Meister Eckhart (zugeschrieben): Von abegescheidenheit
-- Textgrundlage: Meister Eckhart: Die deutschen und lateinischen Werke. Die deutschen Werke. Fünfter Band: Traktate. Hg. und übersetzt von Josef Quint. Stuttgart 1963, 377-468 (Text, Anmerkungen, Nachtrag) und 539-547 (Übersetzung).
-- Digitale Fassung: Thomas Gloning, 1/2002; [mail]
-- Einrichtung: Seiten- und zeilengetreu nach der Quint-Ausgabe; Silbentrennung aufgehoben; <<Q400>> etc. = Seitenzahlen der Quint-Ausgabe; <L434> etc. = Seitenzahlen der Largier-Ausgabe; oe = oe-Ligatur in der Edition; Unterstreichungen = Sperrungen der Edition.
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<<Q400>> <L434>

Von abegescheidenheit

Ich hân der geschrift vil gelesen, beidiu von den heidenischen meistern
und von den wîssagen und von der alten und niuwen ê, und hân mit
ernste und mit ganzem vlîze gesuochet, welhiu diu hoehste und diu beste
tugent sî, dâ mite der mensche sich ze gote allermeist und aller næhest gevüegen
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müge und mit der der mensche von gnâden werden müge, daz got ist
von natûre, und dâ mite der mensche aller glîchest stande dem bilde, als er
in gote was, in dem zwischen im und gote kein underscheit was, ê daz got
die crêatûre geschuof. Und sô ich alle die geschrift durchgründe, als verre
mîn vernunft erziugen und bekennen mac, sô envinde ich niht anders, wan
daz lûteriu abegescheidenheit ob allen dingen sî, wan alle tugende hânt etwaz
ûfsehennes ûf die crêatûre, sô stât abegescheidenheit ledic aller crêatûren.
Dar umbe sprach unser herre ze Marthâ: 'unum est necessarium', daz ist als
vil gesprochen: Marthâ, wer unbetrüebet und lûter welle sîn, der muoz haben einez,
daz ist abegescheidenheit.

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Die lêrære lobent die minne groezlîche, als sant Paulus tuot, der sprichet:
'in waz üebunge ich mac gestân, enhân ich niht minne, sô enbin ich nihtes
niht'. Sô lobe ich abegescheidenheit vür alle minne. Von êrste dar umbe,
wan daz beste, daz an der minne ist, daz ist, daz si mich twinget, daz ich got
minne, sô twinget abegescheidenheit got, daz er mich minne. Nû ist vil
edellîcher, daz ich twinge got ze mir, dan daz ich mich twinge ze gote. Und ist
daz dâ von, wan got kan sich învüeclîcher vüegen ze mir und baz
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vereinigen mit mir, dan <L436> ich mich künde vereinigen mit gote. Daz abegescheidenheit
twinge got ze mir, daz bewære ich dâ mite: wan ein ieclich dinc ist
gerne an sîner natiurlîchen eigen stat. Nû ist gotes natiurlîchiu eigen stat
einicheit und lûterkeit, daz kumet von abegescheidenheit. Dâ von muoz
got von nôt sich selber geben einem abegescheidenen herzen. Ze dem andern
mâle lobe ich abegescheidenheit vür minne, wan minne twinget mich
dar zuo, daz ich alliu dinc lîde durch got, sô bringet mich abegescheidenheit
dar zuo, daz ich nihtes enpfenclich bin wan gotes. Nû ist vil edeler
nihtes niht enpfenclich sîn wan gotes, dan alliu dinc lîden durch got, wan in
dem lîdenne hât der mensche etwaz ûfsehennes ûf die crêatûre, von der der
mensche daz lîden hât, sô stât abegescheidenheit genzlîche ledic aller crêatûre.
<<Q404>>
Daz aber abegescheidenheit nihtes niht enpfenclich sî dan gotes, daz
bewære ich dâ mite: wan swaz enpfangen werden sol, daz muoz eteswar în
enpfangen werden. Nû ist abegescheidenheit dem nihte alsô nâhe, daz kein
dinc sô kleinvüege enist, daz ez sich enthalten müge in abegescheidenheit
dan got aleine. Der ist alsô einvaltic und alsô kleinvüege, daz er sich in
dem abegescheidenen herzen wol enthalten mac. Dâ von ist abegescheidenheit
nihtes enpfenclich dan gotes.

