendiert ins holde Geheimnis, als
dessen Gleichnis ihm das Weib erschien, die Weckerin
und Erlöserin der seligen Sehnsucht. Man hat daraus
einen Trinkspruch für gesellige Abende gemacht.
Das andere will die einmalige Gestalt, das unersetzliche
Individuum, durch eine Bannformel hüten vor
den Einbrüchen der Mächte oder der Dämonen, deren
Lockung und Drohung Goethe stündlich verspürte.
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Man hat daraus die Rechtfertigung schäbiger
Lüstchen gemacht.

Goethes Dichtertum ist die Kraft, das Gesamt der
jeweils mitschwingenden Welt im einzelnen Nu zu
schauen und zu sagen .. im Augenblick die Ewigkeit
zu ergreifen, oder von ihr ergriffen zu werden, das
Erscheinende sinnenbildlich ernst zu nehmen. Der Schein
war ihm nicht Lug und Wahn: das ist sein Griechenerbe,
das er durch die christlichen Jahrhunderte hindurch
sich zurückerrang. Was Platon warnend ihm
vermacht, das nahm er vertrauend in Empfang.
Beiden gemein ist die Ironie, die Spannung zwischen
der Freude am Schein und dem Zweifel am Schein:
Goethes Ironie belächelte den Zweifel, Platons Ironie
die Freude. Goethe gab den leeren Begriffen wieder
die Fülle seiner Augen-blicke und rettete dadurch den
Idealismus vor dem klappernden Wortdienst, den
Mephisto in der Schülerszene des "Faust" verspottet.
Der Fron der reinen Empirie, des selbstgenugsamen
Sammelns und der zweckmäßigen Endlichkeit, erlag
Goethe nicht (wie die Polyhistoren der Barockjahrhunderte
und die Spezialisten und Positivisten unsres
Jahrhunderts), weil er, als Dichter, in der Seele
unverlierbar die kalokagathia, das schöne Urbild des
Menschen trug, der das Maß und der Herr der Dinge
ist. Das unterscheidet ihn, von Talentgraden oder
Charakterart abgesehen, von den Dichtern, die nach
ihm kamen: sie erneuern entweder, unter Einbuße
und Vergewaltigung der Dinge, den himmelstürmenden
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oder himmelgrenzenden Idealismus, oder sie häufen,
mit wahlloser Neugier Erfahrungsmassen als solche,
documents humains, unter mehr oder minder ehrlichen
Kunstvorwänden. Wir bestaunen, lieben oder
ehren bei den einen, Schiller etwa, die Schwungkraft
und den Seelenadel, bei den andern, den großen
Gesellschaftssehern, Balzac oder Dickens, den ungeheuren
Merkegriff und -blick, den Lebensfleiß, die
Tragstärke (ich rede hier nur im Groben und Ganzen,
ohne Rücksicht auf die Mannigfalt der Einzelnen).
Seit Goethe haben sich die beiden Grundrichtungen
immer weiter, gehässiger voneinander geschieden, die
einen herrisch oder verschwärmt bedacht auf Rettung
des Menschen, mag dabei der ganze Vorrat zugrunde
gehen, woraus er sich nährt, kleidet und schmückt,
-- die andern verhetzt und zerwühlt auf Mehrung der
Dinge bedacht, mag dabei der Mensch ein zuckendes
Nervenbündel oder ein Haufen Eingeweide werden.
Ich will das in einem Gleichnis verdeutlichen: drei
Arten Mehrer unsres geistigen Reiches gibt es. Die
einen wandeln Bäche in Ströme, die andern wandeln
Wasser in Wein, die dritten zeigen uns im Wasserglas
zahllose Infusorien. Die berühmtesten Dichter
unsrer Epoche gehören zur dritten Sorte. Sie wollen
den Menschen nicht mehr, sondern seine winzigen
Bestandteile, seine Funktionen, seine Dinge und
Bedingnisse. Wer sich zum Menschen selbst bekennt
als einem zwar wandelbaren, aber ewigen Gestaltwesen,
kraft dessen wir Welt erfassen, und wer sich zur
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Welt bekennt als einem Kosmos, das heißt einem
menschensinn-vollen Ganzen (nicht einem Zufallskehricht):
der wird über die Epigonen des Idealismus
zurück wie über die Propheten des ausschließlichen
Menschentums wie über die merksüchtigen, neugierigen
Apokalyptiker der Verwesung wie über die
Magier der bloßen Artistik hinweg den Dichter suchen,
der Mensch und Welt konzentrisch offenbart: Goethe
hat dem Vielen, das sich über die Horizonte hinaus
vor seinen sonnenhaften Augen entfaltete, nichts
rauben wollen zugunsten des Benutzers. Er wußte,
daß der Mensch nichts taugt, der sich nicht
auseinandersetzt, willig und tätig, gehorsam und
gebieterisch mit Widerständen, Pflichten, Räumen, Zeiten.
Er warnte davor (am deutlichsten mit seinem
Baccalaureus im "Faust") das Ich, "den bodenlosen
Abgrund des Subjekts", als den schöpferischen Inbegriff
und Ursprung zu vergötzen. Aber er wußte auch, daß
das wahre Studium des Menschen der Mensch sei. Er
wurde zornig, wenn Jünglinge zu ihm kamen, die
Philosophie studieren wollten, und nicht Bescheid
über ihre Hausgeräte wußten. Er haßte alle
Allgemeinphrasen, alle Schlagworte, das unverbindliche
Geschwätz, das mitplappert ohne Kenntnisse,
ohne Augen. Er war mißtrauisch gegen jede Schultheorie.
Er beantwortete die Frage, warum er es soweit
gebracht: "Ich habe es klug gemacht: ich habe nie
über das Denken gedacht." Spinoza war ihm in den
Jahren seiner stürmischen Unrast weniger ein
<<23>>
Welterklärer als ein Seelsorger, ein Heiliger, der ihn ruhig
aufhob in gesetzliche Welt.

