Heinrich Münsinger: Regimen sanitatis in fluxu catarrhali ad pectus (15. Jh.)
-- Textgrundlage: G. Eis: Heinrich Münsingers »Regimen sanitatis in fluxu catarrhali ad pectus«. In: Forschungen zur Fachprosa. Bern/ München 1971, 81-90. [Hs. 15. Jahrhundert, zweite Hälfte]
-- Digitale Version: erfaßt und 1 Korrektur gelesen: Thomas Gloning, 6/1996 [mail]
-- Diakritika über "v" hier nicht wiedergegeben
-- (c) You may use this digital version for scholarly, private and non-profit purposes only. Make sure that you do not violate copyright laws of your country in using this text. Do not remove this header from the file.

<<85>>

Regimen sanitatis editum pro Friderico palatino Rheni
per doctorem Minsinger in fluxu catarrali ad pectus.

Durchluchtiger, hochgeborner fúrst! Als úwer furstlich gnad zu dissen zyten hat ein
grossen fluss vom hopt in die brust, der zum ersten úwer gnad in der rechten syten der
brust mit treffenlicher enge vnd kúrczin des authems beswert hät vnd nun ein treffellichen
huosten mit vermischung aitters gebracht hät, den úwer gnad vor nit swarlich gehabt hat,
vff das nun sollicher fluss mit dem huosten in kúnfftigen zyten nit swerer kranckheit bringe
innwendig an der brust vnd auch an der lungen, so hab ich nach úwer gnaden begerung
nach myner vermúglichkeit mit der gotz hilff beschriben, wie sich úwer gnad haltten soll
<<86>>
mit den sechs stucken, die einem ietlichen menschen not sind zu behaltnuß sins lebens
vnd siner gesuntheit, wenn er sich dar inn ordiglich haltt vnd sich ir wol gebrucht, mit
namen: dem lufft, vebung, der ruow, spys vnd tranck, slafen vnd wachen, vberflússekeit
vnd reyngung da von, vnd zuvell des gemuets, zorn, trurigkeit vnd sorgveltekeit et cetera.

Von dem lufft.

Nun anzuvahen von dem lufft, soll úwer gnad vermyden vnlutern, groben, nebligen, windigen
vnd vast kalten vnd fúchten luft. Vnd wenn der lufft also ist, so sol sich úwer gnad inn
haltten in úwer wonung des tags vnd in úwer slafkamer des nachts. Vnd sol man dar in
machen, wann es kalt ist vnd fúcht, fúr von reben oder von aichin holcz oder wechaltter
holcz oder roch von wolsmackenden krúttern, dar durch der lufft trucken, luter, warm vnd
wolsmackend werd. Vnd [212v] zu den selben zyten sol das hopt bedeckt sin, doch
nit ze vast, das der kalt, fúcht vnd vnluter lufft den fluss dar inn nit mere.

Regierung mit essen vnd trincken.

Vwer gnad soll sich mit essen vnd trincken also haltten: Sie sol vermyden alle spys, die
hartdöwig ist, die vil úberflússekeit macht im hopt vnd das hirn swecht, mit namen knobloch,
zwybel, linsen, ersen, bonen, rettich, nusß vnd hasselnusß vnd kappus krut vnd rueben
vnd starcken win, der bald in das hopt stigt, vnd milch vnd kess vnd alles, das von milch
gemachet ist. Doch geißmilch mit zucker möcht úwer gnad, die wil der huost weret, essen
oder trincken.

Von fleisch

sol úwer gnad myden alt rintfleisch, swinefleisch vnd als fleisch, das dúrr oder gesalczen ist,
vnd als hochwildbrett mit vier fússen mit namen hirse, hinde, swine, von beren, fuchs.
Doch die lung von dem fuchs ist úwern gnaden guot vnd auch die lung von eim igel, wenn sie
besunder aigenschafft haben zu stercken die brust vnd die lungen, als die wysen arczet
sprechen. Vwer gnad sol auch myden alt hasen, alt duben vnd genß vnd enten vnd als gefúgel,
das im wasser wonet. Vwer gnad sol auch myden hirn, lungen, leber, milcz, kottelderm
von allen grosen dieren. Vwer gnad soll essen von fleisch jung huener, hennen vnd
kappen, jung tuben, repphürn, haselhür, vassent, jung kalbfleisch, lampfleisch, hamelfleisch
[213r] kiczin fleisch, rehin wildbrett, das wol gejagt ist, oder eins jungen hirß,
der wol geiagt wer, vnd von gefúgel klein waltvogel, kranetvogel, ziemern vnd lerchen
vnd trosteln. Vnd sollich fleisch mag úwer gnad essen gesotten oder gebraten vnd in ein
brüw oder gallre mit senfften wurczen gemacht.