Die meister lobent ouch dêmüeticheit vür vil ander tugende. Aber
ich lobe abegescheidenheit vür alle dêmüeticheit, und ist daz dar umbe,
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wan dêmüeticheit mac gestân âne abegescheidenheit, sô enmac volkomeniu
abegescheidenheit niht gestân âne volkomene dêmüeticheit, wan volkomeniu
dêmüeticheit gât ûf ein vernihten sîn selbes. Nû rüeret abegescheidenheit
alsô nâhe dem nihte, daz zwischen volkomener abegescheidenheit und dem
nihte kein dinc gesîn enmac. Dâ von enmac volkomeniu abegescheidenheit
niht gesîn âne dêmüeticheit. Nû ist alle zît zwô tugende bezzer dan einiu.
Diu ander sache ist, war umbe ich lobe abegescheidenheit vür dêmüeticheit,
wan volkomeniu dêmüeticheit <L438> ist sich selber neigende under alle crêatûre,
und in dér neigunge sô gât der mensche ûz im selber ûf die crêatûre, sô blîbet
abegescheidenheit in ir selber. Nû enmac kein ûzganc niemer sô edel
werden, daz inneblîben ensî vil edeler in im selber. Dâ von sprach der
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wîssage Dâvît: 'omnis gloria eius filiae regis ab intus', daz ist gesprochen:
'des küniges tohter hât alle ir êre von ir inwendicheit'. Volkomeniu
abegescheidenheit enhât kein ûfsehen ûf keine neigunge under keine crêatûre
noch über keine crêatûre; si enwil weder under noch obe sîn, si wil alsô
stân von ir selber, niemanne ze liebe noch ze leide, und enwil weder glîcheit
noch unglîcheit mit keiner crêatûre haben noch diz noch daz: si enwil niht
anders wan sîn. Daz si aber welle diz oder daz sîn, des enwil si niht.
Wan swer wil diz oder daz sîn, der wil etwaz sîn, sô enwil abegescheidenheit
nihtes niht sîn. Dâ von stânt alliu dinc von ir unbeswæret. Nû möhte ein
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mensche sprechen: nû wâren doch alle tugende volkomenlîche in unser vrouwen,
und alsô muoste ouch volkomeniu abegescheidenheit in ir sîn. Ist nû
abegescheidenheit hoeher dan dêmüeticheit, war umbe ruomte sich danne
unser vrouwe ir dêmüeticheit und niht ir abegescheidenheit, dô si sprach:
'quia respexit dominus humilitatem ancillae suae', daz ist: 'er sach ane die
dêmüeticheit sîner diernen', -- war umbe ensprach si niht: er sach ane die
abegescheidenheit sîner diernen? Des antwürte ich alsô und spriche, daz in
gote ist abegescheidenheit und dêmüeticheit, als verre wir tugende von gote
gesprechen mügen. Nû solt dû wizzen, daz diu minnebære dêmüeticheit got
dâ zuo brâhte, daz er sich neigete in menschlîche natûre, und stuont
<<Q408>>
abegescheidenheit unbewegelich in ir selber, dô er mensche wart, als si tete, dô
er himelrîche und ertrîche beschuof, als ich dir her nâch sagen wil. Und
wan unser herre, dô er mensche werden wolte, unbewegelich stuont an sîner
abegescheidenheit, dô weste unser vrouwe wol, daz er des selben ouch von ir
begerte und daz er in der sache anesach ir <L440> dêmüeticheit und niht ir
abegescheidenheit. Dâ von stuont si unbewegelich in ir abegescheidenheit und
ruomte sich ir dêmüeticheit und niht ir abegescheidenheit. Und hæte si niuwan
gedâht mit einem worte ir abegescheidenheit, daz si gesprochen hæte:
er sach ane mîne abegescheidenheit, dâ mite wære diu abegescheidenheit
betrüebet worden und wære niht ganz noch volkomen gewesen, wan dâ wære
ein ûzganc geschehen. Sô enmac kein ûzganc sô kleine gesîn, in dem diu
<<Q409>>
abegescheidenheit müge âne mâsen blîben. Und alsô hâst dû die sache, war
umbe sich unser vrouwe ruomte ir dêmüeticheit und niht ir abegescheidenheit.
Dâ von sprach der wîssage: 'audiam, quid loquatur in me dominus
deus', daz ist gesprochen: 'ich wil' swîgen und wil 'hoeren, waz mîn got und
mîn herre in mich rede', als ob er spræche: wil got ze mir reden, sô
kome her in mich, ich enwil niht hin ûz.