Goethes Realismus empfing seine Weihe, seine
Gewißheit und seine Frische von seiner Humanität.
Deren Evangelium ist seine "Iphigenie",
die Botschaft der Wahrhaftigkeit, für Goethes
Charakter das schönste Zeugnis, wie der "Faust"
für sein Genie. Humanität des lauteren Herzens
als Bürgschaft des Guten, Wahren, Schönen, ja
der Gottheit selbst, in einer Welt von Gier und
Angst .. Humanität ohne den Rückhalt von organisierten
Reichen dieser und jener Welt, die immer
Feiglinge, Schwindler, Streber, Tyrannen und Knechte
schaffen müssen .. Humanität als Treue gegen Ich
und Du hat recht eigentlich Goethe erst als Dichter
errungen und verherrlicht. Sie ist der deutsche
Zuwachs zu dem europäischen Humanismus, den Dante
und Petrarca begannen, Shakespeare und Montaigne
mittaglich reiften. "Edel sei der Mensch, hilfreich und
gut", "Alle menschlichen Gebrechen sühnet reine
Menschlichkeit", "Zwischen uns sei Wahrheit" sind
drei Formeln solcher Botschaft. Der Humanismus
der Renaissance hatte die Freiheit des selbstbewußten
und eigenwilligen Ich von allen Gemeinschafts-bindungen
und Autoritäten beansprucht, Freiheit des
Denkens, des Tuns, des Genießens. Auch der junge
Goethe stand in diesem Zuge als ein Widersacher des
trägen Gehorsams, als ein Verehrer jeder menschlichen
Größe. Freiheit und Natur waren die Schlachtrufe, mit
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denen er ausbrach aus den bürgerlichen Zäunen: Prometheus,
Mahomet, Jesus, Caesar, Faust .. die Heroen,
Heilande, Titanen beschwor er aus der Unterwelt mit
dem eignen Blut, um die Geheimnisse der Wenden
von ihnen zu erfahren. Der trotzige Selbsthelfer deutscher
Vorzeit, Götz von Berlichingen, entsprach seiner
Ungeduld des Durchbruchs, seinem Verlangen kampfesfroher
Mannheit, seiner Qual der schlaffen Hege und
der dürren Gatter. Als der junge Titan wurde er nach
Weimar geholt, von dem Herzog, der -- ohne Goethes
Geist -- von verwandtem Sturm und Feuer war. Doch
da erwachten in ihm aus Schöpfungskräften die Kräfte
der Zucht und der Liebe zu neuen Einsichten und
Aufgaben. Verantwortlich für den unbändigen Fürsten,
bändigte er sich selbst, um ihn zu hüten und zu lenken
zum Wohl des Landes, das ihm anvertraut war.
Mäßigen half ihn die neue Geliebte, Frau von Stein.
"Gesellschaft" war ihm nicht mehr stockiges Hemmnis
allein, sondern fruchtbarer Acker .. "Freiheit"
hieß nicht mehr nach Belieben schalten, sondern
gewissenhaft wirken nach dem Gebot der bedürftigen
Stunden und Stätten .. "Wahrheit" hieß Rechtschaffenheit
vor Mensch und Ding, genauer Fleiß um
der Erkenntnis und der Hilfe willen, Freude des
sorglichen Schauens, Zucht der Endlichkeit. "Erkenne
dich, leb' mit der Welt in Frieden" war der neue
Wahlspruch des Titanen, der nicht mehr Götzen stürzen,
sondern den Weg zeigen mußte zu den Gesetzen, die
der tausendjährige Wandel selbst ahnungsvoll emporwirkt,
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zeitigt und in der Vergängnis gleichnishaft verkörpert.
Im farbigen Abglanz, dem gedämpften, getrübten,
empfing nun und gab der Mann das lebendige
Licht, das der Jüngling durch verwegenen Raub dem
Himmel entreißen wollte. Nicht vulkanisch jäh, sondern
neptunisch geduldig glaubte er die Schöpfung:

Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen
Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen.
Sie bildet regelnd jegliche Gestalt,
Und selbst im großen ist es nicht Gewalt.