Von kúchin spyß sol úwer gnad essen spinetsch krut, borres krut, ochsenzungen krut
vnd mangolt vnd fenchel, ietlichs allein oder mit enander gehackt, wol bereitt mit guotter
fleisch bruew.

Vnd von gemueß vnd kúrn mag úwer gnad essen gersten, wol gekocht vnd mit
mandelmilch wol bereitt, vnd hoberin bry vnd ryß, mit mandelmilch gekocht.

von ops

sol úwer gnad gemeinlich myden als ops usgenomen zu sumer zyten, wenn es vast heiss ist.
So mag úwer gnad essen enwenig von pflumen vnd von kirsen vnd pfersch nüchtern vor
<<87>>
ander spyß, wenn sie lindern zum stuolgang. Auch sprechen etlich arczet, das wyss
wolsmackend oepffel, mit zucker weich gebraten, weichen die brust vnd helffen uswerffen mit
dem huosten. Als auch etlich wyber sprechen, das gebraten zwibel gessen guot sind für den
huosten. Aber ich halt dar von nit, wann sie geben bös fúchtigkeit vnd dempff im hopt, dar
durch der fluss gemert wird. Doch wenn úwer gnad gesund wer, so moecht úwer gnad essen
von gebraten birn vnd von gebraten kútten [213v] nach dem essen, wann sie die
spys vndersich trucken vom magen mund vnden in den magen vnd helffen zu der verdoewung.
Sust erpber vnd ander frucht sol úwer gnad myden, die in dissen landen wachsen, als mulber
vnd die da gern fulen, vnd nespelen vnd sperwer vnd kesten. Doch von vigen gesotten vnd
winber da by, in einer bruew mit senfften wúrczen gemacht, mag úwer gnad in disser vasten
vnd auch sust essen der brust vnd des huostes halb zum ersten vor ander spys. Vnd ein
pfefferlin von winber gestosen, als ich úwer gnaden koch bescheiden vnd gelert hon machen,
mag úwer gnad wol essen zum huosten vnd úwer kranckheit vnd zu der brust. Vwer gnad
mag essen mandelmilch, mit gersten wasser durchgestrichen, vnd clein winber dar in gesotten,
oder allein die trincken oder essen on die winber. Vwer gnad mag auch essen supben von
erweißbruew vnd von kichern bruew. Man mag auch die kicher lasen stosen vnd ein brylin
dar uß machen mit mandel milch, denn sie vber alle dinge der brust vnd der lungen guot sind,
als Auicenna spricht.

Item swem, rehling, pfifferling sol úwer gnad nit essen. Item von eigern, die hert
gesotten sind oder gebachen in ainer pfannen, sol úwer gnad nit essen; vnd alles gebackes, das
von milch, eiger, taig vnd kesß gemachet ist, als fladen, sol úwer gnad auch myden. Vwer
gnad sol essen von frischen eygern weich gesotten, vnd besunder den dotter davon. Vnd úwer
gnad mag essen von vischen hecht, bersich, vorheln vnd esch vnd grundeln vnd sust ganckvisch,
[214r] die schuppen hand vnd die in frischen, steinigen, fliessenden wassern
gangen sind. Aber visch, die nicht schuppen hand, als el, schlyen, núnoek, bricken,
lampreden, ruppen vnd ander sollich schlymerig visch vnd auch visch, die in stillstenden, fulen,
vbel smackenden wassern gangen sind, sol úwer gnad nit essen. Vnd die obgeschriben visch,
die úwer gnad essen mag, sol úwer gnad essen trucken abgesotten, doch nit mit essich, wenn
der essich vnd als sur, scharpff dinck der brust vnd der lungen schedlich ist. Man mag sie
auch essen gebraten, die gut ze braten sind; vnd gebraten brechsen, die auch gut sind. Man
mag sie auch machen in ein gelw bruew mit suessen wúrczen oder in ein gallrey. Der salm,
gesotten oder gebraten, vnd auch salmen kröß smackend woll vnd sind lustlich zu essen,
aber sie sind hartdöwig vnd fullent den magen. Dar vmb mag úwer gnad messiglich da von
essen. Vnd wer ietz gut in úwer gnaden kranckheit, das úwer gnad nit vil von vischen esse,
sie weren grün oder gesalczen, wenn sie schlym machen.