Ich lobe ouch abegescheidenheit vür alle barmherzicheit, wan barmherzicheit
enist niht anders, wan daz der mensche ûz im selber gât ûf sînes ebenmenschen
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gebresten und dâ von sîn herze betrüebet wirt. Des stât abegescheidenheit
ledic und blîbet in ir selber und lât sich kein dinc betrüeben;
wan alle die wîle dehein dinc den menschen mac betrüeben, sô enist dem
menschen niht reht. Kürzlîchen geredet: wenne ich alle tugende anesihe, sô
envinde ich keine sô gar âne gebresten und ze gote zuovüegic, als
abegescheidenheit ist.

Ein meister heizet Avicenna, der sprichet: des geistes, der abegescheiden
stât, des adel ist alsô grôz, swaz er schouwet, daz ist wâr, und swes er
begert, des ist er gewert, und swaz er gebiutet, des muoz man im gehôrsam
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sîn. Und solt daz wizzen vür wâr: swenne der vrîe geist stât in rehter
abegescheidenheit, sô twinget er got ze sînem wesene; und möhte er gestân
formelôsiclich und âne alle zuovelle, sô næme er gotes eigenschaft an sich.
Daz enmac aber got niemanne geben dan im selber; dâ von enmac got niht
mêr getuon dem abegescheidenen geiste, wan daz er sich selben im gibet.
Und der mensche, der alsô stât in ganzer abegescheidenheit, der <L442> wirt alsô
gezücket in die êwicheit, daz in kein zergenclich dinc bewegen enmac, daz er
nihtes niht enpfindet, daz lîplich ist, und heizet der werlte tôt, wan im smacket
niht, daz irdisch ist. Daz meinet sant Paulus, dô er sprach: 'ich lebe
und lebe doch niht; Kristus lebet in mir'.

Nû maht dû vrâgen, waz abegescheidenheit sî, wan si als gar edel an ir
selber ist? Hie solt dû wizzen, daz rehtiu abegescheidenheit niht anders enist,
<<Q412>>
wan daz der geist alsô unbewegelich stande gegen allen zuovellen liebes und
leides, êren, schanden und lasters als ein blîgîn berc unbewegelich ist gegen
einem kleinen winde. Disiu unbewegelichiu abegescheidenheit bringet den
menschen in die groeste glîcheit mit gote. Wan daz got ist got, daz hât er
von sîner unbewegelîchen abegescheidenheit, und von der abegescheidenheit
hât er sîne lûterkeit und sîne einvalticheit und sîne unwandelbærkeit. Und
dâ von, sol der mensche gote glîch werden, als verre als ein crêatûre glîcheit
mit gote gehaben mac, daz muoz geschehen mit abegescheidenheit. Diu ziuhet
danne den menschen in lûterkeit und von der lûterkeit in einvalticheit
und von der einvalticheit in unwandelbærkeit, und diu dinc bringent eine
<<Q413>>
glîcheit zwischen gote und dem menschen; und diu glîcheit muoz beschehen in
gnâden, wan diu gnâde ziuhet den menschen von allen zîtlîchen dingen und
liutert in von allen zergenclîchen dingen. Und dû solt wizzen: lære sîn
aller crêatûre ist gotes vol sîn, und vol sîn aller crêatûre ist gotes lære sîn.

