Paul Goldstainer: Gmünder Chronik (hs. 1549/50)

Textgrundlage: Klaus Graf, Gmünder Chroniken im 16. Jahrhundert. Texte und Untersuchungen zur Geschichtsschreibung der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd. Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag 1984. ISBN: 3-921703-53-0 (ca. 350 S.; 30 DM)
Gescannt und 1 Korrektur gelesen: Thomas Gloning, 11/98
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Abbildung (rechts):
Herzog August Bibliothek 124.4 Quodl. 4o, Bl. 1r.


|239:13| [1] Von anfang, namen, unnd herckhummen, des hailigen reichsstatt Schwebischen Gmund
|239:14| aus den cronicken zu:osamen gebracht.

|239:15| [2r] Von dem anfang und ursprung der statt Gmund in Schwaben.

|239:16| Erstlich, hatt die loblich reichsstatt Gmund in Schwaben iren ursprung unnd anfang,
|239:17| auszer den alten historien unnd cronicken genommen:

|239:18| Als man zalt nach der gepurt Cristi unsers erlo:esers, tauszend, hundert und zehen jar,
|239:19| da die hertzogen von Schwaben, mit namen Conrad der dritt, Friderich der erst, Hainricus,
|239:20| Philippus, Fridericus der ander, Barbarossa genant [!], haben innen ghept und gerettet
|239:21| das ro:emisch reich, unnd ir wonung ghapt zu Hohenstauffen dem berg, unnd zu Lorch
|239:22| das closter, und zu Walthaussen alda ir cantzelly ist geweszen. Die genanten kaiser, kunig,
|239:23| unnd hertzogen haben die statt Gmund fur ir aigen gericht gehapt, unnd geschriben,
|239:24| auch mit stettrecht, privilegien und freyhaiten begabt, und dem ro:emischen reich zu geaygnet
|239:25| als andere stett in diszen landen als Ulm, Esslingen unnd Reuttlingen.

|239:26| [2v] Wie und von wem die statt Gmund erpawen ist worden

|239:27| Die statt Gmund ist erpawen, durch edel, erbar, furnem leut und eerlichen dapferen
|239:28| mannen gu:otts geschlechts, als namlich die von Ickingen, von denen von Rinderbach, die
|239:29| vom Hag etc., Feyraubent, von Leintzell, denen von Wolffstal genant, Wo:elff Burger,
|239:30| Stainheuszer, Heberling, Fener, die von Horckhaim, die Kurtzen, Gulen, Guszregen, Martbacher,
|240:1| Stewbenhaber, Zeysselmuller, die Fladen, die von Polstat, Alwich, Winckenthal,
|240:2| Thunbucher, Haugen, Rauhen, Nuttel und andere gu:otte geschlecht, die man aus den
|240:3| briefen, salbu:echern und alten burgstall befindt, als Euttenkoven, Bragenberg, Etzelsburg,
|240:4| Rinderbach, Wolffsthal, under welchen vil ritterlich und ander eerlich und loblicherr thaten
|240:5| lobs wert erfunden und gewesen seind.

|240:6| Vonn der statt Gmund ihrem eerlichen namen.

|240:7| Erstlich hatt die statt gehaisen Kaisersgereut nachmals ist sie genennt Thiergarten, als
|240:8| noch zu aim sundern antzaigen des wassers oder des bachs Thierach so damitten durch die
|240:9| statt fluisszt und noch uff heuttigen tag Thierach genennt [3r] wiert, nachvolgends von den
|240:10| obgemelten ro:emischen kaisern, kunigen, und hertzogen zu Schwaben und andern rittern,
|240:11| graffen, freyen vom adel, die all ir herlickayt, frewd unnd wunn, mit thurnieren, stechen
|240:12| und rennen auch andere ritterspil da triben, wie solchs aus dem verstanden, das der schiess
|240:13| graben under dem augustiner closter noch heutigs tags der thurnier graben genennt wiert.
|240:14| Dartzu ist die egemelte lobliche statt Gmund gebraucht, unnd von wegen solcher kaiserlichen,
|240:15| kuniglichen, furstenlichen, ritterlichen und adelichen teglichen triumphierens und
|240:16| spectackel halber, die dann den umseszen grosz freud und frolockung hat geben, darum
|240:17| der statt nam zum dritten mal geendert und gebessert unnd zu latein Gamundia id est
|240:18| gaudia mundi und zu teuttsch Gemunden oder Gmund, das dann haist ain freud der
|240:19| welt, unnd mit ainem gar herrlichen adelichen wappen fur andere stett von ernanntten
|240:20| ro:emischen kaisern, kungen und hertzogen zu Schwaben, mit ainem ainhorn weisz, in
|240:21| einem roten feld, als es noch heut bey tag disze statt in irem panier und sigill braucht und
|240:22| an andern orten pfligt zufueren, gantz aller gna:edigst fursehen unnd begabt worden etc.