Vwer gnad sol trincken lutern, wissen, firnnen win, der senfft ist vnd nit starck vnd
etwas süß. Vnd ist er starck, so sol man ynn múschen mit gesottem gersten wasser. Dicken,
roten win vnd most vnd núwen win vnd byer vnd meth, der gehopfft ist, sol úwer gnad nit
trincken. Sol auch nit trincken schlecht vast kalt wasser, doch wenn sie vast durstig wer,
so möcht sie trincken von gersten wasser, mit zucker süsß gemacht, vnd auch wasser, dar in
gesotten weren vigen, clein winber, süssholcz mit zucker penit [214v] oder sust mit
schlechtem zucker sus gemacht. Man mag ouch trincken in erczny wyß zu zyten von alantwin,
der vast guot ist zuom huosten, zu der brust vnd zu der lungen, vnd salben win vnd
<<88>>
vnderwilen clareth von senfften wúrczen vnd zucker gemacht. Vnd uß dem selben clareth
moecht úwer gnad essen groß oblaten, die mit eim zucker wasser ingeruert weren, vnd
gebaister koriander säm gebuluert dar in vermist gemacht wer, wenn der selben oblaten halb
wirt der magen mund nach dem essen beslossen vnd moegen die dempff uß dem magen nit
stigen vbersich in das hopt. Vnd des clareths halb wirt der magen gesterckt zu der
abdöwung der spyß.

Von bewegung vnd der ruow.

Vwer gnad sol sich nach dem essen nit bald bewegen, besunder nach dem essen ein wil
belyben siczen vnd sich ergeczen, hoeren lesen alt hystoryen von alten keysern vnd herren oder
sust etwas lustlichs oder hoeren pfiffen oder seitten spill. Doch die bewegung vnd die vebung
sol úwer gnad nit gancz abstellen. Denn des morgens, so úwer gnad uff stett vom släf, so
sol sie sich reinigen zum stuolgang vnd mit dem harn vnd sust von ander vberflússekeit der
nasen vnd der andern glidern. Dar nach so sol sich üben mit gon oder mit ryten oder sust
in ander weg, bis die glider dar durch lass vnd treg werden vnd der authen etwas schnell.
Als denn so sol sie uff hoeren von der bewegung vnd ein wil ruowen vnd dar nach zu tisch
gon vnd essen vnd trincken. Vnd im essen so sol sie zum ersten essen das, das da lichtdöwig
ist, als [215r] bruew vnd gesottes, vnd dar nach das, das do gröber vnd hartdöwiger
ist, als das gebrautes. Vnd sol ein mäl nit zevil essen vnd mer dann der mag verdoewn moeg,
noch mengerley spyß ob eim tisch. Die obgemelt uebung mag úwer gnad auch tun am abent
vor dem nachtessen. Ob aber úwer gnad vngewitters halb oder sunst ander anligender sach
halb söllich uebung nit getuon moecht, so mag úwer gnad an statt der uebung sich lasen ryben
mit warmen tuechern senfftiglich vber den ganczen lib, vnden am fuessen anzevahen vnd also
ymer zu vber sich zu stigen mit dem ryben durch alle glider bis an halß. Vnd im ryben so
sol man vnder sich ab strichen. Vnd wann man an den halß komp vnder das hopt, so sol
man das hopt mit eim kamp wol kemmen vnd senfftiglich mit eim warmen tuoch ryben.

Von der regierung des schlafens vnd wachens.

Vwer gnad sol im tag, besunder bald uff das essen, nit schlafen, es wer dann, das úwer
gnad des nachts nit geschlafen hett oder úwer gnad sich gewent hett, im tag zu slafen.
Besunder zu sumer zyten so mag úwer gnad zwo stund oder dry nach dem essen uff ein halb
oder gancz stund schlafen mit erhoechtem hopt vnd schulttern mit kússin vnd mit usgezogen
schuochen, doch das die fuesß dannocht bedeckt sind mit lichten tuechern. Vnd die recht
zyt, den schläf anzufahen, ist zwo oder dry stund nach dem nachtessen. Vnd der schlaf sol
nit beschehen [215v] uff dem rucken, denn der selb slaf vast schedlich ist, wenn er
verhelt vberflússekeit im hopt vnd im hirn vnd macht, das sie nit iren rechten usgang haben.
Dar vmb so sol der släff beschehenn zum ersten uff der rechten syten uff ein stund oder
zwo, dar nach uff der lincken syten bis gein tag her, vnd denn sol er sich enden uff der
rechten syten. Vnd wer guot, yetz als úwer gnad beswert ist mit dem fluß im hopt vnd dem
huochsten, das úwer gnad ye ein wil im schläff erwachte, das der fluss im hopt durch den
schlaff nit vberhant nem, als dann beschicht durch vil schlaffen. Vnd als dick úwer gnad
erwachet, so sol úwer gnad essen von der weichen latwerg, die ich úwer gnad gemacht hab.
Vnd so úwer gnad schlafft, so sol úwer gnad uff dem hopt gedeckt sin nit zevast, dann das
hopt zu vil bedecken, mert die dempff vnd den fluss im hopt. Sie sol auch sust úbern lyb
<<89>>
bedeckt sin, das sie nit frost oder keltin lyd. Vnd die venster an der kamer söllen
beslossen sin, das der mon nit dar in geschin mög, wann der selb schin vast schedlich ist.
Vnd nach dem schlaf sol sich úwer gnad haltten als obgeschriben ist.