Nû solt dû wizzen, daz got in dirre unbewegelîchen abegescheidenheit ist
êwelten gestanden und noch stât, und solt wizzen: dô got himelrîche und ertrîche
beschuof und alle crêatûre, daz gienc sîne unbewegelîche abegescheidenheit
<<Q414>>
als wênic ane, als ob nie crêatûre geschaffen wære. Ich spriche ouch
mêr: allez daz gebet und guotiu werk, diu der mensche in der zit mac
gewürken, daz gotes abegescheidenheit alsô wênic dâ von beweget wirt, als ob
niendert gebet noch guotez werk in der zit beschæhe, und enwirt got niemer
deste <L444> milter noch deste geneigeter gegen dem menschen, dan ob er daz gebet
oder diu guoten werk niemer gewürhte. Ich spriche ouch mêr: dô der sun
in der gotheit mensche werden wolte und wart und die marter leit, daz gienc
die unbewegelîche abegescheidenheit gotes alsô wênic ane, als ob er nie mensche
worden wære. Nû möhtest dû sprechen: sô hoere ich wol, allez gebet und
alliu guotiu werk sint verlorn, wan sich got ir niht anenimet, daz in ieman
dâ mite bewegen müge, und sprichet man doch: got wil umbe alliu dinc
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gebeten werden. Hie solt dû mich wol merken und rehte verstân, ob dû maht,
daz got in sînem êrsten êwigen anblicke -- ob wir einen êrsten anblik dâ
nemen solten --, alliu dinc anesach, als sie beschehen solten, und sach in
dem selben anblicke, wanne und wie er die crêatûre schepfen wolte und
wanne der sun mensche werden wolte und lîden solte; er sach ouch daz
minste gebet und guote werk, daz ieman solte tuon, und sach ane, welhez
gebet und andâht er erhoeren wolte oder solte; er sach, daz dû in morgen
wilt mit ernste aneruofen und biten, und daz aneruofen und gebet enwil got
niht morgen erhoeren, wan er hât ez erhoeret in sîner êwicheit, ê dû ie mensche
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würde. Enist aber dîn gebet niht endelich und âne ernst, sô enwil dir got
niht nû versagen, wan er hât dir in sîner êwicheit versaget. Und alsô hât
got in sînem êrsten êwigen anblicke alliu dinc anegesehen, und got würket
nihtes niht von niuwem, wan ez ist allez ein vorgewürket dinc. Und alsô
stat got alle zît in sîner unbewegelîchen abegescheidenheit, und enist doch
dar umbe der liute gebet und guotiu werk niht verlorn; wan der wol tuot,
dem wirt ouch wol gelônet, der übel tuot, dem wirt ouch dar nâch gelônet.
Disen sin redet sant Augustînus in dem fünften buoche von der drîvalticheit
in dem jüngesten capitel und sprichet alsô: "Deus autem" etc., daz ist als
vil gesprochen: "nû enwelle got, daz ieman spreche, daz got ieman zîtlîche
minne, wan bî im enist nihtes niht verloufen und ouch nihtes niht künftic
<<Q417>>
und hât alle heiligen geminnet, ê diu werlt ie wart geschaffen, als er sie <L446>
versehen hât. Und swenne ez kumet in die zît, daz er öuget in der zît, daz er
in der êwicheit hât anegesehen, sô wænent die liute, got habe eine niuwe
minne an sie geleget; und alsô, sô er zürnet oder etwaz guotes tuot, sô werden
wir gewandelt und blîbet er unwandelbære, als der sunnen schîn tuot den
siechen ougen wê und den gesunden wol, und blîbet doch der sunnen schîn
unwandelbære an im selber". Den selben sin rüeret Augustînus in dem
zwelften buoche von der drîvalticheit in dem vierden capitel und sprichet
alsô: "Nam deus non ad tempus videt, nec aliquid fit novi in eius visione",
"got ensihet niht nâch zîtlîcher wîse und enstât ouch kein niuwe gesiht in im
<<Q418>>
ûf". Ûf disen sin redet ouch Isidôrus in dem buoche von dem obersten
guote und sprichet alsô: "ez vrâgent vil liute: waz tete got, ê daz er himelrîche
und ertrîche beschuof, oder wannen kam der niuwe wille in got, daz er
die crêatûre beschuof?" und antwürtet alsô: "kein niuwer wille gestuont
nie ûf in gote, wan swie daz sî, daz diu crêatûre niht enwas in ir selber",
als si nû ist, »dâ was si doch êwelten in gote und in sîner vernunft". Got
geschuof niht himelrîche und ertrîche, als wir zergenclîche sprechen: 'daz
werde!', wan alle crêatûre sint in dem êwigen worte gesprochen. Dar zuo
mügen wir ouch nemen, als unser herre sprach ze Moyses, dô Moyses sprach
<<Q419>>
ze unserm herren: 'herre, ob Pharâô ze mir sprichet, wer dû sîst, wie sol ich
im antwürten?', dô sprach unser herre: 'sô sprich: der dâ ist, der hât mich
gesant'. Daz ist alsô vil gesprochen: der dâ unwandelbære ist an im selber,
der hât mich gesant.