|240:23| [3v] Es hatt auch die statt Gmund vorzeytten mit pfarrlichen rechten gen Lorch geho:ert,
|240:24| da ist sedes capituli vor alter und nach laut der brieff daruber auffgericht etc.

|240:25| Nach der geburt Cristi 1297 seind etlich pfrienden zu Lorch im dorff ausz mercklichen
|240:26| ursachen dem thumstifft zu Augspurg mit der pfarrkirchen sanct Johanns hie zu
|240:27| Gmund, durch den abbt und convent zu Lorch ubergeben und durch die oberkayt incorporiert
|240:28| und eingeleipt mit aller notturfft und rechten versehen worden.

|240:29| Es wiert auch diszer statt alt eerlich herkhummen erkent, bey den gotsheuszern und
|240:30| clo:estern, so in diszer statt erbaut worden, und noch heutigs tags altem cristenlichem loblichem
|240:31| brauch nach die cristenlichen ceremonien und Gotts dienst in solichen ghalten und
|240:32| ta:eglichs volbracht.

|240:33| Zu dem ersten ist der augustiner closter die man nennt heremitas welches durch kunig
|240:34| Conraden den dritten sein maiestat gefundiert, gstifft und aller gnedigst auffgericht ist
|240:35| worden.

|241:1| [4r] Zu dem andern ist das closter zu den predigern aus ainem freyhoff gebawen und gestifftet
|241:2| worden.

|241:3| Item zum dritten ist das barfu:osser closter durch ainen burger vom adel und patricien
|241:4| von Gmund genant Walther von Rinderbach gebawen und gestifft worden, darin sannt
|241:5| Francisscus junger ainer mit namen bru:oder David begraben ligt. Als man zelt hat von der
|241:6| gepurt Cristi 1210 jar, ist es volendt und auffgericht worden, so man minores nennt.

|241:7| Zum vierten ist das frawen closter vor der statt Gmund gelegen, Cella Dei, Gotts zell
|241:8| genent, augustiner ordens, jietzund, sub cura fratrum predicatorum, angefangen gebaut
|241:9| gestifft, durch eerlich burger diszer statt Gmund, vom geschlecht die Schauppen genant,
|241:10| auch mit groszem ablasz und gnaden begabt worden, da man von der gepurt Cristi zelt hat
|241:11| 1240 jar, in vigilia annunciacionis Marie etc.

|241:12| [4v] Und sonderlich wiert diser statt Gmund alt roum und breysz auch erkhennt, ausz
|241:13| der scho:enen herlichen pfarrkirchen, gepawen und geweicht, inn der eere des hayligen
|241:14| creutzs, unnd der gloriwirdigen himelkonigin der aller sa:eligisten junckfrawen Marie, inn
|241:15| wolicher kirchen vill pfronnden, capploneyen und ain lobliche bru:oderschafft gefundiert
|241:16| unnd gestifft, die dann durch die obgemelten, edlen, eerlichen, dapffern, rittermessigen
|241:17| patricien, geschlecht, unnd burgere, zu Gmund erbawen und fundiert worden, inn welicher
|241:18| kirchen, ain bischoff von Augspurg Hainricus genannt, geborn von Scho:eneck ligt
|241:19| begraben, welicher mit tod abgangen ist, anno 1368 am dritten tag Januarii, unnd sunst
|241:20| vil andere gutte eerliche geschlecht vom adel und burgern, die alles lobs wert seyen, auch
|241:21| groszer eerberkhait antzaigen gibt etc.