Nicht mehr die wilde Stärke, sondern die stille Schönheit
des Menschtums im Einklang und als Gleichnis
des Universums war nun sein Wunschbild, vielleicht
von einem mißverstandenen Griechentum, wie
Winckelmann es lehrte, mitbestimmt, doch empfangen
aus seinem eigenen Wesen.

Doch unterscheidet sich seine Humanität, Zucht,
Maß, Sitte, Helle von der des romanischen Europa,
deren schönste Blüte Racine ist, und von der seiner
klassizistischen Epigonen dadurch, daß er die dunklen
sprengenden Mächte, die Qualen der gefesselten Titanen,
den rastlosen Weltschmerz von Grund auf kannte
und nie vergaß. Seine Humanität (wovon seine Soziabilität,
seine Höflichkeit, seine vielbelächelte Geheimrätlichkeit
nur modische Trachten und Vorwände
waren) kommt nicht aus der positiven Andacht zum
Gesellschaftsgesetz, wie die gesamte Literatur des
französischen Sonnenkönigtums: sie ist ein schmerzlicher
Verzicht auf seine eigentliche Dämonie. Er
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sagte einmal: "Wollte ich mich gehen lassen, so zerschlüge
ich alles." Heinrich Heine erriet die gebändigte
Gewalt des ungeheuren Menschen, indem er ihn
mit dem sitzenden Zeus im Tempel von Olympia
verglich: auch dessen Sitzen rechtfertigte man gegen
Krittler mit der notwendigen Schonung des Tempeldachs.
Goethes Napoleonkult und Byronkult ist
nicht knechtische Demut eines Schwächlings vor
Gewaltmännern, sondern Neid eines gehemmten Titanen
auf die Brüder, die ihre Bahn durchlaufen konnten.
Seine umfassende Vieltätigkeit und Kleintätigkeit,
seine scheinbare Zersplitterung, die manchmal an die
Fleißpedanten und -elefanten des 17. Jahrhunderts
erinnert, ist ein Schutz Goethes vor seinen eignen
Kräfte-Katarakten. In zahllose winzige Rinnsale zugunsten
vieler Fachwissenschaften, Wohlfahrtsanstalten und
Bildungsmittel kanalisierte er seine verhängnisvollen
Fluten. Selbstzweck und Endzweck war ihm nichts
davon. Es ist eine Beschwichtigung seines eignen
Prometheus-Gewissens, wenn er einmal sagt: "Ich habe all
mein Wirken und Leisten immer nur symbolisch
angesehen, und es ist mir im Grunde ziemlich gleichgültig
gewesen, ob ich Töpfe machte oder Schüsseln." Noch
dem Greis entfahren gelegentlich, wo nicht pädagogische
Rücksichten ihn warnten, Blitze des plötzlichen
Unmuts, Feuer aus versunkener Jugendwildheit. Als
er zurücktrat aus den Erscheinungen, die ihn banden
und verpflichteten, als er alterte in die gelöste Ewigkeit
hinein, da schwang noch einmal in wundersamen
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Sängen seine gewaltige Inbrunst gen Himmel ins
Dunkel und ins ungedämpfte Licht. Der "West-Östliche
Divan" dröhnt von solchen Hymnen aus dem
Mächtegrauen in den heiligen Rausch. "Wiederfinden",
und "Selige Sehnsucht" entladen mitten in
verklärter Weisheit eines Mannes, der mitmacht, das
Herzensgeheimnis des Eingeweihten, der nie dabei
sein konnte, weil er inne war. Auch das Liebesgedicht
des 74jährigen, die "Marienbader Elegie", bekundet,
außer der Herzensfrische Goethes, auch seine
Verwandtschaft mit den Erdleid-rufern, mit Hiob und
Hamlet, nicht aus Welt-ekel, sondern aus Welt-erkenntnis
durch freudige Liebe. "Der Mensch muß
wieder ruiniert werden" meint er zum Untergang
seines höchst bewunderten Helden .. und er deutete
damit seinen Auferstehungs-glauben an: das Vertrauen
in den unerschöpflichen Kräfteverbrauch der
wandeldurstigen All-Natur, die des Todes bedarf,
um immer neues Leben zu haben.