Nû möhte ein mensche sprechen: hâte Kristus ouch unbewegelîche
abegescheidenheit, dô er sprach: 'mîn sêle ist betrüebet biz in den tot' und Mariâ,
dô si stuont under dem kriuze, und saget man doch vil von ir klage, -- wie
mac diz allez bestân mit unbewegelîcher abegescheidenheit? Hie solt dû wizzen,
daz die meister sprechent, daz an einem ieclîchen <L448> menschen zweierhande
menschen sint: der eine heizet der ûzer mensche, daz ist diu sinnelicheit, dém
menschen dienent die fünf sinne und würket doch der ûzer mensche von kraft
der sêle. Der ander mensche heizet der inner mensche, daz ist des menschen
innerkeit. Nû solt dû wizzen, daz ein geistlîcher mensche, der got minnet,
<<Q420>>
gebrûchet der sêle krefte in dem ûzern menschen niht vürbaz, wan als die
fünf sinne ze nôt bedürfen, und diu inwendicheit enkêret sich niht ze den
fünf sinnen, wan als verre als si ein wîser und ein leiter ist der fünf sinne
und ir hüetet, daz sie niht gebrûchent irs gegenwurfes nâch vihelicheit, als
etlîche liute tuont, die lebent nâch ir lîplîcher wollust, als diu vihe tuont, diu
âne vernunft sint; und solhe liute heizent eigenlîcher vihe dan liute. Und
swaz diu sêle krefte hât über daz si den fünf sinnen gibet, die krefte gibet
diu sêle alle dem innern menschen, und sô dér mensche etwaz hôhes edeles
gegenwurfes hât, sô ziuhet si an sich alle die krefte, die si den fünf sinnen
gelihen hât, und heizet der mensche sinnelôs und verzücket, wan sîn gegenwurf
<<Q421>>
ist ein vernünftic bilde oder etwaz vernünftiges âne bilde. Doch wizze,
daz got von einem ieclîchen geistlîchen menschen muotet, daz er in minne mit
allen kreften der sêle. Dâ von sprach er: 'minne dînen got von ganzem
herzen'. Nû sint etlîche liute, die verzernt der sêle krefte alzemâle in dem
ûzern menschen. Daz sint die liute, die alle ir sinne und vernunft kêrent ûf
zergenclich guot, die enwizzen nihtes niht von dem innern menschen. Nû
solt dû wizzen, daz der ûzer mensche mac in üebunge sîn, daz doch der inner
mensche des genzlîche ledic stât und unbewegelich. Nû was in Kristô
<<Q422>>
ouch ein ûzwendiger mensche und ein inwendiger mensche, und ouch in unser
vrouwen; und swaz Kristus und unser vrouwe ie geredeten von ûzern sachen,
daz tâten sie nâch dem ûzern menschen, und stuont der inner mensche in
einer <L450> unbewegelîchen abegescheidenheit. Und alsô redete Kristus, dô er sprach:
'mîn sêle ist betrüebet biz in den tôt', und swaz unser vrouwe klagete, und
ander rede, die si tete, sô stuont doch alzît ir inwendicheit in einer unbewegelîchen
abegescheidenheit. Und nim des ein ebenbilde: ein tür gât in einem
angel ûf und zuo. Nû glîche ich daz ûzer bret an der tür dem ûzern menschen,
sô glîche ich den angel dem innern menschen. Sô nû diu tür ûf und
zuo gât, sô wandelt sich daz ûzer bret hin und her, und blîbet doch der angel
an einer stat unbewegelich und enwirt dar umbe niemer verwandelt. Ze
glîcher wîse ist ez ouch hie, ob dû im kanst rehte tuon.