Vil wachen der kranckheit halb wer úwer gnad mynder schad denn vil schlafends. Aber
zevil wachen nach dem nachtessen biß zu mitternacht zu vnd da mit essen vnd trincken, ist
vast schedlich, denn durch das essen vnd trincken wirt die vorig spyß, die úwer gnad zum
nachtessen gessen hät, gehindert an der doewung, wenn es ist recht als der in ein siedigen
[216r] hafen kaltwasser [!Ed.] gússet. Vnd besunder wer es vast schedlich, das úwer gnad
nach sollichem vberessen vnd trincken nach dem nachtessen vnd nach lang wachen sich úber
arbeitte mit vnkuschen wercken zu verbringen. Das úwer gnad allweg schedlich vnd
vergifftig ist vnd nymer guot. Wenn so die natur zur rechten zyten durch vberflússigkeit des
somes das begert vnd úwer gnad dar zu reist, vnd was kranckheit den begeget, die sich mit
vnkúscheit vbergeben, wissen die wysen artzet wol, vnd ist nit not, zu dissen zyten da von
zu sagen. Dann allein sol úwer gnad wissen, das uebung der vnkúscheit dem hopt vast
schedlich ist, dann der som der merteyl von dem hirn vnd dem hopt kompt, vnd schadet
auch vast dem authen vnd der brust vnd der lungen. Hervmb so rat ich als ein getrúwer
arczet, das sich úwer gnad fúrhin da vor hütt, größer kranckheit da mit zu vermyden.

Nun volgt regierung der vberflússekeit vnd reyngung
von der vberflússekeit.

Vwer gnad sol sich hütten mit flyß vor vil essen vnd vor vberflússekeit der spys vnd des
trancks, wenn dar durch wirt der mag vnlustig zu der spyß vnd wirt auch dar durch das
hopt vollen dempff, dar durch der fluss im hopt in die brust gemert wirt. Vnd ob sollich
vberfúll mit essen vnd trincken zu allen zyten zu vermyden ist, so ist sie doch schedlich
zum nachtessen, denn da von der fluss im hopt in der nacht gemert wirt vnd auch der huost.
[216v] Her vmb so sol úwer gnaden nachtessen messig sin vnd licht. Vnd úwer gnad
sol sich flissen, das sie sich altag reyngen zum stuolgang vnd mit dem harn vnd von der
vberflússekeit des hopts durch die nasen vnd innwendig durch den rachen vnd durch die gumen.
Vnd ob die natur treg dar an wer, so sol man sie dar zu reissen mit erczny, zum
stulgang mit zepfflin von hong vnd salcz gemacht oder von seiffen gemacht, vnd zu der
reyngung des hopts durch die nasloecher mit zepfflin, die man in die nasen stost des morgens,
als ich auch die úwern gnaden geben han. Vwer gnad mag das hopt in der wochen lasen
einist zwahen mit krútter in der mäß, als ich den Wilhelm vnderwissen hab, vnd vnderwilen
die bein vnd die arm lasen weschen des abets mit wasser, dar inn kamillen bluomen
vnd salbey gesotten sind. Vnd etlich arczet sprechen, das guot fúr den huochsten ist, wann
man die bein bis an das knúw seczt in wasser, dar inn bonnen stro gesotten ist, vnd die arm
auch bis in die elnbogen da mit weschet. Vwer gnad mag das versuochen, wann kein schad
da von kompt.

Regierung der zuvelle des gemüts.

Vwer gnad sol vermyden sorgveltigkeyt, trurigkeit, forcht vnd besunder zorn bewegt die
fluss vnd das gebluett vnd die dempff im hopt vnd macht den fluss im hopt noch mer fliessen.
Dar vmb soll úwer gnad suochen zimlich frod, wa sie mag. Vnd also hat <ein end> das
[217r] regimen, wie sich úwer gnad regieren sol mit den obgenanten sechs stucken. Was
<<90>>
aber erczny úwer gnad sich bruchen súll in úwer kranckheit fúr den fluss im hopt vnd fúr
den huochsten in der brust vnd fúr die enge des authems, vnd wie man die machen vnd
núczen soll, hab ich in sunderheit beschriben. Die will ich, wann es not ist, getrúlichest
lassen machen vnd vnderwysung geben, wie man die núczen sol. Vnd ich hon diß regimen
úwer gnad uff das kúrczest gemacht, das sie das dester baß versten mög vnd behalten. Vnd
ob yemant, gelert oder vngelert, dar wyder wölt reden, so bin ich bereit, zu bewisen was dar
inn beschriben ist, mit bewerter geschrifft Yppocratis, Auicenne, Galieni, Rabi Moyses
vnd ander gelert meister in der kunst der erczny.


tg, 2/2002