Goethes ganzes Leben ist gespannt zwischen dem
form-vernichtenden, wissen-löschenden, ordnung-zertrümmernden
Gefühl des Kräftewandels, dem Chaos,
dem Geheimnis (oder wie man das Unhaftbare
benenne) und dem Wissen um des Menschen bedingten
Anteil am All. Wollte er nicht verderben mit seinem
Überschwang, so mußte er sich dämpfen, sich binden,
sich messen an den Erscheinungen. Darum gab er
sich, eben aus dem Drang seiner Gründe, eben aus
seiner Erleuchtung der alten Nacht, an alle Einzeldinge
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des Tages hin, an die Sachbestände der Geschichte,
der Gesellschaft, der Wissenschaft, der
Kunst, kurz, an die Vielheiten, an die Jeweiligkeiten,
an die Langweile und die Kurzweile. Doch er verfiel
niemals dem Wahn, damit habe er etwas Endgültiges
geschafft, oder dem bedenklicheren Wahn, Endgültiges
überhaupt lasse sich packen und einpacken.
Auch dieses (nicht dies allein) ist ein Sinn von Fausts
Ende. Die dürfen sich nicht auf ihn berufen, die
irgendeine Nutz-Sucht, ein Geschmäckeln, ein
Reizeschnüffeln, eine Kennerei oder ein Könnertum
ausgeben wollen für Nachfolge Goethes. Vergängliches
hat er getrieben, wie die Fleißigsten unter den
Nur-Vergänglichen. Doch niemals vergaß er über dem
Gleichnis den Sinn, und den Sinn lehrte er nicht nur,
deutete er nicht nur aus, sondern er lebte ihn von
Grund auf.

Man hat als das deutsche Verhängnis das ewige
Werden bald gerühmt, bald verlästert, das
Nicht-Fertigwerden, die Störung der Weltruhe durch die
Unrast des Strebens. Die fertigeren Völker haben
überall Forderung gewittert und gefürchtet, wo solch
Suchen hindrang. Goethe ist auch deshalb unser
größter Genius, weil er die deutsche Unendlichkeit
als Person zugleich erlitten und bewältigt hat: als
Person, andere Erlösungen gibt es nicht. Institutionen
sind immer gleich gescheit und gleich falsch ..
sie gewinnen ihre Stärke oder Schwäche nur aus den
menschlichen Trägern und Erfüllern. Richtige
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Verfassungen, richtige Kunstformen, richtige Glaubensartikel
an sich gibt es nicht, sondern Menschen, deren
einmalige Echtheit, Schönheit, Güte oder Wucht sie
erneuert und bewährt. Goethe hat den gesamteuropäischen
Klassizismus ermächtigt aus seinem reicheren
Menschentum. So hat er die gesamteuropäische
Wissenschaft gesteigert aus seiner kräftekundigeren
Person. So hat er die Gesellschaftslehre verdeutlicht
aus seinem tieferen Wissen um wandelnde Gesetze.
Wenn man heute von Entwicklung spricht, so geht
das Schlagwort über Bergson und Darwin, über Marx
und Hegel, die romantischen Philosophen und
andere, minder weltmächtige Denker zurück auf
Goethe. Er hat wie kein zweiter Sterblicher die
Gestalt als Wachstum, und das Wachstum als Gestalt
erfahren und gezeigt. Wenn heute das Wort Leben,
zumal durch Nietzsches Prophetie, so strahlt und
lockt wie im vorigen Jahrhundert Geist und im
18. Jahrhundert Vernunft und im Mittelalter Gott,
so hat Goethes Natursicht dem Wort solche Leuchtkraft
eingeglänzt. Natur selbst wird nie wieder aus
dem Kräfteschauen Goethes sich zurückverlieren
können in die bloße Rechnerei, wieviel neue Instrumente
man auch finde. Das unfaßbare Werdende,
Wachstum und Welktum, hat Goethe mit Bewußtsein
als Künstler, Dichter, Forscher in der Gestalt,
in der erscheinenden Form, im wirkenden Sinnenbild,
im zeugenden Urphänomen empfangen und befreit.
Als ein echter Göttersohn hat er, der Qualen
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von Schwund und Verderb, Wahn und Irre kundig,
sich dennoch erfreut der lebendig reichen Schöne, die
zugleich der hinfällige Schein ist. Die Lehre hat er
uns durch seine Heilmittel seines und unsres Leidens,
hinterlassen als das Vermächtnis der Gestalt an
Untergang und Übergang:

"Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
Umfaß euch mit der Liebe holden Schranken,
und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestiget mit dauernden Gedanken."

tgl, 25.9.2001