<<Q423>>

Nû vrâge ich hie, waz der lûtern abegescheidenheit gegenwurf sî? Dar
zuo antwürte ich alsô und spriche, daz weder diz noch daz ist der lûtern
abegescheidenheit gegenwurf. Si stât ûf einem blôzen nihte, und sage dir, war
umbe daz ist: diu lûteriu abegescheidenheit stât ûf dem hoehsten. Nû stât
der ûf dem hoehsten, in dem got nâch allem sînem willen gewürken mac. Nû
enmac got niht in allen herzen gewürken nâch allem sînem willen, wan swie
daz sî, daz got almehtic ist, sô enmac er doch niht gewürken, wan als er
bereitschaft vindet oder machet. Und spriche ich dar umbe 'oder machet' von
<<Q424>>
sant Paulus wegen, wan dâ envant er niht bereitschaft, aber er bereite in mit
dem îngiezenne der gnâden. Dâ von spriche ich: got würket dar nâch, als
er bereitschaft vindet. Sîn würken ist anders in dem menschen dan in dem
steine. Des vinden wir ein glîchnisse in der natûre: sô man einen bakoven
heizet und dar în leget einen teic von habern und einen von gersten und
einen von roggen und einen von weizen, nû enist niht dan éin hitze in dem
ovene und enwürket doch niht glîch in den teigen, wan der ein wirt schoene
brôt, der ander wirt rûcher, der dritte noch rûcher. Und daz enist niht der
hitze schult, ez ist der materien schult, diu dâ unglîch ist. Ze glîcher wîse sô
enwürket got niht glîch in allen herzen; er würket dar nâch, als er bereitschaft
und enpfenclicheit vindet. In welhem herzen ist nû diz oder daz,
<<Q425>>
in dem 'diz oder daz' mac etwaz sîn, daz got ûf daz hoehste <L452> niht gewürken
enmac. Dâ von, sol daz herze bereitschaft haben ûf daz aller hoehste, sô muoz
ez stân ûf einem blôzen nihte, und dar inne ist ouch diu groeste mügelicheit,
diu gesîn mac. Wan nû daz abegescheiden herze stât ûf dem hoehsten, daz
muoz sîn ûf dem nihte, wan dâ ist diu groeste enpfenclicheit inne. Des nim
ein glîchnisse in der natûre. Wil ich schrîben an eine wehsîn taveln, sô enmac
kein dinc sô edel gesîn, daz an der taveln geschriben stât, ez enirre
mich, daz ich niht dar ane geschrîben enmac; und wil ich wol schrîben, sô
muoz ich allez daz tilgen und toeten, daz an der taveln stât, und vüeget mir
diu tavel niemer als wol ze schrîbenne, als sô nihtes niht an der taveln stât.
<<Q426>>
Ze glîcher wîse: sol got in mîn herze schrîben ûf daz aller hoehste, sô muoz
ûz dem herzen komen allez, daz diz und daz geheizen mac, und alsô stât daz
abegescheiden herze. Dâ von sô mac got dâ gewürken ûf daz aller hoehste
und nâch sînem obersten willen. Dâ von ist des abegescheidenen herzen
gegenwurf weder diz noch daz.