|241:22| Beschlüsz

|241:23| Durch der obgenanten fursten, herren, burger, und vorfaren, gutter werck, lob, eer,
|241:24| und dapfferkayt, exempel, und vorbild willen, sollen nach allem irem vermogen, mit
|241:25| fleisz [5r] unnd ernst nachvolgen, all gegenwertig und zukunfftig, gaistlich und weltlich,
|241:26| amptleut, regierer, und inwoner, diser loblichen kayserlichen reichs statt Gmund, der statt
|241:27| gemainen nutzs betrachten, sich daran nichs verhindern noch irren lassen, damit alain die
|241:28| statt in aller burgerlicher, fridlicher lieb, und ainigkayt geregiert, und erhalten werde,
|241:29| dann der hochberembt zierlich, orator und redner des ro:emischen senats Cicero spricht,
|241:30| das under allen gemain, oder gesellschafften, nichs ubertreffenlicher und vester sey, dann
|241:31| ain versamlete gemainschafft gu:otter fru:ommer menner, die gleicher gu:otter sitten seindt,
|241:32| unnd dann weyter spricht gemelter Cicero das auch under allen gemainschafften, kaine
|241:33| innbrunstiger, und angenemer, dann die unnser jiecklichen zu dem gemainen nutzs sein
|241:34| soll, wann wie wol vatter und muetter lieb seind, die kinder lieb seyen, die gesiptten
|241:35| freund und beywoner lieb seyen, so hat doch das gemain vatterlandt die lieb der selbigen
|242:1| alle begriffen, von welches vatterlands, wegen, ainem jieden fromen (soverr er nutz damit
|242:2| schaffen mag) sich in tode zubegeben gepurt. Dann wiewol dise statt Gmund [5v] erstlich
|242:3| ain dapffern treffenlichen anfang von den romischen kaisern, konigen und hertzogen zu
|242:4| Schwaben, gehabt, unnd volgends mit vil eerlichen adelichen geschlechten getziert worden,
|242:5| so hat doch sich zwischen gemelten geschlechten dermassen sovil onainikhayt, zwitracht
|242:6| ero:egt, und eingerissen, das ain jieder dem andern sein beschaffen gluck, eerr und
|242:7| wolfart, so ime Gott der almechtig verlihen, miszgundet hat, daraus nun gevolgt, das gemelte
|242:8| geschlecht, gantz in abfall khommen, dann vermo:eg des hailigen evangeliums, so
|242:9| mag kain reich, des in im selbst zertailt und widerwertig, langen bestand haben, sunder
|242:10| mu:osz zersto:ert werden, des haben wir nun vil scho:ener exempel inn Tito Livio, der ro:emischen
|242:11| historien schreiber. Als die ro:emer, beynahendt die gantzen welt under ir regiment
|242:12| und herschung gebracht haben, dweil die statt Rom durch den ro:emischen rathe daselbst
|242:13| in fridlicher burgerlicher ainigkayt geregiert wurde, so bald sich aber die patricien und
|242:14| hohe geschlecht, einrissen und ain jieder vermaint edler und ho:eher, dann der ander zesein,
|242:15| da wurden sich zwischen inen, auch vil zwitracht und onainigkayt begeben, dermassen
|242:16| [6] das zu letst der erst ro:emisch imperator, und kaiser Julius genannt (der auch
|242:17| ainer von dem ro:emischen geschlecht war) Rom mit hilff der teuttschen erobert, die under
|242:18| sein aigen gewalt und joch bracht, unnd seine widerwertigen zu Rom gantz vertilgkt und
|242:19| vertrib. Nach dem aber die alten eerlichen geschlecht, diser statt Gmund, ausser ob angeregter
|242:20| ursachen gantz zu abfall khomen, sich zum tail, ausser diser statt gethon und abgestorben,
|242:21| habenn sich dannocht nach inen andere nachkhommende frum erber leut mit
|242:22| hilff des almechtigenn, (in ansehung, das disze statt ain waldstatt ist, kain schiffreich wasser,
|242:23| grosse landtstras, wein, und korn wachs hat) fursichtiglichen und vernunfftiglichen
|242:24| understanden ir narung und auffenthaltung mit kauffmanschafft unnd gewerben in frembden
|242:25| und vernen landen, mit bewagnus irs leibs und gu:ots zusu:ochen, damit sie sichs selbs,
|242:26| unnd die andern ire armen mitverwanten burger mo:echten dester stattlicher unnderhalten
|242:27| und hinbringen, unnd also mancher handt gewerb, und hantierung auch handtwercksleut
|242:28| alhie [6v] auffgericht, als namlich die segessenschmid welche segessen sie dann in
|242:29| Franckreich fueren, darnach mit paternoster, als augstainin cristallin, von bainwerck, geschmeltz
|242:30| stainwerck auch holtzswerck und anderen geschmelztem zewg, die selbigen arbait
|242:31| gen Lisibona, Venedig, Maylandt, Paris, Leon und andere ort in Italien gefuert, weliche
|242:32| volgends inn Turckey und andere o:erter gefuert werden, dargegen sie die gewerbsleut,
|242:33| gut, nutzbarlich gegenwaren, als seyden gewandt, gwurtz, edelgstain, welschwein, und anders
|242:34| inn teuttsche nation und dise statt gebracht, unnd in sonderhayt die bomwollen, darmit
|242:35| sich vil weibsbilder, inn diser statt mit spinnen und wircken, der baumwullin schlair
|242:36| erneren und auffenthalten, des dann noch diser weil, unnser narung, hanthierung und
|242:37| kauffmanschafft ist.

|242:38| Also sey mit der kurtzin von anfang der statt Gmund geschriben. Got der almechtig
|242:39| wolle durch sein gnadenreiche unauszsprechenliche barmhertzigkait dem magistrat,
|242:40| und allen innwonern, diser loblichen statt Gmund, sein genad verleihen und mittailen
|242:41| hie in diszem [7r] zeyt, ain glucksa:eligs regiment, wolfart, frid, und burgerliche ainigkayt,
|242:42| unnd nach disem zergencklichen leben, die freud der ewigen sa:eligkhayt und anschawung
|242:43| des aller hochsten [.] Das verley unns Got, vatter, sun und hayliger gaist Amen.