Nû vrâge ich aber: waz ist des abegescheidenen herzen gebet? Des antwürte
ich alsô und spriche, daz abegescheideniu lûterkeit enkan niht beten,
wan swer betet, der begert etwaz von gote, daz im werde, oder begert aber,
daz im got etwaz abeneme. Nû enbegert daz abegescheiden herze nihtes
<<Q427>>
niht, ez enhât ouch nihtes niht, des ez gerne ledic wære. Dar umbe sô stât
ez ledic alles gebetes und enist sîn gebet niht anders dan einförmic sîn mit
gote. Dar ûf stât allez sîn gebet. Von disem sinne mügen wir nemen
daz wort, daz sant Dionysius sprichet über daz wort sant Pauls, dâ er
sprichet: 'ir sint vil, die alle loufent nâch der krône und enwirt doch niht dan
einem' -- alle krefte der sêle loufent nâch der krône und enwirt doch aleine
dem wesene -- hie sprichet Dionysius: der louf enist niht anders dan ein
abekêren von allen crêatûren und sich vereinigen in die ungeschaffenheit. Und
<<Q428>>
sô diu sêle dâ zuo kumet, sô verliuset si irn namen und ziuhet sie got <L454> in
sich, daz si an ir selber ze nihte wirt, als diu sunne daz morgenrôt an sich
ziuhet, daz ez ze nihte wirt. Dâ zuo enbringet den menschen kein dinc
dan lûteriu abegescheidenheit. Dâ zuo mügen wir ouch nemen daz wort, daz
Augustînus sprichet: diu sêle hât einen heimlîchen înganc in götlîche natûre,
dâ ir alliu dinc ze nihte werdent. Dirre înganc enist ûf ertrîche niht
anders dan lûteriu abegescheidenheit. Und sô diu abegescheidenheit kumet
ûf daz hoehste, sô wirt si von bekennenne kennelôs und von minne minnelôs
und von liehte vinster. Dâ von mügen wir ouch nemen, daz ein meister
sprichet: die armen des geistes sint die, die gote alliu dinc gelâzen hânt, als
er sie hâte, dô wir niht enwâren. Diz enmac nieman getuon wan ein lûter
abegescheiden herze. Daz got in einem abegescheidenen herzen lieber sî dan
<<Q429>>
in allen herzen, daz merken wir dar ane, wan vrâgest dû mich: waz suochet
got in allen dingen?, sô antwürte ich dir ûz dem buoche der wîsheit; dâ
sprichet er: 'in allen dingen suoche ich ruowe!' Sô enist niendert ganziu ruowe
dan aleine in dem abegescheidenen herzen. Dâ von ist got lieber dâ dan in
andern tugenden oder in deheinen dingen. Ouch solt dû wizzen: ie mê sich
der mensche dar ûf setzet, daz er enpfenclich sî des götlîchen învluzzes, ie
sæliger er ist; und wer sich gesetzen mac dâ inne in die obersten bereitschaft,
der stât ouch in der obersten sælicheit. Nû enmac kein mensche sich enpfenclich
gemachen des götlîchen învluzzes dan mit einförmicheit mit gote, wan
dâ nâch als ein ieclich mensche einförmic ist mit gote, dâ nâch ist er
enpfenclich des götlîchen învluzzes. Nû kumet einförmicheit dâ von, daz sich der
<<Q430>>
mensche wirfet under got; und als vil sich der mensche wirfet under die crêatûre,
alsô vil ist er minner einförmic mit gote. Nû stât daz lûter abegescheiden
herze ledic aller crêatûren. Dâ von ist ez alzemâle geworfen under got,
und dâ von stât ez in der obersten einförmicheit mit gote und ist ouch aller
enpfenclîchest des götlîchen învluzzes. Daz meinet sant <L456> Paulus, dô er
sprach: 'leget an iuch Jêsum Kristum', und meinet: mit einförmicheit mit Kristô,
und daz anelegen enmac niht beschehen dan mit einförmicheit mit Kristô.
Und wizze: dô Kristus mensche wart, dô ennam er niht an sich einen
menschen, er nam an sich menschlîche natûre. Dâ von sô ganc ûz aller dinge,
sô blîbet aleine, daz Kristus an sich nam, und alsô hâst dû Kristum an dich
geleget.

Wer nû volkomener abegescheidenheit adel und nutz merken welle, der
neme Kristi wort war, diu er von sîner menscheit sprach, dô er sprach ze
<<Q431>>
sînen jüngern: 'ez ist iu nütze, daz ich von iu var, und gân ich niht von iu,
sô enmac iu der heilige geist niht werden'. Rehte als ob er spræche: ir hât
ze vil lustes ûf mîn gegenwürtigez bilde geleget, dâ von enmac iu der
volkomene lust des heiligen geistes niht werden. Dâ von scheidet abe diu
bilde und einiget iuch mit formelôsem wesene, wan gotes geistlîcher trôst
ist zart; dar umbe wil er sich niemanne erbieten dan dem, der lîplîchen trôst
versmæhet.

Nû merket, alle vernünftigen liute! Ez enist nieman baz gemeit dan
der dâ stât in der groesten abegescheidenheit. Ez enmac kein vleischlîcher
und lîplîcher trôst niemer gesîn âne geistlîchen schaden, 'wan daz vleisch
begert wider den geist und der geist wider daz vleisch'. Dar umbe, swer in
dem vleische sæjet ungeordente minne, der snîdet abe den êwigen tôt;
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und swer in dem geiste sæjet ordenlîche minne, der snîdet von dem geiste daz
êwige leben. Dâ von, ie belder der mensche vliuhet von der geschepfede,
ie belder im zuoloufet der schepfer. Hie merket, alle vernünftigen menschen!
Sît der lust, den wir gehaben möhten an dem lîplîchen bilde Kristî,
uns sûmet an der enpfenclicheit des heiligen geistes, wie vil mê sûmet denne
gegen gote der ungeordente lust, den wir hân ûf zergenclîchen trôst! Dâ
von ist abegescheidenheit daz aller beste, wan si reiniget die sêle und liutert
die gewizzene <L458> und enzündet daz herze und wecket den geist und machet snel
die begirde und tuot got erkennen und scheidet abe die crêatûre und
vereiniget sich mit gote.

<<Q433>>

Nû merket, alle vernünftigen menschen! Daz snelleste tier, daz iuch treget
ze dirre volkomenheit, daz ist lîden, wan ez niuzet nieman mê êwiger
süezicheit, dan die mit Kristô stânt in der groesten bitterkeit. Ez enist
niht gelligers dan lîden und enist niht honicsamers dan geliten-hân; ez
entstellet den lîp nihtes mêr vor den liuten dan lîden und enzieret aber die sêle
vor gote nihtes mêr dan geliten-hân. Daz vesteste fundament, dar ûf disiu
volkomenheit gestân mac, daz ist dêmüeticheit, wan swelhes natûre hie kriuchet
in der tiefsten niderkeit, des geist vliuget ûf in daz hoehste der gotheit,
wan liebe bringet leit, und leit bringet liebe. Und dâ von, swer begert ze
<<Q434>>
komenne ze volkomener abegescheidenheit, der stelle nâch volkomener
dêmüeticheit, sô kumet er in die næhede der gotheit.

Daz uns daz allen widervar, des helfe uns diu oberste abegescheidenheit,
daz ist got selber. Âmen.


tgl, 5.1.2002